Warum nicht nur an Weihnachten die Gans besser draussen als drinnen ist.

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Persönlichkeit

Eine Zen-Geschichte über grosse und kleine Erleuchtungen im Alltag.

Nur wenige wissen, dass ich mal Sannyasin bei dem berüchtigten Bhagwan – später Osho – war. Auf meinen spirituellen Lehr- und Wanderjahren trug ich längere Zeit eine Mala und rote Kleidung.

Nicht nur meine Mutter war entsetzt. Auch meine Prüfer im Psychologischen Institut der Uni Heidelberg. Sechs Jahre Psychologie studiert und am Ende Mitglied einer Sekte! Zum Glück waren mir meine Examensnoten ziemlich egal, denn ich wusste schon, dass ich danach eine Praxis eröffnen würde. Und Klienten fragen einen nie nach der Examensnote.

Bei Bhagwan hörte ich jedenfalls zum ersten Mal jene Zen-Geschichte, die eigentlich ein Koan ist. Ein Koan ist eine merkwürdige Frage, die man mit dem Verstand nicht beantworten kann. Also zum Beispiel:

  • „Was ist der Ton einer klatschenden Hand?“
  • „Wenn ein Baum umfällt und niemand ist im Wald, gibt es dann ein Geräusch?“
  • „Hat ein Hund die Buddha-Natur oder nicht?“

Ja, das sind schon Fragen für lange Winterabende. Aber im Zen soll die Antwort spontan erfolgen, nicht als Ergebnis eines langen Brütens. Sie kann somit nicht durch das analytische und intellektuelle Denken gefunden werden, sondern erscheint als plötzliche Erleuchtung, das Fühlen-Sehen-Hören-Riechen in einem plötzlichen Zustand des Erwachens.

Nun aber das Rätsel mit der Gans.

Bhagwan erzählte sie mal in seinen berühmten Darshans. Es gibt darüber ein ganzes Buch:

Ein Schüler bat einmal den Zen-Meister, ihm das alte Koan von der Gans ist in der Flasche zu erklären. Das tat dieser:
„Eine kleine Gans wird ein eine Flasche gesteckt und darin gefüttert und gemästet. Die Gans wird immer größer und größer und füllt bald die ganze Flasche aus. Jetzt ist sie zu groß, sie passt nicht mehr durch den Flaschenhals. Der Flaschenhals ist zu eng.

Wie kannst du die Gans aus der Flasche rausholen, ohne die Flasche kaputtzumachen und ohne die Gans zu töten?“

Die Frage ist unlösbar, so scheint es.

So ist es ja auch mit vielen persönlichen Problemen, mit denen Menschen sich herumschlagen. Wie kann ich anstatt alles bis auf den letzten Drücker aufzuschieben, rechtzeitig anfangen?  Wie kann ich aufhören, so perfektionistisch zu sein, wo ich doch weiß, dass für die meisten Fälle ein 80-prozentiges Ergebnis völlig ausreicht? Wie kann ich aufhören, es allen recht zu machen, wo andere es doch auch nicht machen?

In all diesen Fällen fühlt man sich gefangen wie die Gans in der Flasche. Das Problem scheint unlösbar.

Und wenn uns jemand vorschlägt, wir sollten einfach mal ausprobieren, was wirklich passiert, wenn man sich anders verhält, kommt einem das vor, als würde man sein Leben riskieren, also um im Bild zu bleiben; entweder geht die Flasche kaputt oder das Tier. Und beides darf nicht passieren.

Dann ist die Gans in der Flasche.

Die dann auftauchenden Gedanken und vor allem die spürbaren unangenehmen Gefühle sind Hinweise auf ungelöste innere Konflikte.

Dass wir Ereignisse in einer bestimmten Weise interpretieren, läuft erst einmal automatisch. Der innere Autopilot sorgt dafür, dass wir sofort dazu eine Meinung, ein Gefühl und eine Verhaltensweise haben.

Dieses automatische Reagieren ist die Gans. Und die Flasche sind unsere zementierten Überzeugungen und Glaubenssysteme, die jeder von uns hat. Die wir irgendwann im Laufe unseres Lebens entwickelt haben und die wir nicht angepasst (neudeutsch: upgedated) haben.

Jetzt kommt die Auflösung.

Die Frage war: „Wie kannst du die Gans aus der Flasche rausholen, ohne die Flasche kaputtzumachen und ohne die Gans zu töten?“

In der Zen-Geschichte wird das Rätsel so aufgelöst:

Tagein, tagaus meditiert der Schüler angestrengt. Aber so sehr er die eine oder andere Möglichkeit abwägt, er findet keinen Weg. Das Rätsel ist auf normalem Weg nicht zu lösen. Er ist müde und völlig erschöpft.

Da kommt ihm plötzlich die Offenbarung.

Plötzlich versteht er, dass es dem Meister gar nicht um die Flasche oder die Gans gehen kann. Er muss etwas anderes meinen.

Die Flasche ist der Verstand und du bist die Gans.

Und wenn du dich nur mit dem Verstand identifizierst, fängst du an zu glauben, dass du drinsteckst. So wie die Gans in der Flasche.

Er rennt zum Meister, um zu sagen, dass die Gans raus ist. Und der Meister sagt:

“Du hast es begriffen. Jetzt lass sie draußen! Sie war nie drin!“

Wie bitte? fragen jetzt alle bis dato Unerleuchteten. Das soll die Auflösung sein?

Ja, genau. Die Flasche sind unsere erzieherischen und gesellschaftlichen Konditionierungen. Unsere übernommenen und ungeprüften Überzeugungen und Werte. Sind unsere unreflektierten Vorstellungen von richtig und falsch. Was wir tun dürfen und was nicht.

Es ist eine Mini-Erleuchtung. Ein Erkenntnissprung. Ein spontanes Erfassen, Ein tiefes Erkennen, dass das, was Sie lange für „die Wahrheit“ gehalten haben, Ihre Landkarte war – und nicht die Landschaft. Dass die Realität mit Konsequenzen antwortet aber nichr mit Bewertungen und Strafen.

Also zum Beispiel das gefühlsmäßige Begreifen:

  • dass Sie ein liebenswerter Mensch auch ohne dass Sie etwas Besonderes tun, bzw
  • dass Probleme nicht wirklich existieren, sondern wir diese erschaffen durch unsere Erwartungen und Wünsche – die Natur kennt auch keine Probleme;
  • dass Sie wirklich nichts mehr beweisen müssen, bzw. wenn Sie dabei sind, etwas beweisen wollen, nie klar ist, wann es denn bewiesen wäre;
  • dass es Gut oder Böse nicht wirklich gibt, sondern nur in den Einstellungen der Menschen – auch hier hilft wieder ein Blick auf Mutter Natur, die seit Jahrmillionen wunderbar ohne diese Kategorien funktioniert, was man von der Menschheit nicht gerade sagen kann;
  • dass Gott vermutlich eine rumänische Putzfrau ist und es ihr gut geht.

Fazit:

Ihre Gedanken sind nur Gedanken sind, keine Wahrheiten. Auf Ihre Gedanken haben Sie keinen Einfluss.  Auf das was Sie glauben, also für wahr halten schon. Durch Achtsamkeit können wählen, welche Gedanken und Einstellungen Sie beeinflussen. Aber vergessen Sie nicht:

Die Gans ist draußen. Sie war nie drin.

Jetzt sorgen Sie dafür, dass sie auch draußen bleibt.

 

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Die Anregung zu diesem Artikel kam von S.A.
Bilder: © Grizzlybaerin Fotolia.com, RKW

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.