Die Zeit lässt sich nicht managen. Auch nicht nutzen, sparen, totschlagen usw.

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Gesundheit / Glück / Zeitmanagement

Deswegen gibt es auch keinen Stress und keinen Sachzwang.

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Letzte Woche bekam ich eine Anfrage für ein Seminar von einer Softwarefirma.

Ob ich ein Seminar über Zeitmanagement für etwa zwanzig Entwickler leiten könnte.

Auf meine Frage, wie lange das denn dauern solle, bekam ich die Antwort: „Unsere Mitarbeiter haben wenig Zeit. Wir dachten so an drei, vier Stunden.“

Dies erinnert mich an die Geschichte von dem erschöpften Holzfäller, der Zeit und Kraft verschwendete, weil er mit einer stumpfen Axt arbeitete. Als jemand ihm vorschlug, doch erst einmal seine Axt zu schärfen, antwortete der Holzfäller: „Keine Zeit. Ich muss Bäume fällen.“

Als ich der Personalmanagerin der Softwarefirma sagte, dass ich für das Thema mehr Zeit brauche, fragte Sie nach meinem Ansatz und welche Methoden ich so benutze. Mit meiner Antwort war sie dann – in der Kürze der Zeit – nicht so zufrieden. Und ich war es auch nicht. Daraufhin setzte ich mich hin und ordnete meine Gedanken zu diesem wichtigen Thema.

Heraus kam Folgendes:


Zeit lässt sich nicht managen.

Sprache erschafft Wirklichkeit. Das heißt, wie man ein Problem benennt, impliziert gleichzeitig mögliche Lösungen – oder Irrwege.

Bei der Zeit haben wir uns kulturell darauf verständigt, dass Zeit ein Objekt ist. Man also etwas mit ihr tun kann. Das ist zwar Unsinn, aber wenn viele Menschen etwas glauben, wird es leicht zur Tatsache. (Das kann man immer vor Wahlen beobachten.)

Die Folge unserer Verdinglichung der Zeit ist, dass wir glauben, Zeit lasse sich nutzen.

Oder schenken und sparen. Nachholen. Oder gar vergeuden und totschlagen. So wie manche Menschen spazieren gehen, um „das schöne Wetter ausnutzen“.

Doch das geht nicht. Es gibt keine Zeit. Die Natur kennt keine Zeit. Die Natur kennt nur dauernde, fließende Veränderung. Und sie funktioniert prächtig seit Jahrmillionen. Wir terminieren ja sogar den Frühlingsanfang auf den 20. März, aber der Natur ist das jedes Jahr egal. (Der Meteorologe schimpft dann gern mit der Natur: „Der Frühling kam dieses Jahr zwei Wochen zu spät!“)

Die Zeit vergeht ja auch nicht. Was wir Menschen eigentlich damit meinen, wenn wir staunend oder wehmütig sagen „Wie die Zeit vergeht!“ ist ja: Oh je, wir vergehen – in der Zeit. Dann wird uns bewusst, dass wir älter werden, jeden Moment, unaufhaltsam.

Also: Zeit lässt sich nicht managen. Zeitmanagement ist auch kein Selbstmanagement, denn auch das „Selbst“, wer oder was immer das sein mag, ist auf jeden Fall kein Ding.


Ihr Umgang mit der Zeit verrät Ihre Werte. 

Also: Was Ihnen wirklich wichtig ist, dafür wenden Sie Zeit auf. (Ich zum Beispiel gerade fürs Schreiben dieses Blog-Artikels.) Niemand zwingt Sie. Es ist Ihre Zeit, Ihr Tag und Sie entscheiden.

Zeit ist nicht Geld.
Denn sonst wäre ja Langeweile ein tolles Gefühl. Trotzdem begegne ich immer wieder Menschen, die die Aussicht auf viel Geld dazu motiviert, dafür viele Jahre Lebenszeit zu opfern, um danach „Zeit für sich“ zu bekommen.

