Warum Frauentausch nicht klappt, Kleidertausch schon.

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Persönlichkeit

Sind wir schon auf dem Weg zu einer "Sharing Economy"?

"Wer ist der Clown?" "Keine Ahnung, ich dachte, du hast ihn eingeladen."

„Wer ist der Clown?“
„Keine Ahnung, ich dachte, du hast ihn eingeladen.“

Was man nicht dauernd braucht, kann man kurzfristig mieten. Den Kärcher für das Reinigen der Terrasse, den Strandkorb für einen sonnigen Tag, den Callboy für eine aufregende Stunde.

Ans langfristige Mieten sind wir auch gewöhnt. Bei vielen ist es die Wohnung, alle vier Jahre lease ich einen neuen FORD-Mondeo, auch den DSL-Zugang fürs Internet mieten wir und viele andere Dinge des täglichen Bedarfs. Wie zum Beispiel ein Huhn. Sogar eine Gebärmutter kann man mieten, muss dazu aber noch ins benachbarte Ausland fahren. Na gut.

Aber könnten Sie sich auch vorstellen, eine Katze zu mieten? Oder ein Wohnzimmer? Eine Mutter? Oder ein paar passende Hochzeitsgäste?

Natürlich nicht. Aber wie so oft, ist uns der Asiate hier schon weit voraus. Dort gibt es das alles schon. Und wie das Tamagotchi wird auch dieser Trend bald zu uns Tsunami-gleich herüberschwappen.

  • Viele Japaner lieben Katzen, haben aber in der Stadt nur wenig Platz und keine Zeit dafür. Eine halbe Stunde Katzestreicheln kostet im Neko Café nur 5,40 €.
    Aber bei uns wird sich das nicht durchsetzen. Europäer betrachten Haustiere ja als Familienmitglieder, die wir nicht teilen oder gar verzehren wollen. Der Asiate ist da pragmatischer, der Schweizer auch.
  • Da viele Japaner nur kleine Einzimmerwohnungen fernab ihres Arbeitsplatzes haben, können sie im Style Café in Tokio ein Wohnzimmer mieten.
    In ähnlicher Tradition stehen ja auch die zahlreichen Badehäuser in Japan, die es bei uns nur nach dem Krieg gab. Weil Deutschland größer ist als Japan, hat hier fast jeder sein eigenes Bad und würde nie mit einem Unbekannten in dieselbe Wanne steigen.
  • In Japan kann man auch Menschen mieten. Hier geht das nur beim Film und heißt dann Komparse. Bei Herrn Ichinokawa kann man zum Beispiel eine Schwiegermutter mieten, wenn die eigene Mutter psychisch krank ist und einem nicht vorzeigbar scheint (116 € plus Spesen).
    Auch für Spezialaufträge ist er gerüstet: Alleinerziehende Mütter, die in der Schule einen Vater präsentieren wollen. Arbeitslose Männer, die ein Berufsleben vorspielen und einen gemieteten Chef nach Hause einladen wollen. Oder Hochzeitsgäste, wenn der Bräutigam zu wenig Verwandtschaft hat.

 

Vom Car-Sharing zum Kleider-Sharing

Ein neuer Trend ist auch hierzulande zu beobachten. Viele Menschen wollen nicht mehr alles kaufen, um es zu nutzen, sondern teilen es mit anderen.

Am bekanntesten ist das Car-Sharing. Wer nicht dauernd ein Auto braucht, meldet sich an, bekommt einen Zugangscode. Mit seinem Smartphone findet er das nächste Fahrzeug in seiner Stadt öffnet es auch damit. Nach Gebrauch einfach stehen lassen, am Ende des Monats wird die Gebühr für die gefahrenen Kilometer abgebucht.

Frauentausch klappt ja selten, wie man wöchentlich auf RTL2 verfolgen kann. Kleidertausch schon eher.

Zwei Frauen in Hamburg haben einen Kleiderladen gegründet, in dem frau sich gegen eine Monatspauschale vier Kleidungsstücke für jeweils zwei Wochen ausleihen kann. Bei Swap-Parties werden ebenfalls Kleider getauscht.

Geht die Ära des Eigentums also zu Ende?

Das hatte ja Jeremy Rifkin schon im Jahr 2000 in seinem Buch „Access“ angekündigt: Was ich jederzeit nutzen kann, muss ich nicht unbedingt besitzen.

Könnte man eigentlich auch im Büro anwenden.

