Hören Sie auf zu jammern! Sie haben es doch gewählt.

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Karriere

Wie unzufrieden sind Sie mit Ihrem Job? Oder: Sind Sie eine Ente oder ein Adler?

opfermodus, selbstverantwortung,corssen,

Nach der neuesten Gallup-Umfrage machen 63 Prozent der Mitarbeiter hierzulande nur noch Dienst nach Vorschrift.

Hmm.

Ich war auch schon oft in meinem Beruf unzufrieden. Als mir nach meiner Banklehre klar wurde, dass ich es bei guter Führung höchstens mal zum Zweigstellenleiter schaffen würde, ging ich zu IBM.

Datenverarbeitung, damals noch mit Lochkarten, schien mir eine zukunftsweisende Branche zu sein. Doch als ich dort als Operator an einer IBM 360 sah, dass die wirklich interessanten Jobs die Programmierer hatten, war ich wieder unzufrieden. Denn dafür war Abitur Voraussetzung.

So landete ich als ungelernter Texter in einer Werbeagentur. Ging eine Weile prima, bis eine Rezession kam und ich gekündigt wurde. Dann landete ich dort, wo viele abgebrochene Existenzen damals landeten: in der Maschmeyer-Branche.

Tolle Sache damals, mit zwei Stunden am Tag viel Geld verdient. (Damals ging das noch.) Aber ich fühlte mich unterfordert. Den Rest meines Lebens Lebensversicherungen verkaufen? Hmm.

Ich wollte eigentlich schon lange Psychologie studieren, hatte aber kein Abitur. Und so holte ich das nach. Zweieinhalb anstrengende Jahre auf dem Nürnberg-Kolleg. Latein, Infinitesimalrechnung, Nebenflüsse des Amazonas – all das, wo ich dachte, dass ich für dieses Leben hinter mich gebracht hatte.

Mein Abiturschnitt war dann 2,3. Zu wenig für den Numerus Clausus in Psychologie. Also mindestens ein Jahr warten. Was tun?

Da kaufte ich ein Flugticket nach Israel, weil ich gelesen hatte, dass man dort im Kibbuz überall problemlos gegen Kost und Logis arbeiten konnte. Und pflückte ein Jahr lang Tausende von Orangen, schlachtete Hühner und fuhr Brot aus. Nach einem Jahr kam der Studienplatzbescheid – ich war am Ziel.

Warum schreibe ich das so ausführlich?

Laut dem jährlich erhobenen Engagement-Index des Gallup-Instituts ist die Mehrzahl der Mitarbeiter in Deutschland mit ihrem Arbeitsplatz unzufrieden:

  • Nur 14 % sind hoch motiviert
  • 63 % machen nur Dienst nach Vorschrift
  • 23 % haben bereits innerlich gekündigt
  • Mit ihrer Bezahlung sind 58 Prozent zufrieden aber die meisten vermissen Lob und Anerkennung vom Chef

Die Zahlen werden jährlich erhoben und sind über die Jahre etwa gleich. Doch was kann man daraus schließen?

„Das Versagen der Chefs“ titelt die WELT. „Viele Firmen haben ein Führungsproblem“ … „Führungskräfte sind somit reinste Wertevernichter.“

Das ist so kurz wie einseitig, finde ich.

Natürlich tut es gut, von anderen in seinem Tun wahrgenommen, respektiert und anerkannt zu werden. Doch beim Fehlen derartiger Wertschätzung innerlich zu kündigen oder nur mit halber Kraft das Nötigste zu tun und schon montags das Wochenende herbeizusehnen, ist billig.

Diesen Angestellten möchte ich zurufen:

„Sie wollen genau diesen Arbeitsplatz – und keinen anderen!“

„Quatsch!!! Das stimmt nicht,“ höre ich entschiedenen Widerspruch. „Ich habe diesen Job nicht gewählt. Was soll ich denn sonst machen? In meinem Alter/mit meiner Ausbildung/etc. finde ich doch nichts Besseres.

Ich bleibe dabei. „Sie sind genau an dem Arbeitsplatz, den Sie wollten – alles andere war Ihnen zu umständlich, zu teuer, zu unsicher, zu …“

Denn wenn wir uns für etwas entscheiden, vergleichen wir immer den Preis, den wir dafür zahlen müssen. Da sind wir alle Schnäppchenjäger. Wollen den höchsten „Wert“ zu den geringsten Kosten.

Wer mit seinem Vorgesetzten unzufrieden ist, kann beispielsweise

  • das Gespräch mit ihm suchen
  • sich versetzen lassen
  • sich woanders bewerben
  • sich selbständig machen
  • kündigen und HARTZ IV beantragen.

Sie könnten all das tun. Und es hätte natürlich Konsequenzen. Vielleicht wäre in der neuen Abteilung der Chef toll aber das Team unmöglich. Oder Sie hätten bei einer anderen Firma einen längeren Anfahrtsweg. Ihr Versuch, sich selbständig zu machen, könnte in der Insolvenz enden und dann wären Sie vielleicht auch wieder bei Hartz IV.

Weil Sie das alles nicht wollen, sind Sie in dieser Firma an genau diesem Platz. Es waren nicht die Umstände oder das Schicksal. Es ist auch nicht die Notwendigkeit, Ihre Familie zu ernähren.

Denn Sie müssen Ihre Familie nicht ernähren. Sie könnten Ihren Partner dazu bewegen, dass er/sie arbeiten geht und Sie kümmern sich um die Kinder. Sie könnten sich massiv einschränken, auf dem Campingplatz wohnen und von Gelegenheitsjobs leben. Sie könnten als Obdachloser leben und endlich viel Zeit haben.