Auch ein voller Lotto-Jackpot verlockt vorhersagbar Millionen Menschen dazu, Ihr Glück zu versuchen. In meinen Seminaren spielen wir zuweilen mit dieser Phantasie, was jeder tun würde, wenn er fünf Millionen zur Verfügung hätte. Das Interessante dabei: die wenigsten wollen grundlegend etwas ändern. Und das, was einige ändern wollen (mehr Zeit für sich, für die Familie, ein Hobby, ein anderer Beruf, ein Partner etc.) – dafür braucht man fast nie fünf Millionen!

Also:
Fragen Sie sich, was Ihnen in Ihrem Leben fehlt. Und bedenken Sie dabei: Millionäre sind nicht automatisch glücklichere Menschen. Sie haben nur andere Sorgen.


Es gibt keine Sachzwänge.

Mit der Sprache erschaffen wir wie gesagt Wirklichkeiten. Ein schönes Beispiel dafür ist der berühmte „Sachzwang“. Damit bezeichnen wir äußere unveränderbarscheinende Umstände, mit denen wir begründen, warum wir etwas tun, obwohl wir eigentlich etwas anderes lieber täten. („Ich würde ja gerne, aber Sachzwang x steht dem entgegen.“)

Das stimmt nicht, es gibt keine Sachzwänge. Es gibt Situationen und Folgen. Aber keinen Zwang. Wie schon Bertolt Brecht wusste: „Wer A sagt, muss nicht B sagen. Er kann erkennen, dass A falsch war.“

Mit der Begründung eines Sachzwangs versuchen wir, die Verantwortung für unsere Entscheidungen auf äußere Umstände abzuwälzen. Das ist menschlich verständlich und funktioniert auch oft so, dass man anderen damit etwas vormachen kann. Aber wenigstens sich selbst sollte man nichts vormachen.

Also: Mit welchen „Sachzwängen“ begründen Sie bestimmte Entscheidungen? Wie wäre es, wenn Sie sich bewusst machten, dass Sie sich frei entschieden haben – und eben dadurch gewisse Folgen Ihrer Entscheidung tragen.


Sie haben immer die Wahl.

Es geht mir hier nicht darum, ob diese Aussage stimmt. Und ob es nicht existenzielle Situationen gibt (Krieg, Überfall, Entführung, Krankheit etc.) in denen man keine Wahl hat. Es geht mir darum, bewusst zu machen, wie wichtig innere Einstellungen sind. Die innere Einstellung „Ich hatte (nie) eine Wahl.“ (Opferhaltung) mag für den Betreffenden eine emotionale Erfahrung sein.

Doch Einstellungen sind Einstellungen, keine Wahrheiten. Und Einstellungen sind veränderbar, wenn sie bewusst sind. Die Einstellung „Ich kann immer wählen“ ist genauso eine Einstellung – und keine Wahrheit. Aber sie hat ganz andere Folgen.

Die Opferhaltung (Ich habe keine Wahl) lähmt die eigene Kreativität und den Handlungswillen. Dafür fallen einem tausend Gründe und Probleme ein, warum etwas nicht geht.

Das Positive: man ist nicht allein, denn es gibt Millionen von gleichgesinnten „Opfern“, zu denen mal schnell Kontakt findet. (Klagen Sie mal an der Haltestelle laut, wo wohl wieder der Bus bleibt. Sie sind sofort im Gespräch mit zuvor wildfremden Menschen.)

Opfer haben übrigens auch ihre eigene Zeitung und ihre eigene Partei.

Die Haltung der Selbstverantwortung (Ich habe immer eine Wahl) setzt viel Kreativität und Handlungsenergie frei. Es gibt auch Gleichgesinnte – aber die werden meist eher beneidet oder komisch angeguckt. (Sagen Sie mal an der Haltestelle, dass Sie mit Ihrer Entscheidung, mit dem Bus zu fahren, auch dessen mögliche Verspätung mitgewählt haben. Da ernten Sie nur Kopfschütteln.)
Diese Gruppe hat keine eigene Zeitung aber eine eigene Partei.

Natürlich können Sie nicht über alles in Ihrem Leben bestimmen. Was Ihnen zustößt (das Glückhafte wie das Leidvolle), das haben Sie nicht „verursacht“ (auch wenn dafür zuweilen esoterische Sachzwänge bemüht werden). Das Glück wählen wir nicht und ebenso wenig das Leid. Was wir wählen können, ist die Art und Weise, wir wir damit umgehen – unsere Einstellung dazu.