WorkPlace-Manager versuchen, Angestellten die Idee schmackhaft zu machen, dass sie nur einen Schreibtisch brauchen, aber keinen eigenen. In ganz fortschrittlichen Unternehmen klappt das ja schon. Der Mitarbeiter kommt morgens mit seinem Laptop rein, sucht sich einen freien Tisch, loggt sich ins Intranet ein und legt los.

Prima Idee – nur nicht für die meisten Menschen. So wie Hunde ihr Territorium markieren wird auch der eigene Schreibtisch meist mit Grünpflanzen, Familienfotos und persönlichen Gegenständen abgegrenzt. Die Lage des Büros sowie die Anzahl der Fenster demonstrieren, welchen Status der Betreffende in diesem Unternehmen erreicht hat.

Logisch oder sachdienlich ist das nicht, aber menschlich.

Etwas flexiblere Menschen brauchen solchen Statuszauber nicht. Sie arbeiten mit ihrem Laptop überall – vorausgesetzt ein WLAN ist in der Nähe.

Trendforscher proklamieren bereits die Sharing Economy und eine Collaborative Consumption. Ein Manifest dazu soll das Buch von Rachel Botsman sein: „What’s mine is yours“.

Sowohl für Kunden, wie auch für Unternehmen bieten Sharing-Modelle neue Möglichkeiten. Nicht zufällig sind Autofirmen wie Mercedes und BMW im Carsharing-Bereich sehr aktiv. Dabei verschiebt sich der Fokus von der Herstellung eines Produkts hin zu mehr Service. Aus einem Autobauer wird ein Anbieter von Mobilitätsdienstleistungen.

Mein Fazit:

Eigentum hat auch Nachteile. Dinge brauchen Platz, wollen gesäubert, gepflegt, repariert werden. All das spart man sich beim Mieten, Leihen oder „Sharen“.

Auch die stärkere Nachhaltigkeit ist ein dicker Pluspunkt. Wenn mehr Leute, die morgens allein in ihrem 5-Sitz-PKW ins Büro fahren, den Bus nehmen oder zumindest Fahrgemeinschaften bilden würden, hätten wir vielleicht auch mal wieder einen normalen Frühling.

 

Fürs Tauschen braucht es ein starkes Ich.

Der Nutzen eines Buches liegt ja im Lesen bzw. darin, es gelesen (und verstanden) zu haben. Er liegt nicht im Besitz des Buches.  Ob jemand belesen ist, merkt man schnell im Gespräch über ein Thema, egal wie groß der Bücherschrank desjenigen zu Hause ist.

So gesehen kann man Bücher-, Platten- und CD-Regale als Angeberei verstehen, die enormen Raum beansprucht. (Jetzt bekomme ich bestimmt böse Kommentare von Vinyl-Freaks.) Aber in der digitalisierten Welt geht es immer mehr um den freien Zugang zu Wissen, weniger um den Besitz von Sachen.

Auf vieles zu verzichten, kann auch zum Lebensprinzip werden, so wie es Leo Babauta mit seinem Minimalismus vorlebt und beschreibt. Michael Kelly Sutton nennt seine Lebensweise „Cult of Less“, dazu gibt es auch einen deutschen lesenswerten Blog.

maslow-BedürfnispyramideDie Bereitschaft zu einem bescheideneren Lebensstil ist wahrscheinlich auch eine Sache des Alters und des Familienstands. Als Single kann man sich gut einschränken, denn der Verzicht führt zu keinen langen Debatten oder Konflikten.

Lebt man in einer Beziehung oder hat gar Kinder, sieht das gleich ganz aus. Es sei denn, man sorgt für eine sektenähnliche Abschottung gegenüber der bösen Konsumwelt.

Verzichten will ja auch nur der, der vorher viel hatte.

  • Wer immer ausreichend zu essen hat, probiert gern mal das Fasten aus und ist angetan. Für den Hungernden ist es keine Option.
  • Wer zu viele Sachen im Kleiderschrank hat, will ausmisten. Der Obdachlose nicht.
  • Wer das Privileg einer sitzenden Tätigkeit erreicht hat, will joggen. Die Verkäuferin hinter der Käsetheke oder der Briefträger kaum.
  • Wer sonst auf 250 qm wohnt, interessiert sich für einen Urlaub in der Klosterzelle.
  • Erst wer weiß, wie lästig der Besitz von Villa, Flugzeug oder Yacht werden kann, kommt auf die Idee, all das zu verschenken wie dieser Herr. Einem Hartz 4-Bezieher zu verkünden: „Geld ist nicht alles!“ stößt wohl auf taube Ohren.

