Ist das Leben nur eine sehr lange To-Do-Liste?

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Im Zeitalter der umfassenden Selbstoptimierung könnte man das glauben.

to-do-liste

 

Natürlich mache ich mir auch To-do-Listen. Wen ich anrufen will. Was einzukaufen ist. Welche wichtigen Termine ich nicht vergessen darf.

So was ist nützlich. Vorausgesetzt, ich gucke öfter auf die einzelnen Punkte. Ich mache das noch ganz „old school“ in meinem  Filofax, weil das schneller geht als im Smartphone mit Evernote & Co.

Manchmal umfasst so eine Liste bei mir zehn bis fünfzehn Punkte. Und es ist ein gutes Gefühl, wenn ich am Tag etliche Punkte, die ich notiert habe, wegstreichen kann, weil ich sie erledigt habe. Oder sie sich von selbst.

Was wichtig ist und ich heute nicht machen konnte, übertrage ich auf einen der nächsten Tage.Dabei hilft mir oft das Eisenhower-Quadrat, also die Entscheidung zwischen „Wichtig!“ und „Dringend!“.

Dabei ist mir aufgefallen, dass es zuweilen Punkte auf der Liste gibt, die ich immer weiter übertrage. Wenn ich das bemerke, geht ein rotes Lämpchen bei  mir an und ich frage mich: „Will oder muss ich diesen Punkt wirklich machen?“

Meist lautet die Antwort: nein. Und ich streiche den Punkt völlig. Denn die Tatsache, dass ich etwas immer wieder hinausschiebe, zeigt mir, dass es weder dringend ist – noch anscheinend wichtig. Also, weg damit!

 

Haben Sie auch schon eine Bucket-Liste?

Doch dieser pragmatische Umgang mit To-Do-Listen ist ja was für Anfänger. Fortgeschrittene in dieser Disziplin wenden die Methode an, um auch wichtigere Wünsche und Ziele zu notieren als daran zu denken, Klopapier zu besorgen oder die Schwiegermutter anzurufen.

Vor einigen Jahren sah ich den Film „Das Beste kommt zum Schluss“, in der Morgan Freeman als schwerkranker Mann seinem Mitpatienten Jack Nicholson erklärt, was er vor seinem Tod noch unbedingt erleben oder erledigen möchte. Er nannte es die „bucket-list“.

 

Mittlerweile hat die Sache mit diesen Bucket-Listen ja überhand genommen. Stöbere ich etwa danach bei Amazon, finde ich Bücher mit Listen, die einen durch alle wichtigen Phasen des Lebens begleiten können:

100 Dinge, die man tun sollte, bevor man 18 wird

66 ½ Dinge, die eine Frau im Leben machen sollte

100 Dinge, die MANN einmal im Leben getan haben sollte

Die ultimativen 101 Dinge für alle, die nicht alt und langweilig werden wollen

100 Dinge, die man einmal im Leben getan haben sollte

Opa für Anfänger: 96 Dinge, die ein echter Opa können muss!

 

Du lieber Himmel! Können wir denn gar nichts mehr ohne Anleitung tun?

Eigentlich schon. Früher lebten die Menschen ja auch ohne diese seltsamen Anleitungen. Aber in unseren modernen Zeiten ist eben oft gut nicht gut genug. So wie ja früher Menschen auch joggten ohne es danach mit der entsprechenden App bei Facebook zu posten.

 

Ein weiteres Zeichen des Selbstoptimierungswahns?

Vor ein paar Monaten hörte ich im Amerika-Haus in Heidelberg den Vortrag von Ariadne von Schirach. Sie redete manchmal etwas wirr und wurde mir auch zwischendurch zu erzieherisch – aber die Tendenz Ihrer Aussagen fand ich schlüssig.

Wir wollen einfach alle immer besser funktionieren. Nicht nur im Job. Oder als Eltern. Oder als Paar. Für jeden Lebensbereich gibt es Hinweise, wie man es besser machen kann. (In diesem Blog ja auch immer mal.)

Daran ist per se nichts Schlechtes, sonst säßen wir ja immer noch vor der Höhle und würden rohes Fleisch runterwürgen. Den Unterschied macht – wie eigentlich immer im Leben – die Dosis, das Ausmaß.

Dreijährige lernen Sprachen oder ein Instrument. Der gymnasiale Zug wird auf acht Jahre verkürzt. Ganz Fortschrittliche messen mit einem Tracker ihre Schrittanzahl, den Puls und wie oft sie sich im Schlaf rumdrehen.

Du musst funktionieren ist das Motto unserer kapitalistischen Welt, in der vor allem Nutzen, Wettbewerb, Tempo und Effizienz wichtig sind. Und das Versprechen: Du kannst Dich neu erfinden. Umstände und Einflüsse spielen kaum eine Rolle, Du bist der Gestalter Deines Lebens.

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Und das unentbehrliche Werkzeug dieser unablässigen Bemühungen ist die To-do-Liste: Je mehr Punkte Sie darauf schaffen, umso besser werden Sie sich fühlen bzw. steigen Ihre Chancen auf dem jeweiligen Markt.

Auf der Autorenseite von „Pimp your Life – 99 Dinge, die du unbedingt mal tun solltest“ findet sich in einer Leserzuschrift auch ein möglicher Grund für dieses Bedürfnis, noch immer etwas mehr aus dem eigenen Leben zu  quetschen: „Der richtige Ratgeber gegen aufkommende Lebenslangeweile.“

Wie gesagt: nichts gegen Wünsche, die einen von irgendwoher anspringen und die man in absehbarer Zeit auch leben kann. Aber bitte keine To-do-Liste, die mahnend am Kühlschrank hängt, was man im Leben noch erledigen sollte.

