An Weihnachten können Sie feststellen, wie erwachsen Sie sind.

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Persönlichkeit

Älter wird man von allein. Fürs Erwachsenwerden muss man was tun.

Nicht immer ist das Fest der Liebe ein Datum, auf das sich alle freuen.

Die Kinder bestimmt noch am meisten. Aber für Erwachsene ist Weihnachten zuweilen nicht ungetrübt. 

Nicht nur der Stress in den Wochen zuvor auch die Feiertage selbst sind zuweilen problembelastet. Statistiken zufolge sind Streits an Weihnachten sehr häufig und auch die Scheidungsanwälte haben in den Wochen nach dem Lichterfest mehr zu tun. Woran liegt das?

Ich denke, an Weihnachten zeigt sich, wie erwachsen wir geworden sind.

Älter wird man ja von allein. Für das Erwachsenwerden muss man etwas tun. Denn Weihnachten ist das Fest, wo die meisten Menschen mit ihrer Familie zusammen kommen und es sich zeigt, ob man im Zusammensein mit den Eltern schnell wieder zum Kind von damals wird – oder ob man inzwischen erwachsen geworden ist.

Doch was bedeutet „Erwachsensein“?

Meine Definition dazu ist:

Erwachsen sind wir, wenn wir abgelöst sind von unseren Eltern und trotzdem Kontakt mit ihnen haben können.

Dabei spielt die innere Ablösung immer eine größere Rolle als die äußere. Doch sich von den Eltern abzulösen, ist gar nicht so einfach. Für beide Seiten. Denn wenn das jüngste Kind (Sohn oder Tochter) über zwanzig Jahre alt ist, realisieren auch die Eltern mehr oder weniger schmerzlich, dass sie jetzt deutlich älter geworden sind und die Elternphase unwiderruflich vorbei ist. Und dass man die Kinder ziehen lassen muss.

Ob und wie gut das Eltern können, hängt auch davon ab, wie das Elternpaar mittlerweile seine Beziehung erlebt. Und ob und wie beide die entstehende Lücke an Zeit, Raum und Sinn füllen können.

Haben sich die Eltern die letzten Jahre nur als „Vati“ und Mutti“ erlebt – anstatt auch als Paar – kann es sein, dass die Eltern das „Kind“ nicht loslassen wollen, um die sich ausbreitende Leere zwischen sich nicht so deutlich zu spüren.

Doch dieser Schritt ist wichtig. Jugendliche müssen sich von ihren Eltern lösen, damit sie intime Bindungen außerhalb der Familie eingehen können.

Die Aufgabe der Eltern besteht letztlich darin, den Jugendlichen zu befähigen, sie zu verlassen und sein eigenes Leben zu führen. Doch was im Tierreich seit Jahrmillionen gut klappt, ist bei Menschen – vielleicht wegen der vergleichsweise langen Kindheit – nicht so einfach.

„Muttersohn“ oder die „Vatertochter“ sind Beispiele, welche Folgen unbewusste Konflikte haben können, wenn diese Ablösung nicht als eine von der Evolution vorgesehene Entwicklung gesehen wird, sondern als Angriff auf die eigene Person.

Etliche Bücher und Filme haben dieses Thema behandelt (Loriot’s „Ödipussi“, „Meine Braut, ihr Vater und ich“, „Vater der Braut“). Auch mein Lieblingskomiker Dieter Nuhr kennt dieses Thema und berichtet hier, wie sich fehlendes Loslassen einer Mutter im Leben eines Mannes auswirken kann:

Sich von den Eltern abzulösen, ist nicht einfach. Es gibt zwei Wege, die Ablösung zu vermeiden:

  1. Anpassung
    Das sieht dann so aus, dass man als junger Mann oder Tochter es nicht eilig hat, von zu Hause auszuziehen. (Hier die neuesten Zahlen.) Denn es ist ja so bequem zu Hause bei Muttern. Das Essen im „Hotel Mama“ schmeckt und die Wäsche wird auch noch kostenlos gemacht. Der Vater kümmert sich um Finanzielles,  den Versicherungskram oder die Winterreifen.Oder dem jungen Paar, das eine Bleibe sucht, bieten die Eltern eine Wohnung im eigenen Haus an oder ein Nachbargrundstück, auf dem man ein Haus bauen kann. Jeder hat einen Schlüssel zur Wohnung des anderen, im Urlaub gießt man gegenseitig die Blumen und auf das kleine Kind passt die Oma auf.Alle finden das furchtbar praktisch, doch die notwendige Ablösung wird so nicht gerade einfach. Die Folgen zeigen sich oft in der Paarbeziehung, denn der Mann muss sich zwischen seiner Mutter und seiner Partnerin entscheiden (und die Frau zwischen ihrem Vater und ihrem Mann). Viele Schwiegermutter-Witze behandeln dieses Thema. Ein weiterer Weg, die Ablösung zu vermeiden, ist die
  2. Rebellion
    Um sich zu lösen, zieht man bereits im Beruf oder für das Studium mindestens 400 km weit weg, auch wenn nähere Städte ähnlich gute Studienbedingungen böten. Die Devise aber ist: „Nichts wie weg – so weit wie möglich.“Auch hat man eine gute Ausrede, wenn die Eltern am Telefon klagen, dass man sich so selten sieht: „Ich würde Euch ja auch gern öfter besuchen, aber 400 Kilometer ist halt schon sehr weit.“Etwas älter geworden, zieht man als Paar noch weiter weg. Nach London oder nach Australien. Dort kann man endlich „frei atmen“ aber vor allem, die Eltern drohen einem nicht mehr mit überraschenden Wochenendbesuchen.Rebellion ist eine wichtige Phase – in der Pubertät.Dort „muss“ der Jugendliche alles anders machen als die Eltern, um seine eigene Identität zu finden. In der Rebellion macht man von allem das Gegenteil. Hat der Vater kurze Haare, trägt man sie lang – und umgekehrt.Doch Rebellion ist noch nichts Eigenes. Es ist Anpassung – mit umgekehrtem Vorzeichen und deshalb vorhersagbar – wie die Meinung der Opposition zu einem Vorschlag der Regierung. Und manche Menschen bleiben ein Leben lang in der Rebellion stecken.

Doch was hat das jetzt alles mit Weihnachten zu tun?

Nun, an Weihnachten kann sich zeigen, ob und wie Sie abgelöst sind. Das merken Sie vielleicht schon an den Festvorbereitungen.

  • Wie feiern Sie Weihnachten?
    Schon wenn ein Paar zusammenfindet, muss es ja einen gemeinsamen Festverlauf finden, der für beide passt. Denn unweigerlich bringt jeder seine gewohnten Vorstellungen mit.Liegen diese weit auseinander („Weihnachten ohne einen richtigen Christbaum ist für mich kein richtiges Weihnachten!“ versus „Ein Plastikbaum ist doch viel praktischer – und ökologischer“).Jetzt muss man miteinander verhandeln und eine tragbare Lösung finden. Kommen jetzt die Eltern dazu und machen zu dem Thema Bemerkungen („Was? Ihr habt nicht mal einen richtigen Baum? Das ist bestimmt die Idee Deiner Frau!“) zeigt sich schnell an der Reaktion des Mannes, wie weit er abgelöst ist.Sagt er zu seiner Frau: „Siehste, meine Eltern finden den Plastikbaum auch schrecklich“ bevorzugt er die Koalition mit den Eltern – und riskiert in den nächsten Stunden einen Streit mit seiner Frau, weil sie spürt, dass er ihr in den Rücken gefallen ist.

Sagt er: „Wir hatten unterschiedliche Vorstellungen und haben uns aber für diese Lösung entschieden“ sind die Eltern vermutlich etwas pikiert („Uns gefällt er ja nicht aber bitte, es ist Eure Entscheidung!“) Denn sie spüren instinktiv, dass der Sohn eine Grenze gezogen hat. Und zwar eine notwendige Grenze – um das Paar herum.

  • Wo feiern Sie Weihnachten?
    Auch hier zeigt sich, wie erwachsen jeder der beiden Partner geworden ist. Eine schlecht abgelöste Partnerin sagt vielleicht:
    „Also, Weihnachten müssen wir zu meinen Eltern. Alles andere akzeptiert mein Vater nicht!“
    Oder: „Am liebsten würde ich Heiligabend bei uns feiern und dass wir unsere Eltern an den Feiertagen besuchen.“ Darauf er: „Ich kann doch meine einsame Mutter Heiligabend nicht allein lassen.“

 

Verstehen Sie mich nicht falsch: natürlich ist es in Ordnung, die Wünsche aller Beteiligten zu berücksichtigen und zu versuchen, möglichst viele unter einen Hut zu bringen.

