Verändern Sie nur so viel wie Sie auch aushalten!

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Sonst geht es wahrscheinlich schief.

Klimawandel

Letzte Woche schrieb ich darüber, wie ich mein Gewicht reduzierte. Den Wunsch haben ja viele Menschen. Aber manche machen dabei einen entscheidenden Fehler. Sie wollen zu viel auf einmal ändern. Genauer gesagt, sie wollen mehr ändern als ihnen gut tut.

Vor ein paar Monaten  war ein Teilnehmer aus einer Bank im Seminar, der Lottogewinner betreute. Seine traurige Erkenntnis: Kaum einem ist der plötzliche Reichtum bekommen!

Manche hauten in zwei Jahren alles auf den Kopf und mussten Insolvenz anmelden. Andere ruinierten sich ihre Gesundheit durch zu viel Alkohol, Drogen und Unfälle mit schnellen Autos. Wieder andere brachen unter dem Ansturm der vielen Bettelanfragen von Freunden, Bekannten und Unbekannten zusammen und wurden depressiv über so viel menschliche Habgier.

Am besten ging es denen paar, die ihr Leben kaum änderten. Sich vielleicht eine tolle Weltreise gönnten, eine Wohnung oder ein Häuschen kauften –  dann aber ganz normal weiter lebten und arbeiteten.

 

Was würden Sie gerne ändern in Ihrem Leben?

Diese Erkenntnis mit dem unguten „Zuviel“ gilt auch für andere große Ziele in unserem Leben. Was würden Sie gerne verändern?

  • Zehn Kilo abnehmen?
  • Ein Buch schreiben?
  • Mehr Muskeln aufbauen?
  • Mehr Geld verdienen?
  • Ihre Schränke ausmisten?
  • Mehr Kunden gewinnen?

In seinem Buch Der Weg zu den Besten: Die sieben Management-Prinzipien für dauerhaften Unternehmenserfolg“ beschreibt der Autor Jim Collins am Beispiel des Erfolgs der Fluggesellschaft Southwest eine wichtige Entscheidung der Unternehmensleitung.

Das Unternehmen wollte wachsen, aber nicht um jeden Preis. Deshalb setzte die Unternehmensleitung eine obere Grenze für Wachstum fest.

Dadurch wählten sie ein Wachstumstempo, mit dem sie gleichzeitig die Kultur der Fluggesellschaft bewahren konnten. 

 

Das ist ein Ansatz, der auf fast jedes Ziel, jeden Menschen oder jedes Unternehmen angewandt werden kann. Die meisten Menschen neigen jedoch dazu, genau das Gegenteil zu tun und konzentrieren sich nur auf die untere Grenze.

  • Jemand sagt: „Ich möchte mindestens 5 Pfund in diesem Monat  verlieren.“
  • Ein Verkäufer sagt: „Ich möchte mindestens 10 Telefonate heute  führen.“
  • Ein Autor sagt: „Ich will heute mindestens 500 Worte schreiben.“
  • Ein Fitness-Muffel sagt: „Ich will heute mindestens fünf Liegestütze machen.“

Wir neigen dazu, uns nur auf die untere Grenze zu konzentrieren: wir setzen die Mindestschwelle fest. Und denken dabei, „Hey, und wenn noch mehr geht, umso besser!“

Ich schlage Ihnen einen anderen Weg vor.

Setzen Sie für Ihre angestrebten Aktivitäten nicht nur eine Untergrenze – sondern auch eine Obergrenze.

  • „Ich will mindestens 5 Pfund in diesem Monat abnehmen verlieren, aber nicht mehr als 10.“
  • „Ich will mindestens 10 Verkaufsgespräche heute führen, aber nicht mehr als 15.“
  • „Ich will heute mindestens 500 Wörter schreiben, aber nicht mehr als 1.000.“
  • „Ich will heute mindestens fünf Liegestütze machen, aber nicht mehr als acht.“

 


Langsam wachsen statt schnell scheitern.