„Erst das Fressen, dann die Moral“ verkürzte Bert Brecht schon 1928 die Bedürfnispyramide von Maslow, der diese erst 1943 konzipierte. Nur wer den Überfluss kennt – und möglicherweise darunter leidet, sucht die Einschränkung.

Sind erstmal die grundlegenden Bedürfnisse erfüllt, ahnen die meisten Menschen, dass die besten Dinge im Leben keine Waren sind, sondern Beziehungen, Gesundheit, Erlebnisse und eine sinnvolle Arbeit.

Der Ansatz der Sharing Economy fordert also zu einer Überprüfung der eigenen Werte auf: Was ist mir im Leben wirklich wichtig?

Diese Besucherin dieses Forums hat das schon mal für sich geklärt: „Wo bekomme ich günstig ca. 15 Meter Bücher mit gut erhaltenem Rücken, für unser neues Bücherregal? Am besten auch mit Literatur dabei. Oder Göthe. Aber mehr so dezente Farben, es soll halt seriös sein, ihr versteht schon.“

 

 

kommentar Was könnten Sie leihen anstatt zu besitzen?

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Zu diesem Artikel wurde ich durch das Maiheft von brandeins
zum Thema „Warum Teilen und Tauschen dir Wirtschaft voranbringen“ angeregt. Einige Beispiele und Zitate stammen auch daraus.

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

6 Kommentare

  1. Ich fand den Artikel sehr interessant und auch sehr lesenswert. Das Besitzen eines Buches zum Beispiel wird im digitalen Zeitalter ohnehin immer weniger werden, da die Bücher immer häufiger nur mehr als Epbub oder pdf-Datei existieren. Allerdings sind viele Menschen noch nicht so weit, aber ich denke, dass es unsere Kinder oder spätestens deren Kinder sein werden.

  2. Diana sagt

    Sharing ist sicherlich eine Option, wenn es um Waren geht, geht es aber um Personen hat dies eine natürliche Grenze, wie ich finde. Auch das teilen von Klamotten finde ich äußerst schwierig, wenn mir ein Kleidungsstück gut gefällt, dann will ich es doch nach 2 Wochen nicht zurückgeben, ich will es behalten. Und sich eine Schwiegermutter auszuleihen bspw. oder für die Hochzeit Hochzeitsgäste, finde ich einfach nur unpassend. Gerade bei einer Hochzeit sollte es um die 2 Personen gehen die heiraten, ist doch egal, ob einer nicht so viele Gäste einladen kann, der Tag gehört dem Brautpaar und denen, die einem am nächsten sind, und das ist sicherlich niemand den man mietet.

  3. Liebe Frau Allgaier,
    ich bin auch überzeugt, dass Car-Sharing bei uns noch zunehmen wird, wenn Verbreitung und Nutzung noch verbessert werden. Für mich passt es nicht, da ich mein Auto mehrmals am Tag brauche. Aber wer weiß, wenn ich mal im Rentenalter bin. 😉

  4. Ich habe für mich gerade das carsharing entdeckt. So fahre ich mit dem Rad zum Bahnhof, mit dem Zug zur Arbeit und leihe mir nur dann ein Auto wenn ich es auch wirklich brauche.

    Für mich ist das eine neue Freiheit. Auf diese Weise bekommt der Körper gleich eine Portion Sport und es steht kein Wagen unnötig in der Gegend rum. Das sind die Bequemlichkeiten der sich globalisierenden Welt. Dass auch das „sharing“ mißbraucht werden kann – wie alles – liegt nicht am sharing, sondern in der menschlichen Natur.

    Für mich ist das Teilen eines Autos mit vielen anderen einfach die Möglichkeit, meine Ressourcen optimal zu nutzen. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es das gibt.
    Danke für den schönen Artikel.

  5. Hallo Stefan,
    als Sonderling dargestellt? Das ist ein Mißverständnis. Ich sehe die asiatischen Länder vor allem als Vorreiter. Mein Tenor war eher, dass wir Deutsche in manchem Sonderlinge sind, die aber dann doch vieles übernehmen.
    Danke für Ihren Kommentar.

  6. Stefan sagt

    Vielen Dank für den interessanten Beitrag. Wie immer, sehr lesenswert.

    Schade finde ich nur, dass Sie in den Tenor deutscher Medien eingefallen sind, „den Asiaten“ (sic!) als Sonderling darzustellen. Was unterscheidet den Besuch in einem Katzencafe in Tokio denn so fundamental von einem Besuch im Streichelzoo in Europa? Ist ein öffentliches Bad in Japan wirklich so anders als eine öffentliche Sauna in Deutschland?

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