Wünsche, Erwartungen und Forderungen.

Das entscheidende Wort ist „Wünsche“ – nicht Erwartungen oder Forderungen.

Letztlich kommt es darauf an, ob es Ihr Weihnachtsfest, zu dem Sie Ihre Eltern einladen. Oder ob Sie Ihre Wünsche den Erwartungen der Eltern opfern, weil Sie befürchten, dass es sonst Enttäuschung, Missstimmung und Streit gibt.

Wünsche kann man ablehnen oder modifizieren. Mit Forderungen („Das ist doch nicht zuviel verlangt, nach all dem, was wir für dich/euch getan haben“) ist das schon schwieriger. Wenn man jetzt nicht genug abgelöst, scheint der Konflikt unlösbar und man muss sich entweder anpassen oder rebellieren.

Bei der Anpassung versucht man dann, es möglichst allen recht zu machen („Es ist ja schließlich Weihnachten!“) – zahlt aber einen Preis dafür. Entweder indem man sich zu sehr verausgabt und einem das ganze Fest keine Freude mehr macht.

Oder indem man unbewusst einen Streit heraufbeschwört, weil man mehr mit den Eltern des lieben Friedens willen paktiert und der Partner aber genau spürt, dass man der heimlichen oder offenen Koalition den Vorrang eingeräumt hat.

In Beziehungen geht es immer auch um Loyalitäten. Finden sich Mann und Frau zu einem Paar, zu einer neuen Familie, zusammen, müssen sie, damit das Paar eine Zukunft hat, die Loyalität zur jeweiligen Herkunftsfamilie reduzieren. Diese Entscheidung ist nicht leicht – weshalb sie manche Menschen scheuen.

Bei der Rebellion versucht man, das Eigene dadurch zu finden, indem man sich den Erwartungen der Eltern verweigert oder entzieht. Wohnt das Paar sehr weit weg, scheint die Ablösung gelungen. („Unsere Eltern können ja nicht erwarten, dass wir nur wegen Weihnachten extra aus Neuseeland anreisen. Und die kommen aber auch nicht schnell mal vorbei!“)

Auch ein Abbruch der Beziehung („Zu meiner Mutter habe ich schon seit Jahren keinen Kontakt“) ist aus meiner Sicht keine Ablösung. Denn was man stark ablehnt, an das bleibt man auch gebunden.

Letztlich geht es bei all dem um das Thema „Getrenntheit“ und „Verbundenheit.

  • Wie weit ist es mir möglich, mich in einer Beziehung auch als Individuum getrennt zu erleben (verbunden – nicht gebunden)?
  • Muss ich mich von den Wünschen des Anderen ganz abtrennen, um meine Identität aufrecht zu erhalten („Mir doch egal, was Du willst.“)
  • Oder muss ich den Wünschen des Anderen immer nachgeben, weil ich befürchte, dass der Andere mich sonst ablehnt und die Beziehung leidet? („Wenn es Dir gutgeht, geht’s mir auch gut.“)

Wie würden Sie am liebsten Weihnachten feiern?

Wenn diese Gedanken Ihnen Sinn machen, können Sie sich ganz konkret fragen:

  1. Wie würden Sie am liebsten Weihnachten begehen (ganz konkret: Feier, Essen, Geschenke usw.) wenn es nur nach Ihnen ginge?
  2. Welche Vorstellungen und Wünsche hat Ihr Partner?
  3. Was befürchten Sie, wenn Sie Ihr Weihnachten so feiern würden, wie es für Sie stimmt?
  4. Was sind die Konsequenzen, wenn Sie es nicht tun?
  5. Wie wäre es, wenn Sie das kommende Fest zum Anlass nehmen würden, sich – sofern notwendig – ein Stück ablösen?

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Diese Anleitung können Sie sich hier als Podcast anhören oder auch hier herunterladen.

Diesen Artikel schrieb ich am 8.12.2007. Eine Lektorin des Kreuz-Verlags las ihn, rief mich an und daraus entstand mein erstes Buch. Herzlichen Dank nochmal, liebe Frau R. Ich veröffentliche hier noch einmal, weil er, glaube ich, an Aktualität nicht verloren hat.

 

kommentar Wie feiern Sie weihnachten?
wie würden Sie gerne feiern?