Das klingt ja erst einmal verrückt. Warum in aller Welt sollten Sie Ihr Ziel nach oben hin begrenzen? Die Grenze ergibt sich doch von ganz allein.

Klingt vernünftig der Einwand. Aber: Zu schnelles Wachstum kann Ihr ganzes Vorhaben zum Scheitern bringen.

Das ist ein gravierender Fehler, den viele Existenzgründer machen, wie ein Report des US-amerikanischen Startup Genome Projects zeigt. Dort wurden für eine umfangreiche Studie Daten von 3.200 Internet-Startups ausgewertet.

 

Das Ergebnis:
70 Prozent der frisch gegründeten Unternehmen waren zu früh gewachsen. Sie gaben zu viel Geld für Marketing aus, obwohl ihr Produkt noch nicht den Kundenwünschen genügte.

Anstatt sich darauf zu konzentrieren, die Mängel am Produkt zu beseitigen, versuchten sie, die Schwäche durch mehr Werbung zu kompensieren. Oder sie stellten zu früh Mitarbeiter ein und bauten unnötige Hierarchien auf.

Selbst eine große Kapitalspritze kann schnell versickern, wenn das frische Geld für unwichtige Dinge draufgeht.

 

Warum müssen Unternehmen oder eine Volkswirtschaft überhaupt laufend wachsen, kann man fragen.

Eine gängige Antwort darauf lautet: Weil in einer kapitalistischen Wirtschaft der Kapitalgeber Zinsen erwartet. Wer sich 1000 Euro leiht, um sie zu investieren, muss für eine Rendite von 5 Prozent hinterher 1050 Euro einnehmen. Und schon ist die Wachstumsspirale in Gang gesetzt.

Eine andere Antwort lautet: weil Stagnation oder Schrumpfung emotional oft mit Krise gleichgesetzt wird – mit Arbeitslosigkeit und Schulden. Die meisten Menschen wollen ja auch alle paar Jahre eine Gehaltserhöhung. Warum? Weil angeblich alles teurer wird. In Wahrheit aber, weil die Wünsche sich auf wundersame Weise vermehren.

Dasselbe negative Phänomen des zu schnellen Erfolgs kann man bei jungen Künstlern oder Fußballern beobachten. Manchen steigt der erste Erfolg zu sehr zu Kopf. Sie heben ab, vernachlässigen ihre Weiterentwicklung und erliegen stattdessen den Verführungen von Geld, Glanz und Gloria.

 

Setzen Sie eine Obergrenze.

Eine Obergrenze macht es Ihnen leichter, Ihre Fortschritte zu erhalten. Sie wirkt wie ein Sicherheitskorridor, in dem Sie sich besser orientieren können. Anstatt immer höher, schneller, weiter.

Die meisten Menschen setzen sich zu hohe Ziele und demotivieren sich dadurch selbst. Setzen Sie lieber eine geringe Obergrenze, um anzufangen und dann weiterzumachen.

Es gibt eine sehr einfache Möglichkeit, diese Idee in die Praxis umzusetzen:

Angenommen, Sie wollen Ihre Fitness steigern.

Viele konzentrieren sich jetzt auf eine Mindestgrenze und nehmen sich vor:Ich werde jeweils mindestens 45 Minuten am Montag, Mittwoch und Freitag im Studio trainieren.“

Mmh, ehrgeiziger Plan. Vielleicht klappt es ja. Vielleicht verlieren Sie aber nach dem dritten Mal die Lust, weil es ihnen zu anstrengend oder zu zeitraubend ist.

Stattdessen könnten Sie das Ganze aber auch umdrehen und mit sich vereinbaren: „Ich darf nicht mehr als 5 Minuten am Montag, Mittwoch und Freitag trainieren.“

Indem Sie diese unglaublich niedrige Obergrenze setzen, haben Sie vermutlich keine Motivationsprobleme und fangen an zu trainieren. Einfach weil Sie keine der üblichen Ausreden (Keine Zeit, keine Kraft, keine Lust etc.) mehr anwenden können.

