Dankbarkeit: Warum fällt es Menschen schwer, „Danke“ zu sagen?

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Glück

Dankbarkeit und Danken setzt voraus, dass uns etwas geschenkt wird, auf das wir keinen Anspruch haben.

Wenn ich etwas kaufe, erwerbe ich das Recht, das Produkt zu besitzen. Dafür braucht man sich nicht zu bedanken. Doch wenn ich Geburtstag habe und jemand schenkt mir etwas, dann will er mir etwas Gutes tun – obwohl ich nichts dafür getan habe. Ich bin zwar ein Jahr älter geworden aber das gemachte Geschenk ist nicht die Anerkennung dafür.

Er gibt mir ein Geschenk, das ich nicht verdient habe, das ich auch nicht zu verdienen brauchte: ich bekomme es eben geschenkt.

Die „Gegenleistung“ dafür ist die Dankbarkeit. Das Danken stellt das Gleichgewicht zwischen dem Schenkenden und dem Beschenkten wieder her. Denn wenn ich etwas geschenkt bekomme, ist für einen Moment ein Ungleichgewicht in der Beziehung da. Ich stehe in der „Schuld“ des Schenkenden, denn ich habe ja etwas von ihm erhalten, das ich nicht „verdient“ habe. Das Danken gleicht dieses Ungleichgewicht wieder aus. (Deswegen bemerken Menschen den versäumten Dank genau: „Er hat sich nicht einmal bedankt!“)

Warum fällt es nun Menschen schwer, Dankbarkeit zu zeigen?

Ich sehe drei Gründe:

  1. Danken verbindet.
    Derjenige, der dankt, würdigt das Geschenk und er würdigt den Schenkenden. Wenn einem diese Nähe in der Beziehung unangenehm ist, versucht man das Danken abzuschwächen oder zu vermeiden.
    Weil Schenken die Bindung stärkt, lässt sich dies auch ausnutzen. Die Wahlkampfspende eines Lobbyisten oder das Weihnachtsgeschenk an den Finanzbeamten geraten deshalb leicht in die Nähe der Bestechung. Es sieht zwar nach einem Geschenk aus, doch spüren beide Beteiligte, dass ein schlichtes „Danke“ wohl nicht ausreicht.
  2. Im Danken spüren wir unsere Abhängigkeit.
    Häufig kann man von Beschenkten die spontane Antwort hören: „Das wäre aber nicht nötig gewesen!“
    Das stimmt, nötig war es nicht, sonst wäre es ja eine notwendige Hilfe.
    Ein Geschenk ist immer etwas Freiwilliges, das man dem anderen gibt, um ihm eine Freude zu machen.Wenn wir das Geschenk annehmen und dafür danken, spüren wir, dass uns das gut tut. Dass wir es nicht nötig hatten – aber dass wir es doch hin und wieder das Gefühl brauchen, dass ein anderer an uns denkt, dass wir für andere wichtig sind, dass wir nicht allein sind, sondern mit anderen verbunden.
    Wer nun auf seine Unabhängigkeit besonders stolz ist und seine Abhängigkeit verleugnet, kommt beim Beschenktwerden unter Umständen in Nöte.
  3. Danken erzeugt Zufriedenheit.
    Ich meine damit nicht die empirischen Studien, die belegen, dass dankbare Menschen zufriedener, glücklicher, gesünder etc. sind. Sondern ich verstehe die Kapitelüberschrift ganz pragmatisch.Danken beinhaltet, dass wir erkennen und anerkennen, was uns geschenkt wird.
    Der sicherste Weg, sich in kurzer Zeit unglücklich zu machen, besteht ja darin, an all das zu denken, was man noch nicht hat oder vielleicht nie bekommen wird. Andererseits kann es einen auch anstacheln, seine Kräfte einzusetzen um mehr zu erreichen. Und der Zeitgeist treibt uns ja auch an: Höher, schneller, weiter.Sich mit dem zufrieden zu geben, was man hat, wird nicht überall gern gesehen.
    Doch dafür zu danken, was man hat, erzeugt Zufriedenheit. Wenn man es annehmen und würdigen kann – und es nicht als selbstverständlich nimmt. (Jeder der eine schlimme Krankheit hatte oder bei jemandem miterlebte, ändert meist seine Sicht auf die Dinge des Lebens.)

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Zum Thema „Danken“ für das, was man hat, habe ich folgende Betrachtungsweise eines Mönchs aus Kalifornien gefunden:

Sei dankbar, wenn …

dir der Partner jede Nacht die Decke wegzieht –
denn es bedeutet, dass er mit keinem anderen aus ist.

dass du Steuern zahlen musst –
denn es bedeutet, dass Du einen Job hast.

dir deine Kleider zu eng geworden sind –
denn es bedeutet, dass du genug zu essen hast.

du viel zu viele Emails bekommst –
denn es bedeutet, dass viele Menschen an dich denken.

dich der Wecker früh morgens aus dem Schlaf reißt –
denn es bedeutet, dass du am Leben bist.

Und wofür sind Sie heute dankbar?

 

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Bild: © Bild: Papiertrümmer on VisualHunt.com / CC BY

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Oh, das Danken ist so eine Sache!

    Was, wenn das Konzept des Dankes nur eine folgerichtige Konsequenz des Konzeptes des privaten Eigentums ist.

    Unsere indigenen Völker kennen nur Gemeineigentum und daher auch nicht das Danken. Denn es ist normal, dass das, was da ist geteilt wird.

    In einer patriarchalen Kultur wie der unsrigen ist also das Danken hilfreich, um auch weiter „bedingungslos(?)“ geschenkt zu bekommen, wenn man bedürftig ist, sprich weniger hat, als der überwiegend Rest um mich 🙂

    Ansonsten ist aber häufig genug bei Menschen auf Augenhöhne doch der Hintergedanke da: Wie du mir so ich dir. Eine Hand wäscht die andere.

    Viele Grüße
    Martin Bartonitz

  2. Albert sagt

    mir fehlt noch ein ganz wichtiger Grund in diesem beitrag, ein grund, den ich sogar über die drei genannten stellen würde:
    -Mangelndes Selbstbewusstsein!
    es ist ja so, dass personen, denen es an selbstbewusstsein mangelt, von sich selbst meist schlechtes denken. sich sagen, dass sie nutzlos sind (in der gesellschaft), dass sie pechvögel sind (und zwar SELBSTverschuldete!), dass immer nur anderen gutes widerfährt, dass sie es auch gar nicht verdient haben, dass etwas gutes IHNEN widerfährt etc.
    Nun bekommen sie ein Geschenk und anstatt sich zu freuen wie es normal wäre wirft es ihr „weltbild“ durcheinander. warum bekomme ICH denn etwas geschenkt? werden sie sich fragen. womit habe ich das verdient?
    der beschenkte wird also eher davon ausgehen, dass es einen grund haben muss, warum man beschenkt wird. und in der negativen sichtweise wird auch erstmal ein negativer grund gefunden. zb „ich bekomme ja jetzt nur was, damit ich dem schenker ein anderes mal helfe“ etc.

  3. schreibnix sagt

    Hochinteressante psychologische Betrachtungen zum Thema „DANKE“.
    Dank des Blogkarnevals habe ich zum Glück auch von Ihrer Seite erfahren.
    Die Ansicht des kalifornischen Mönchs zum Thema „Danke“hat sogar mich zum Lachen gebracht.

  4. Ein sehr spannender Beitrag! Gerade das Element der Verbindung und des Ausgleichs wird in dem Zusammenhang oft nicht gesehen, spielt aber eine enorm wichtige Rolle.

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