Eine häufige Begründung dabei ist, dass derjenige das verdient habe.
Als könne man sich Glück verdienen, weil man zuvor so viel Schlimmes erfahren hat. Und als hätte einer Leiden verdient, weil es ihm davor zu lange zu gut ging. Ich halte das für Auswirkungen unreflektierter religiöser Ideen, dass es im Leben bitteschön gerecht zu gehen möge („Auge um Auge, Zahn um Zahn.“) Die Natur ist auch nicht gerecht. Und existiert seit Jahrmillionen – und wir sind ein Teil der Natur. Wäre die Natur gerecht, würden wir Menschen vermutlich nicht auf ihr leben.

Also: „Heute ist der erste Tag vom Rest Ihres Lebens!“ hörte ich zum ersten Mal in den achtziger Jahren. Der Satz, finde ich, kann eine größere Wirkung haben als jedes Zeitmanagement-Buch, wenn man ihn bedenkt oder sich zu Herzen nimmt.

Probieren Sie doch heute mal aus, sich öfter am Tag bewusst zu machen, dass das, was Sie heute erleben, Folge Ihrer Entscheidungen ist. Sie haben es gewählt. Das Gute, was Ihnen heute begegnet, haben Sie (mit-)gewählt. Aber auch das Unangenehme: Ihren launigen Chef, unzufriedene Kunden, den Stau auf dem Weg ins Büro, das Wetter. Sie haben es (mit)-gewählt!

Ach, hatte ich ganz vergessen: Was man wählt, kann man auch wieder abwählen.


Wer etwas will, findet Wege.

Wer etwas nicht will, findet Gründe.

Was weiter oben über nicht existierende Sachzwänge oder die Einstellungen „Opferhaltung“ versus „Selbstverantwortung“ steht, drückt dieser Spruch kurz und knapp aus. Der Unterschied zwischen diesen beiden Einstellungen ist jedoch gravierend.

Wenn Sie etwas nicht wollen, verlieren Sie Kraft. Genauer gesagt, Sie investieren Ihre Kraft in das Nicht-Wollen. Und Sie denken automatisch problemorientiert. Nach dem Motto: „Oh je, das ist jetzt schwierig, das klappt bestimmt nicht.“

Wenn Sie etwas wollen, setzt das immer Motivation und Energie frei. Bei aufkommenden Schwierigkeiten denken Sie automatisch lösungsorientiert. So nach dem Motto: „Okay, das ist jetzt schwierig aber irgendwie muss es trotzdem gehen.“

Also: wenn Sie bei sich beobachten, dass Sie mit Gründen (keine Zeit, keine Lust etc.) wortreich vor sich oder anderen rechtfertigen, warum Sie etwas noch nicht getan haben, probieren Sie Folgendes.

Gestehen Sie sich zu, dass Sie einfach nicht wollten. Punkt. Sie wollten es nicht. Denn es hat nichts mit den Schwierigkeiten oder fehlender Lust oder Zeit zu tun. Das sind – menschlich verständlich – Ihre Ausreden. Sie wollten es nicht.
Denn überlegen Sie doch mal: für das, was Sie in Ihrem Leben wirklich wollten, auch wenn es schwierig, unangenehm und zeitraubend war – Sie haben es gemacht und geschafft!


Wer Zeit haben will, muss nein sagen.

Zeitmanagement ist ein komplexes Thema. Was deshalb mit ein paar simplen Tools (Alpen-Methode, Eisenhower-Prinzip, Prioritätenmanagement) nicht wirklich zu lösen ist. Sie erinnern sich: die Zeit ist kein Ding. Deshalb gibt es Wassermangel oder Geldmangel – aber keinen Zeitmangel.

Was meiner Erfahrung nach Menschen mit „Zeitmangel“ fehlt, ist die innere Erlaubnis, sich abzugrenzen.

Sich getrennt von anderen zu erleben. Oder praktisch gesprochen: Wer Zeit haben will, muss nein sagen – oder lernen, öfter nein zu sagen. Vor allem ohne Schuldgefühle.