 

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Diesen Beitrag veröffentliche ich immer mal wieder an Weihnachten.
Einfach weil er immer noch aktuell ist.
Foto: © Fritzi Fotolia.com,

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

23 Kommentare

  1. Birgit sagt

    Weihnachten feiern wir als Kernfamilie also Vater, Mutter, Kinder obwohl wir uns als Paar vor 3 Jahren getrennt haben aber wir wohnen jeweils nur 50 Meter voneinander entfernt und teilen uns die Kindererziehung zu 50% auf. Seine Eltern wohnen in Frankreich und sie feiern mit Freunden / Familie und möchten an Weihnachten natürlich zu Hause sein und nicht durch die Weltgeschichte reisen. Meine Eltern wohnen 3 Fahrstunden entfernt, aber verbringen den Heiligabend lieber zu Zweit ohne grosses Tamtam. Leider sehen sie ihre Enkel nicht sehr oft aber ich habe das Gefühl, das ist Ihnen nur Recht und sie haben lieber ihre Ruhe. Wenn ich sie brauche für Kinderbetreuung in den Schulferien etc. springen sie aber immer ein und versuchen, mir zu helfen, wie es Ihnen eben gesundheitlich etc. möglich ist. Mit meinen Eltern pflege ich mittlerweile einen freundlichen und respektvollen Umgang und ich telefoniere oft mit meiner Mutter und tausche mich über Gott und die Welt aus. Ich habe nicht mehr das Gefühl, noch emotional mit meinen Eltern verstrickt zu sein. Von meinem Ex-Partner kann ich das so nicht behaupten.

  2. Ich habe ein paar Artikel darüber gelesen, aber das gab mir zu denken. Der Autor ist in der Lage, große Ideen für Ihr Blog zu übertragen.

  3. Geist der Weihnacht sagt

    Ich sehe diese ganze aufgesetzte Weihnachtsproblematik nicht. Drei Feiertage – drei Familien = für jede einen. Das ist eine Frage der Organisation, mehr nicht. Wenn man „alle“ sehen will an Weihnachten, dann geht das. Ist ja nicht so, dass Weihnachten plötzlich und überraschend käme…
    Wer sich nicht sehen will, sollte so erwachsen sein und das kommunizieren. Und dann halt die Konsequenzen aushalten.

  4. Vielen Dank für Ihren persönlichen Kommentar.
    „mit Enttäuschung umzugehen ist eben auch ein wichtiger Teil der Abgrenzung…“ (und des Erwachsenwerdens.)

  5. Eisblume sagt

    Für mich sind die Weihnachtstage Tage wie jeder andere Tag – 2 freie Tage, wie an jedem gewöhnlichen Wochenende.

    Ich sehe auch nicht die Notwendigkeit Wünsche / Erwartungen / Forderungen von Verwandten jeglicher Art zu erfüllen – nur weil am Kalender 2 (bzw. 3 freie Tage) eingetragen sind.
    Es käme ja auch niemand auf die Idee für den 3. Oktober – der im Rahmen der Wiedervereinigung auch Familie zusammengeführt hat – „ein Diktat zu erlassen, dass man da bei der Familie anzutreten hat…“ – warum sollte das an Weihnachten anders sein?!?

    Meine Eltern haben da zwar Wünsche & Erwartungen, stellen aber keine Forderungen auf – und sie wissen genau, dass sie damit bei jedem von uns auf Granit beißen würden.
    Wenn ich da sein will, bin ich da – wenn nicht dann nicht – damit müssen sie in beiden Fällen leben … 😉

    Ich war an Weihnachten schon bei meinen Eltern, den damaligen Schwiegies und mehrmals in Urlaub … es kommt wie es passt und so dass man die Geschwister ab und zu mal sieht.

    Mein (verstorbenener) Mann sah das genauso – wobei er lieber bei meinen Eltern oder in Urlaub war.
    Dies kam zum einen, weil das Verhältnis zu seinen Eltern nicht das beste war, zum anderen da wir beide nicht religiös waren/sind.
    Da seine Familie immer das gleichbleibend „obligatorische klassische Programm“ durchgezogen hat (Würstchen & Kartoffelsalat, Oma + Singen von Weihnachtsliedern + Kirche … gähn …), war das abwechslungsreichere Programm bei meinen Eltern (jeder bringt seine Vorschläge mit ein bei Essen, Spiele, Musik,… – so dass für jeden etwas dabei ist was ihm wichtig ist) oder der Urlaub doch angenehmer – denn auch wir hatten Wünschen und wollten einen angenehmen ungezuwungen Abend verbringen und nicht in eine Rolle gezwängt werden!!