Und Sie werden Ihre neue Trainingsgewohnheit viel einfacher aufrecht erhalten. Sobald Sie diese neue Routine in Ihrem Leben etabliert haben, können Sie dann das Limit erhöhen („Ich darf nicht mehr als 15 Minuten am Montag, Mittwoch und Freitag trainieren.“)

Das ist ja auch einer der besten Tipps aus meinem eMail-Kurs „Anpacken statt Aufschieben“. Zum Beispiel wenn Sie Ihren überfüllten Schreibtisch aufräumen wollen. Oder endlich Ihren Kleiderschrank ausmisten wollen.

Entscheidend ist ja immer, dass Sie überhaupt anfangen. Machen Sie das erste Ziel so klein, dass Sie nicht nein sagen können.

Viele warten dann darauf, dass sie mal in der entsprechenden Stimmung sind. Oder werden dann aktiv, wenn sie dringend für die Steuererklärung die Gehaltsabrechnung von vor drei Jahren  suchen.

Machen Sie es sich einfacher – indem Sie eine geringe Obergrenze setzen:

  • „Ich darf jeden zweiten Tag nur fünf Minuten meinen Schreibtisch aufräumen.“
  • Ich darf alle zwei Tage höchstens zwei Kleidungsstücke aus meinem Schrank ausmisten.“

Es ist besser, jeden Tag kleine Fortschritte zu machen, als so viel wie möglich mit einer riesigen Kraftanstrengung erledigen zu wollen. Verändern Sie immer nur so viel, wie Sie gut vertragen und aufrechterhalten können.

Das ist in unseren Zeiten natürlich unbeliebt. Wir wollen den großen Erfolg sofort – ohne uns anzustrengen. Abnehmen im Schlaf! Kauf jetzt – zahl später!

Eben die griechische Glücksformel – für die wir ja alle anfällig sind.

 

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Bild: © www.cartoon4you.de

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

11 Kommentare

  1. Liebe Monika,
    bevor man ein Sache nicht selbst ausprobiert hat, kann man nicht wirklich urteilen. Die Sache mit der Obergrenze klingt verrückt, aber es funktioniert besser als man sich vorstellen kann.
    Glückwunsch zu Ihrem Abnehmerfolg!

  2. Monika sagt

    Ober- und Untergrenze:
    lange bevor ich Ihren sehr guten Blog gefunden habe, habe ich mir für meine Abnehm-Wünsche diese Ziele gesetzt: Pro Jahr 5 kg, maximal 10 kg. Ohne Diät, einfach etwas mehr Bewegung und kleinere Portionen. Da ich nicht wirklich falsch, sondern einfach zu viel gegessen habe (zum Teil auch heute noch) ist das zu schaffen. „Leider“ konnte ich meine Obergrenze nicht einhalten: in Diesem sind schon knapp 15 kg herunter. Letztes Jahr 5 kg hat super geklappt, auch konnte ich über die Festtage das Gewicht halten ohne mich anzustrengen.
    Dieses Jahr möchte ich definitiv nichts mehr abnehmen, sondern „nur“ mein Gewicht halten.

    Herr Kopp-Wichmann, Sie haben mich in meinem Vorgehen bestärkt! Es tut gut, mal nicht für verrückt gehalten zu werden, weil man sich eine Obergrenze gesetzt hat.
    Vielen Dank dafür!

  3. Der Veränderungswunsch muss auch zum jeweiligen Menschen passen. Darum ist Selbsterkenntnis wichtig. So kann man verstehen, wer man selbst ist, wohin man sich entwickeln kann und welche Schritte dafür notwendig sind.

  4. Veränderung ist immer so ein Thema, dass lieber vorsichtig angeht. Sehr interessanter Artikel und der Cartoon gefällt mir auch 🙂

  5. Liebe Frau Ast,
    gute Anwendung desselben Prinzips: Kleine Schritte!
    Wer sich bei 3 einordnet, dem ist vermutlich klar, dass er kaum mit ein, zwei Maßnahmen auf 9 oder 10 kommt.

