Ist das Leben nur eine sehr lange To-Do-Liste?

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Allgemein

 

Natürlich mache ich mir auch To-do-Listen. Wen ich anrufen will. Was einzukaufen ist. Welche wichtigen Termine ich nicht vergessen darf.

So was ist eine nützliche Methode. Vorausgesetzt, ich gucke öfter auf die einzelnen Punkte und die dahinter verborgenen Informationen. Ich mache das noch ganz „old school“ in meinem  Filofax auf Papier, weil das schneller geht als im Smartphone mit Evernote & Co.

Manchmal umfasst so eine Liste bei mir zehn bis fünfzehn Punkte. Und es ist ein gutes Gefühl, wenn ich am Tag etliche Punkte, die ich notiert habe, wegstreichen kann, weil ich sie erledigt habe. Oder sie sich von selbst.

Was wichtig ist und ich heute nicht machen konnte, übertrage ich auf einen der nächsten Tage.Dabei hilft mir oft das Eisenhower-Quadrat, also die Entscheidung zwischen „Wichtig!“ und „Dringend!“.

Dabei ist mir aufgefallen, dass es zuweilen Punkte auf der Liste gibt, die ich immer weiter übertrage. Wenn ich das bemerke, geht ein rotes Lämpchen bei mir an und ich frage mich: „Will oder muss ich diesen Punkt wirklich machen?“

Meist lautet die Antwort: nein. Und ich streiche den Punkt völlig. Denn die Tatsache, dass ich etwas immer wieder hinausschiebe, zeigt mir, dass es weder dringend ist – noch anscheinend wichtig. Also, weg damit!

to-do-liste

Haben Sie auch schon eine Bucket-Liste?

Doch dieser pragmatische Umgang mit To-Do-Listen ist ja was für Anfänger. Fortgeschrittene in dieser Disziplin wenden eine Liste auch an, um wichtigere Projekte, Wünsche und Ziele zu notieren als daran zu denken, Klopapier zu besorgen oder die Schwiegermutter anzurufen.

Vor einigen Jahren sah ich den Film „Das Beste kommt zum Schluss“, in der Morgan Freeman als schwerkranker Mann seinem Mitpatienten Jack Nicholson erklärt, was er vor seinem Tod noch unbedingt erleben oder erledigen möchte. Er nannte es die „bucket-list“.

 

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https://www.youtube.com/watch?v=LgaZfQbRxkU

Mittlerweile hat die Sache mit diesen Bucket-Listen ja überhand genommen. Stöbere ich etwa danach bei Amazon, finde ich Bücher mit Listen, die einen durch alle wichtigen Phasen des Lebens begleiten können, so zum Beispiel:

100 Dinge, die man tun sollte, bevor man 18 wird

66 ½ Dinge, die eine Frau im Leben machen sollte

100 Dinge, die MANN einmal im Leben getan haben sollte

Die ultimativen 101 Dinge für alle, die nicht alt und langweilig werden wollen

100 Dinge, die man einmal im Leben getan haben sollte

Opa für Anfänger: 96 Dinge, die ein echter Opa können muss!

 

Du lieber Himmel! Können wir denn gar nichts mehr ohne Listen tun?

Eigentlich schon. Früher lebten die Menschen ja auch ohne solch einer seltsamen Wunderlist. Aber in unserer modernen Zeit ist eben oft gut nicht gut genug. So wie ja früher Menschen auch joggten ohne es danach mit der entsprechenden App bei Facebook zu posten.

 

Ein weiteres Zeichen des Selbstoptimierungswahns?

Vor ein paar Monaten hörte ich im Amerika-Haus in Heidelberg den Vortrag von Ariadne von Schirach. Sie redete manchmal etwas wirr und wurde mir auch zwischendurch zu erzieherisch – aber die Tendenz Ihrer Aussagen fand ich schlüssig.

Wir wollen einfach alle immer besser funktionieren und unser Selbstmanagement optimieren. Nicht nur im Job. Oder als Eltern. Oder als Paar. Für jeden Lebensbereich gibt es Hinweise, wie man es besser machen kann. (In diesem Blog ja auch immer mal.)

Daran ist per se nichts Schlechtes, sonst säßen wir ja immer noch vor der Höhle und würden rohes Fleisch runterwürgen. Den Unterschied macht – wie eigentlich immer im Leben – die Dosis, das Ausmaß.

Dreijährige lernen Sprachen oder ein Instrument. Der gymnasiale Zug wird auf acht Jahre verkürzt. Ganz Fortschrittliche messen mit einem Tracker ihre Schrittanzahl, den Puls und wie oft sie sich im Schlaf rumdrehen.

Du musst funktionieren ist das Motto unserer kapitalistischen Welt, in der vor allem Nutzen, Wettbewerb, Tempo und Effizienz wichtig sind. Und das Versprechen: Du kannst Dich neu erfinden. Umstände und Einflüsse spielen kaum eine Rolle, Du bist der Gestalter Deines Lebens.

fucktastic

Und das unentbehrliche Selbstmanagement-Werkzeug dieser unablässigen Bemühungen ist die To-do-Liste: Je mehr Punkte Sie darauf schaffen, umso besser werden Sie sich fühlen bzw. steigen Ihre Chancen auf dem jeweiligen Markt.

Auf der Autorenseite von „Pimp your Life – 99 Dinge, die du unbedingt mal tun solltest“ findet sich in einer Leserzuschrift auch ein möglicher Grund für dieses Bedürfnis, noch immer etwas mehr aus dem eigenen Leben zu quetschen: „Der richtige Ratgeber gegen aufkommende Lebenslangeweile.“

Wie gesagt: nichts gegen Wünsche, die einen von irgendwoher anspringen und die man in absehbarer Zeit auch leben kann. Aber bitte keine To-do-Liste, die mahnend am Kühlschrank hängt, was man im Leben noch erledigen sollte.

Und wenn schon eine Liste, dann lieber eine To-be-Liste, die einen erinnert, dass das Leben kein Parcours ist, den man bewältigen muss – sondern ein Wunder, das wir leben dürfen.
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Bild: © www.cartoon4you.de

Der Autor

Bloggt hier regelmäßig seit Juli 2005. Führt intensive 3-h-Online-Coachings durch.. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.