    Für meinen damaligen Mann war es eine richtige Erleichterung, dass man in ihm (Ü30) nicht mehr den „kleinen putzigen Jungen mit der Blockflöte“ sah – sondern den „Chef am Grill“ … 🙂

    Heute – mit meinem neuen Partner – ist es eine echte Herausforderung und ich bin jedes Mal gespannt ob wir Weihnachten „überleben“ – und ob wir im Januar noch/wieder ein Paar sind, oder nicht.

    Denn mit dem Erwachsensein hat er da so seine Schwierigkeiten… jemanden zu enttäuschen – indem er z. B. etwas nicht zusagt (geschweige denn wieder absagt) gehört nicht gerade zu seinen Stärken – er würde lieber irgendwo einen langweilig Abend verbringen bei dem er schon bei der Hinfahrt keinen Bock hat, als dass er anrufen und sagen würde: „Wir kommen doch nicht!“
    Da ist bei Freunden so und bei den Eltern / seiner Schwester erst recht, Hauptsache es ist keiner enttäuscht – wenn dann maximal ich.
    Weihnachten „MUSS“ für ihn bei seiner Schwester sein (auch wenn wir bei Eis und Schnee 3h durch die Pampa fahren müsse, um Kartoffelsalat zu essen … den ganzen Abend auf der Couch geparkt zu werden und sich möglichst nicht zu unterhalten und die Kids nicht beim Auspacken zu stören (und trotz Tierhaar-Allergie auch bitte nicht zu niesen!) …?!
    Die Option Weihnachten entspannt bei meinen Eltern zu verbringen existiert für ihn nicht, denn Weihnachten verbringt man „bei SEINER Familie“ – das heißt für ihn auch nicht jeder bei seiner, sondern „bei SEINER = NICHT bei IHRER“

    Auch als Kompromiss mal ab und zu über Weihnachten in Urlaub zu fahren steht nicht zur Debatte, denn Weihnachten ist für „DIE FAMILIE“ und NICHT für DEN PARTNER – der ist an Weihnachten nur „dabei“.

    Nicht dass man meinen könnte, dass man mit zunehmendem Erwachsenwerden eine Abgrenzung vollzieht – und die bisherige Familie nun die erweitere Familie ist, während man mit dem Partner zu einer neuen Familie zusammenwächst (und dass auch unabhängig davon ob man nun Kinder hat – oder nicht).

    Zudem ist sicherlich auch noch kein Kind gestorben, weil es einen Teil der Geschenke später oder gar nicht erhalten hat (ich spreche da aus eigener Erfahrungen) – mit Enttäuschung umzugehen ist eben auch ein wichtiger Teil der Abgrenzung…
    Aber das nur am Rande …

  6. ernst sagt

    Am liebsten mit meiner Partnerin und Kinder unter 20 jahren. Das würde ich auch von meinen Kinder erwarten. Das ganze jahr höhrst du nur etwas wenn sie was brauchen, und an Weihnachten wird was erwartet. So ist es, und sicher nicht nur bei mir.

  7. Hallo Nicola,
    ich finde nicht, dass Sie rebellisch sind, sondern einen Kompromiss suchen zwischen Ihren Wünschen und denen Ihrer Eltern.
    Zum Erwachsensein gehört eben auch, dass man andere – und sogar die Eltern – manchmal enttäuschen muss. In der realistischen Erwartung, dass sie das überleben werden.