Dass manche Menschen das gut können und andere nicht, hängt mit den unterschiedlichenmann-stress-handys1_small.jpg Beziehungserfahrungen in der jeweiligen Biographie zusammen. Wer früh oft hörte „Nimm Rücksicht auf andere“, „Sei nicht so egoistisch“, „Sei vernünftig, Du bist die Ältere“ lernt früh, sich anzupassen.

Da wird man bei Mitmenschen zwar meist beliebt aber zahlt einen hohen Preis.

Nämlich dass man sich nicht gut abgrenzen kann.Entweder weil man die eigenen Grenzen gar nicht spürt oder gar glaubt, keine Grenzen zu haben. Oder zu spät auf seine Grenzen verweist. Oder dies zu zaghaft tut, weil man sich schuldig fühlt (so egoistisch zu sein). Und Angst hat, dafür abgelehnt zu werden. Da mag man verstandesmäßig wissen, dass einen die Kollegen im Büro nicht gleich schneiden, wenn man mal Nein gesagt hat aber das hilft nichts. Die gelernten Erfahrungen von früher wirken unbewusst und somit ungleich stärker als die rationale Einsicht.

Abgrenzen muss man sich nicht nur gegenüber anderen Menschen. Sondern bisweilen auch gegenüber eigenen Ansprüchen.

Innere Antreiber sind auch gelernte Einstellungen, mit denen wir so identifiziert sind, dass wir sie nicht mehr als nützliche Antreiber erleben, sondern als Teil unserer Identität („Bei mir muss immer alles perfekt sein!“)Dann hat man natürlich auch Zeitprobleme, weil einem das gute Pareto-Prinzip „Für ein 80prozentiges Ergebnis brauchen Sie nur zwanzig Prozent der Zeit. Für ein 100prozentiges Ergebnis brauchen Sie die restlichen 80 Prozent Zeit“ zwar bekannt ist, man es aber nicht anwendet.

Also: Zu wem oder was hätten Sie diese Woche gerne „Nein“ gesagt? Was waren die Folgen, dass Sie es nicht getan haben?
Und wem oder was gegenüber könnten Sie sich sich heute abgrenzen?

PS: Ach ja, den Auftrag für das halbtägige Zeitmanagement-Seminar für die Softwarefirma habe ich nicht angenommen. Das wäre nichts Sinnvolles (aus meiner Sicht) geworden.

Hören Sie dazu den Podcast.

Diesen Beitrag können Sie sich hier als Podcast anhören oder auch hier herunterladen.

Wenn Sie wissen wollen, was wirklich hinter Ihrem Zeitmanagement-Problem steckt,
schauen Sie mal hier …

 

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Fotos: © kallejipp – photocase.de, Fotolia.com, istock.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Ein wunderbarer Artikel, den ich bestimmt mehrmals lesen werde. Zu wertvoll sind seine Inhalte, um nur kurzfristig konsumiert zu werden.
    In jedem Satz steckt sehr viel Wahrheit und will gleich in an Alltag integriert werden. Wären da nicht die verflixten Sachzwänge…

  2. Was für ein wundervoller Artikel! Und überhaupt das ganze Blog: mal jemand, der nicht nur Schmalspur-Häppchen zum besseren Leben als Lockstoffe für seine Seminare verstreut – bin entzückt!!

    Zum Thema „Glück und Leid“: vieles wird erst zu Glück bzw. Leid, indem wir es selbst so definieren. Selbst ein physischer Schmerz kann ganz unterschiedlich erlebt werden, man denke nur an das Kind, dass stürzt und erst zur Mutter hin schaut, bevor es in Tränen ausbricht. Geht man dem Wesen des Leidens nach, trifft man auf die Wurzel: das nicht akzeptieren der Vergänglichkeit aller Dinge, die Ablehnung des Todes. Das ist uns als Lebewesen eingebaut und es ist sauschwer, vielleicht kaum möglich, sich davon zu distanzieren. Noch schwerer wird es, wenn alle Welt Anti-Aging und „gesund turnen“ zur neuen Religion erhebt – als könne das grundsätzlich etwas ändern!

    Genug philosophiert, ich werde hier mit Freude öfter rein schauen!

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