    PS: Das fehlt ja auch meiner Meinung nach bei den Vereinbarungen der EU mit Griechenland. Massenentlassungen, Steuerflüchtlinge erwischen … Alles viel zu unkonkret und zu hoch gegriffen. Besser nach der obigen Methode wäre die Vereinbarung gewesen: „Jeden Tag mindestens drei aber höchstens fünf Steuerflüchtlinge identifizieren und aufsuchen.“ Je nachdem, wie viele Finanzbeamte man hat, käme da ganz schön was ins Rollen. Und dagegen könnte auch die Syriza-Partei schwer was einwenden.
    Aber das klingt natürlich viel zu sehr kleinklein. Wir wollen ganz große Erfolge sehen – und zwar sofort!!!
    Und deshalb wird die Umsetzung der tollen Pläne in Griechenland an der Umsetzung scheitern.

  6. Langsam wachsen, statt schnell scheitern! Wow! Der Spruch gefällt mir! Den unterschreibe ich sofort!
    Menschen, die verändern, verbessern wollen, denken, so meine generelle Erfahrung, in Extremen: sprich, dem BEST CASE. Das war im Coaching ja mal der non-plus-utra-Ansatz: Mach ein ein suuuuuuuuuper Zielbild – und dann wird dich das gaaaaanz automatisch über gefühlte Ewigkeiten zum Ziel ziehen. Haha.

    Ich arbeite gerne mit 10er-Skalierungen:
    Auf einer Skala von 0 bis 10 – und 10 wäre Best Case – wo würden Sie sich JETZT einschätzen? Und wenn jemand dann erkennt: Puh, ich bin ja erst auf 3!, dann kommt häufig die Erkenntnis, dass 10 unmöglich in Zeitraum X zu erreichen ist!
    Nächste Interventionsschritt lautet dann:
    Was müssten Sie tun – oder lassen – um EINEN Punkt weiterzukommen? Und dann wird die Chose schon viel konkreter und kleinschrittiger und erreichbarer.

    Herzlich grüßt aus dem sommerlichen Bielefeld
    Maria Ast

  7. Die Obergrenze ist wirklich ein sehr gutes und wichtiges Konzept: Es ist vor allem sehr einfach zu verstehen und umzusetzen. Ich glaube, dass derartige Konzepte sehr viel bewirken können weil sie es einem erlauben, über Dinge zu reden und nachzudenken, die vorher nicht greifbar waren. Vielleicht hatte man zwar vorher schon „so ein Gefühl“, dass etwas nicht richtig läuft, aber erst wenn man dem einen Namen gibt, wird es greifbar.

  8. Man sagt ja immer “ Das ist zu viel des Guten“! Im dem Fall sollte man sich selbst irgendwann diese Worte sagen und einen brake machen!

  9. Das lässt sich ja kombinieren. Die Mini-Untergrenze ist da, damit man leicht anfängt. Die Obergrenze ist dafür da, dass man früh genug aufhört. Also bevor man die Motivation oder die Energie verliert.

  10. Daniel Mihajlovic sagt

    Ich finde die Idee mit der Obergrenze sehr inspirierend. Denn so kann man sich einen angenehmen Rahmen schaffen in dem man sich bei einem Veränderungsprozesses wohlfühlen kann – oder zumindest nicht sooo unwohl 😉 Vielen Dank für diesen Denkanstoss, das werde ich auf jeden Fall ausprobieren!

    Auf der anderen Seite habe mit Mini-Untergrenzen (z.B. 1 Minute täglich etwas tun) die Erfahrung gemacht, dass, wenn der Anfang einmal gemacht ist, ich durchaus gerne an einer Sache dranbleibe, bis sie erledigt ist. Vielleicht ist es also nicht immer eine gute Idee eine ganz strikte Obergrenze zu setzen. Muss man wohl im Einzelfall abwägen bzw. entsprechend flexibel sein.

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