  8. Nicola Schmid sagt

    Guten Abend,
    wer diesen spannenden Artikel entdeckt hat, befindet sich – wie ich auch – vermutlich schon mitten in der Veränderungsbereitschaft für Weihnachten. Bei mir ist es keine Partnerschaft, die mich zu einem Ablösen aus dem langjährigen Ablauf motiviert, sondern die Tatsache, dass ich als erwachsene Single-Frau ohne Auto in der Stadt lebe und eine Mitternachtsmette besuchen möchte, während das meine Eltern noch nie für sich als wichtig empfunden haben. Da sie etwas abseits auf dem Lande leben, wäre ein nächtlicher Kirchgang in ihrem Alter eine „Tortur“, und diese Entscheidung respektiere ich. Andererseits merke ich Jahr für Jahr, dass es für mich kein wirklich stimmiger Heiliger Abend ist, wenn ich in ihrem Wohnzimmer bleibe – und auf die Mette verzichte. Das wäre der eigentliche Grund für den Hl. Abend – denke ich, und habe das auch schon vor 10 Jahren oder viel früher als Kind gedacht. Damals gingen mein Vater und ich abundzu in die Kindermesse. Und danach stiefelte ich manchmal alleine los, doch immer erst nach Rechtfertigung, dass ich die anderen zurücklasse, und so „ungemütlich“ sei. Das will ich jetzt nicht mehr bewerten….Also kam endlich die an sich logische Idee, den Hl. Abend in der Stadt zu bleiben, in die Mette zu gehen, und meine Eltern über die Feiertage zu besuchen. Doch: sie meinten wieder ich lasse sie allein und ich denke nicht, dass sie schon alt sind…! Das hört sich nach Vorwurf, oder herzloser Tochter an, wenn man da genau hinhört… Nun stellt sich mir die Frage, inwieweit es rebellisch, und damit postpubertär ist, ohne festen Partner (ohne das Argument Schwiegereltern) sondern nur mit dem Argument: Glauben ausüben, sich vom Wunsch der betagten Eltern ablöst. Wenn ich also mit Freunden, sofern sie in der Stadt bleiben, den Abend vor der Mette verbringe, oder im Extremfall auch ohne sie – wäre dieses Experiment eine Ablösung im Sinne von Abnabeln, oder ist das rebellisch? Und wo steck ich dann evtl. doch auftretendes schlechtes Gewissen hin, falls die Weihnachtsmesse alle möglichen Gefühle anrührt…? LG

  9. Ellen sagt

    …………ist man nur erwachsen, wenn man seinen Weg geht oder ist man erwachsen, wenn man auch die Bedürfnisse seiner Eltern (nun mal die nächsten Verwandten) berücksichtigt. M.E. gibt es zwischen Muttersöhnchen und einem erwachsenen Mann viele Varianten. Was bedeutet Familie? Sind es nicht diese Feste, die max. 2-mal im Jahr statt finden an denen sich die ganze Familie trifft bzw. überhaupt noch treffen kann, weil räumliche Distanz eine große Rolle spielt? Ich denke wir steuern auf eine sehr einsame Gesellschaft zu, wenn man nur noch sich und seine Bedürfnisse beachtet, weil es immer bequemer sein wird, nicht mehr über seinen Tellerrand hinauszusehen und die Gefühle derjenigen, die uns überhaupt erst möglich machen ignorieren. Erstaunlicher Weise kommen aber immer die Mütter der Söhne schlecht weg. Meine Großmutter sagte schon, dass eine Mutter 14 Kinder groß ziehen kann, aber 14 Kinder keine Mutter versorgen können. Weshalb sonst gibt es so viele einsame alte Menschen in unserem Wohlstandsland?

  10. Pingback: Was die Aschewolke mit Weihnachten und Pubertät zu tun hat? | malen-befreit.de

  11. Ja, um sich von den Eltern abzulösen, ist es manchmal notwendig, nicht alle Erwartungen und Wünsche erfüllen zu wollen – und andere zu enttäuschen. Der Ausgang aus dem Teufelskreis ist also, andere zu enttäuschen und darauf zu vertrauen, dass diese damit fertig werden. Es geht ja mehr darum, dass Sie es anscheinend schwer aushalten, jemanden zu enttäuschen. Der Preis dafür ist Ihr getrenntes Weihnachtsfest.

    Danke für Ihren Kommentar.

  12. Hmm interssanter Artikel ist aber durchaus schwierig…mein Partner und ich können Weihnachten nicht zusammen feiern, weil unsere Familien uns gerne bei sich haben wollen und wir leider nicht aus der gleichen stadt kommen, also heißt das Trennung zu Weihnachten und ja das stört mich gewaltig, aber andererseits kann ich auch verstehen, dass meine Familie mich da haben will….und ich will ja schließlich niemanden enttäuschen….ein Teufelskreis das ganze

  13. Oppermann sagt

    Es ist immer sehr spannend das So-Wie-Es-Ist auszuhalten, lesenswerter Beitrag, schöne Weihnachten und ich freue mich auf 2013 und ihre Angebote und Anstöße!