Und wenn schon eine Liste, dann lieber eine To-be-Liste, die einen erinnert, dass das Leben kein Parcours ist, den man bewältigen muss – sondern ein Wunder, das wir leben dürfen.
 

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Bild: © www.cartoon4you.de

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

10 Kommentare

  1. To-Do-Listen sind ja nachweislich ziemlich sinnvoll.

    Bei diesen Bucket-Listen habe ich oft das Gefühl, dass diese vor allem den Zweck haben, ihren Besitzer interessant erscheinen zu lassen. Es geht darum, ein Image aufzubauen.

    Wenn auf der Liste steht „Einmal einem Obachdachlosen richtig viel Geld geben“, dann wirkt das direkt großzügig, obwohl tatsächlich noch nichts passiert ist.

    Andere Punkte vermitteln den Eindruck von gutem Geschmack oder dass man einem elitären Kreis angehört.

  2. Auch ich wurde in dem Artikel angesprochen und musste schmunzeln und nachdenken. In meinem ausdauerblog habe ich ihn in die Liste der lesenswerstesten Artikel aus dem Juni aufgenommen. Hier mein Kommentar dazu:

    Zum Schluss noch einmal mehr Roland Kopp-Wichmann vom Persönlichkeits-Blog. Ich mag seine oft sehr querdenkerischen Ansätze, die einen Selbstoptimierer – wie ich es oft bin – schnell mal zum Nachdenken veranlassen. Und diese Selbstreflexion ist nie verkehrt, vor allem wenn sie auch noch mit einer gehörigen Portion Augenzwinkern dargelegt wird.

    Kopp-Wichmann nimmt den Selbstoptimierungswahn auf die Schippe und hat dabei vor allem zu lange ToDo-Listen und vor allem die Mode der Bucket-Listen im Visier. Das Leben ist nämlich mehr als nur das Abarbeiten dieser Listen und damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Dennoch habe auch ich eine solche Bucketliste…
    http://www.ausdauerblog.de/diese-7-artikel-solltest-du-unbedingt-lesen/

    Viele Grüße
    Torsten vom ausdauerblog

  3. Ein weises und wirklich anrührendes Buch zum Thema: Was zählt eigentlich wirklich im Leben? fiel mir grad gestern wieder in die Hände. Fast 20 Jahre alt oder jung, bewegt es mich und viele meiner KundenInnen, denen ich es in die Hand gedrückt habe,immer noch und wieder:
    Mitch Albom, Dienstags bei Morrie – Die Lehre eines Lebens. http://tinyurl.com/pekcnze

    Für mich ist vor allen Dingen hängen geblieben die Frage: Hatten SIE jemals einen solchen Lehrer? Nein, hatte ICH nicht. Hatten viele meiner KundenInnen nicht. Und dennoch glaube ich, dass wir mehr solche ‚Lehrer‘ wie Morrie brauchen, die außer Wissen auch Lebenskunde vermitteln.
    Herzlich grüßt
    Maria Ast

  4. Ein toller Artikel!
    Zeitalter der umfassenden Selbstoptimierung – das trifft es wunderbar. Und ohne Ratgeber geht nichts mehr. Kein Wunder, dass man da schon bei den normalsten Dingen der Welt überfordert ist: Essen zubereiten, schwanger sein, Kindergeburtstage organisieren.
    Ich persönlich habe eine Liste für wirklich wichtige und richtig dringende Dinge, aber sonst nicht. Manchmal muß man sich auch vom Leben überraschen lassen.

  5. Mit To-do-Listen stand ich immer auf Kriegsfuß. Und auch Jahrespläne haben mich mehr oder weniger unter Druck gesetzt. Im Leben ist es wie beim Wandern – trotz guter Vorbereitung kommen oft unvorhersehbare Ereignisse und man erreicht sein Ziel nicht so schnell wie geplant (oder auch gar nicht). Vor drei Jahren habe ich mir aufgeschrieben, was ich in sieben Jahren noch tun möchte. Es sind keine 100 Dinge, sondern nur Dinge, die mir am Herzen liegen: mehr für meine Gesundheit tun, Zeit haben für gute Beziehungen, das Leben genießen und noch drei Bücher schreiben (eins ist gerade fertig geworden und das nächste angefangen). Die lange Zeit lässt viel Raum, Dinge Schritt für Schritt anzugehen und die Augen offen zu halten, um neue Chancen zu erkennen.
    Herzliche Grüße
    Gerda Hoffmann

  6. Hallo,
    zunächst mal vorneweg: Ich habe keine Bucket-List :-).
    Ich denke, in dieser Frage ist der Mittelweg mal wieder sehr hilfreich. Eine Liste für das Leben, die sklavisch abgearbeitet werden muss, ist sicher nicht gut. Wenn dann was offen bleibt, dann war das Leben verfehlt????
    Wenn mir aber etwas einfällt, das ich gerne mal irgendwann machen möchte, dann schreib ich mir das auf und fange an es zu planen. Daran ist ja sicher nichts falsch.
    Auch bei To-do- oder Bucket-Listen ist es wie mit dem Essen: Es kommt immer auf das rechte Maß an.
    Liebe Grüße
    Uwe

  7. Ein sehr weiser Artikel, der mir sehr aus dem Herzen spricht. Vielen Dank!
    „Das Leben ist kein Parcours, den wir bewältigen müssen, sondern ein Wunder, das wir leben dürfen.“
    Tolle Formulierung. Das muss ich mir merken.

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