  14. kreidekreis sagt

    ja, diese kompromisse kenn ich nur zu gut. aber nach einigen jahren haben wir nun auch schon eine gewisse routine entwickelt, was weihnachten angeht.
    aber habt ihr euch schon einmal gedanken gemacht, warum wir uns überhaupt einen baum ins haus stellen? oder warum wir uns beschenken und woher diese bräuche kommen?!
    hab hier diesen artikel entdeckt, der einen guten überblick über das weltweite weihnachten gibt:
    http://bene.com/bueromoebel/weihnachten-hanukkah-kwanzaa-koleda-einmal-um-die-welt-und-retour/

  15. Irgendwann müssen die Kinder aus dem Haus. Man muss sie ziehen lassen. So ist das Leben bestimmt. Auch wir haben uns von unserem Elternhaus gelöst. Das heißt aber nicht, das ich keinen Kontakt mehr zu meinen Eltern habe. Es wird immer meine Eltern geben so lange sie leben. Und Weihnachten feiern wir alle zusammen und das ist auch wirklich schön. Ohne Stress!

  16. Nanu? Keiner sagt was? Sind alle damit beschäftigt, anderen Leuten die Wünsche von den Augen abzulesen oder gar Wunschzettel zu schreiben?

    Der Artikel bringt es wieder einmal auf den Punkt: man darf sich oft alles Mögliche wünschen, nur nicht so simple Dinge wie Selbstbestimmung und Frieden im eigenen Wohnzimmer. Da wissen dann andere viel besser, was gut ist…

    Allerdings in einem Punkt möchte ich widersprechen: Ablösung ist nicht schwer. Ich staune immer wieder aufs Neue, wie schnell und wirkungsvoll systemisches Ordnen sein kann.
    Was schwer ist, ist allein die Entscheidung, ins Handeln zu kommen, Klärungen nicht aufzuschieben – eben Veränderungen anzugehen. Aber vielleicht kaufen wir doch lieber schnell einen Pulli, Socken und den Lieblings-Likör für die Schwiegermama.
    Schöne Woche wünscht
    Renate

  17. @Punkt Apotheke:
    Hallo,
    manchmal ist ein Kontaktabbruch tatsächlich die einzige Lösung – für einige Zeit. Aber dann ist es wichtig, sich zu lösen. Denn im Hass oder der Ablehnung bleibt man verbunden.
    Das geht manchmal auch mit den realen Personen. Wenn nicht, kann man es auf eine innere Weise tun.
    Mehr darüber steht in meinen beiden Büchern.

    Danke für Ihren Kommentar.

  18. Punkt Apotheke sagt

    Sehr geehrter Herr Kopp-Wichmann,

    sie sagen,daß ein Kontaktabbruch keine Ablösung sei.

    Was aber,wenn gerade die Ablösung den Kontaktabbruch notwendig gemacht hat,weil

    die Eltern mit der Veränderung nicht klargekommen sind und nur noch „Gift“verspritzen.

    Vielen Dank

    Apotheke

  19. Hallo Flokati,

    Ihr „Weihnachtsvorschlag“ ist natürlich das völlige Kontrastprogramm zum Feiern in der Familie. Dazu muss man auch erwachsen sein.

    Danke für Ihren kreativen Beitrag!

  20. Flokati sagt

    Ich habe mal am 1. Weihnachtstag mit meiner Freundin 10 Stunden in der Armenküche gearbeitet, weil ich kein Geld spenden konnte und gedacht habe, dann spende ich eben meine Arbeitskraft. Das war richtig hart, wir sind danach nur noch aufs Sofa gekrochen.
    Es gab drei Mahlzeiten, die alle sehr üppig waren, und es waren so ca. 200 Menschen dort. Viele Ältere, psychisch Auffällige und wenige Familien. Zwischen den Mahlzeiten haben wir immer wieder die Tische mit Orangen, Nüssen und Schoggi aufgefüllt.
    Ich habe noch nie so viele saubere Teller abgeräumt. Die Leute hatten richtig Hunger, vor allem auf Fleisch und haben nichts auf dem Teller gelassen. Die Orangen wurden uns fast aus den Händen gerissen.
    Das eine war, die Armut zu spüren, und das andere war die Einsamkeit. Diese ganze Menschen waren allein und wussten nicht wohin.
    Wenn also jemand an Weihnachten oder mit Weihnachten seine Probleme hat, empfehle ich das Verlassen der Komfortzone.

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  22. Wie so oft: ein Thema der Eigenverantwortung. Übernehme ich diese, dann muss ich mich zwangsläufig als einziges Wesen erkennen, das für alle seine Verhaltensweisen die volle Verantwortung übernimmt (i.e.: Konsequenzen tragen).
    Ich habe mich oft gefragt, wie ich meinen Kindern auf dem Weg der Ablösung würde helfen können. Die Antwort ist für mich diese: in dem ich nach mir selber schaue. Welche Rolle übernehme ich für mich, auch im Bezug auf meine Partnerin und die Kinder. Nehmen mich meine Nächsten als eigenständiges Wesen wahr, so werden sie diese Eigenständigkeit als Vorbild ansehen können.
    So lange ich mich als Verantwortlich für Andere fühle, werde ich sie binden. Wohl verstanden: natürlich habe ich eine Verantwortung meinen Nächsten gegenüber. Aber vor mir selber. Dies darf ich nicht vergessen.
    Und aus dieser Haltung heraus kann ich in der Lage sein, diese Nächsten ebenfalls als einzigartige Wesen anzuerkennen und ihnen auch diese Bedeutung geben.
    So werde ich im Älterwerden ebenbürtig zu den Eltern, so lernen die Kinder, sich als ebenbürtig zu mir zu erkennen.

  23. M. Winterscheidt sagt

    Der Beitrag ist verblüffend treffend. M. E. gibt es zum Ganzen noch eine weitere Ausprägung mangelnder Ablösung. Das Doppelleben.

    Etwa so: Der nicht abgelöste Partner entscheidet sich nicht wirklich für seinen Partner. Nur nach außen gibt er ihm nach und feiert Weihnachten nach seinen Wünschen. Innerlich ist er jedoch wie ein Box-Schiedsrichter, der im aufwallenden Getümmel nur danach trachtet, die „Streitparteien“(Partner/Eltern) in ihre Ringecken zu schicken, damit er seine „Ruhe“ hat.

    Mit dieser Lösung ist indes niemand „zufrieden“.

    Der Partner spürt früher oder später den Kompromiss und beklagt, dass sich der Schiedsrichter-Partner nicht wirklich für ihn entschieden hat, sondern – Eigenart des Schiedsrichters – seltsam neutral geblieben ist.

    Die Eltern nicht, weil ihren Wünschen nicht entsprochen wurde. Aber anstatt daraus zu folgern, dass das Paar ein Eigenleben hat, fühlen sie sich zu weiteren Versuchen ermuntert. Auch sie spüren nämlich die Neutralität des Schiedsrichter-Partners.

    Und der Schiedsrichter-Partner ?
    Vordergründig hat er an Weihnachten erstmal seine „Ruhe“. Aus seiner Sicht ist er vor dem „Problem Weihnachten“ erfolgreich geflohen. Der Partner hat seinen Wunsch, und die Eltern sind außer Hör- und Sichtweite. Aber Weihnachten steht ja nur stellvertretend für viele andere Dinge des täglichen Lebens. Und so beginnt er allmählich überall, ähnliche Kompromisse zu schließen. Am Ende lebt er zwei komplette Fassaden, eine (scheinbar loyale) gegenüber dem Partner und eine (scheinbar loyale) gegenüber den Eltern. Das führt zu einem mitunter rastlosen Doppelleben. In diesen aufgespaltenen Leben ist er selber nur zu Gast – denn sein eigenes Leben ist keines von beiden. Alles ist fremdbestimmt, getan wird, was gerade opportun ist. Dabei werden die Doppelleben immer unzuträglicher. Sie lassen sich im Letzten kaum noch kaschieren. Der Schiedsrichter verliert vor lauter Kompromissen seine Authentizität. Es kommt zur Entfremdung.

    Aus allem erwächst womöglich eine besonders krumme Pflanze:
    Das Drittleben hinter beiden Fassadenleben – auch dies wieder nur als ein Kompromiss aus den schon geschlossenen Kompromissen.

    Es stellt sich die Frage: Wird ein solcher Mensch jemals sein eigenes Leben leben ? Ist er dazu am Ende überhaupt noch in der Lage ?

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