All das sind mögliche Optionen. Und die haben Sie – bis jetzt – alle ausgeschlagen. Und sich für den Job unter dem Chef mit der Bezahlung und den Kollegen entschieden. Niemand sonst hat das für Sie entschieden.

Und – gratuliere! – es war Ihre beste Wahl. Denn für alle anderen Optionen war Ihnen der Preis zu hoch.

Doch warum jammern Sie dann?

Natürlich erleben Sie das anders. Dass Sie nicht gewählt haben. Dass die Umstände, das Leben, der Zufall Sie an diese Stelle gebracht haben. Und dass es keine Alternative gibt.

Aber das stimmt nicht.

Denn Sie können immer wählen. Sie sind völlig frei. Sie können alles tun, was Sie wollen, wirklich alles. UND: Sie tragen die Konsequenzen.

Und jetzt kommt das Jammern ins Spiel. Wenn Sie eine Situation nicht akzeptieren – mit all ihren Begleitumständen – und Sie sie nicht verändern können aber auch nicht verlassen wollen – dann entsteht ein Unwohlsein in Ihnen. Und dann fangen Sie an zu jammern.

Das Jammern ändert natürlich nichts. Aber Sie fühlen sich ein bisschen besser dabei. Und vor allem ist es Ihr stiller Protest, dass Ihnen etwas nicht gefällt und Sie es aber trotzdem wählen. Jeden Tag.

Und das Gute am Jammern ist auch: Sie finden ganz schnell Kontakt zu anderen Menschen, die auch gern jammern. Jammern Sie mal an der Haltestelle, dass der Bus heute wieder Verspätung hat. Wildfremde Menschen werden Ihnen beipflichten und noch mehr Themen zum Jammern liefern.

Hat man wirklich alles gewählt?

Natürlich nicht. Was Ihnen zustößt oder zufällt haben Sie nicht gewählt. Aber wie Sie damit umgehen, das wählen Sie.

Niemand wünscht sich ein behindertes Kind. Niemand wählt eine Krebserkrankung. Aber wie Sie damit umgehen, dafür entscheiden Sie sich – aus vielen Möglichkeiten.

Sie müssen sich nicht um Ihr behindertes Kind kümmern. Sie könnten die Familie verlassen, eine Strandbar an der Copacabana eröffnen  oder das Kind zur Adoption freigeben. Aber Sie leben dann wohl ein Leben lang mit Ihren Schuldgefühlen.

Sie müssen auch keine Krankheit ertragen. Sie können sich umbringen. So wie es Gunther Sachs tat, weil er seine Alzheimer Erkrankung als „auswegslos“ empfand.

Es geht mir nicht um eine moralische Diskussion.

Es geht mir darum, dass es keine Opfer gibt. Es gibt nur eine Opferhaltung.

Ihr Chef ist nicht schuld.

Wenn nach der Gallup-Studie 63 Prozent der Mitarbeiter nur Dienst nach Vorschrift tun, dann ist das nicht die Schuld der Vorgesetzten.

Klar, gutes Gehalt, nette Kollegen, sichere Betriebsrente, kurzer Weg zur Arbeit – und dann noch einen Chef, der einen lobt, das wäre super! Aber Ihr Chef muss Sie nicht loben. Steht nicht in Ihrem Arbeitsvertrag. Und wenn Sie trotzdem darauf beharren, dass er das tun müsste, sonst … dann machen Sie sich zum Opfer.

Denn wenn Ihre Führungskraft Ihnen nicht genug Anerkennung gibt, dann gibt es mehrere Möglichkeiten (siehe oben). Dienst nach Vorschrift und innere Kündigung fühlen sich nämlich nicht gut an. Die Familie leidet, wenn Sie mit dieser Einstellung nach Hause kommen und Ihren Frust ablassen. Ihre Energie und Phantasie, an Ihrer Lage etwas zu ändern, werden auch darunter leiden.

In dem Moment, wo Sie sich bewusst machen, dass Sie sich für diesen Platz, wo Sie gerade sind im Leben, entschieden haben – nach wohlüberlegtem Preisvergleich – können Sie sich damit auch versöhnen.

  • Dass mein Chef mich nicht lobt, gefällt mir nicht, aber ihn darauf anzusprechen, traue ich mich nicht. Trotzdem bleibe ich.
  • Mich woanders zu bewerben, dazu bin ich zu feige – deshalb bleibe ich. .
  • Mich selbständig zu machen wäre eine Option, aber die finanzielle Unsicherheit ist mir zu riskant. Deswegen bleibe ich.

Die Überschrift gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Da wo Sie derzeit im Leben sind, das haben Sie gewählt. Den Ort, wo Sie wohnen. Die Partnerschaft, in der Sie leben. Die Regierung, deren Gesetze Sie befolgen.

Sie haben das alles gewählt. Und Sie wählen es jeden Tag wieder.

Also, hören Sie – bitte – auf zu jammern.

Und was hat das mit Adlern und Enten zu tun? 

Sie haben zwei grundsätzliche Möglichkeiten, Ihr Leben zu gestalten:

  1. ein aktives selbst gesteuertes Leben, in dem Sie die Verantwortung für sich selbst und Ihr Handeln übernehmen. Dafür steht der Adler.
  2. ein eher passives Leben, in dem Sie andere und die Umstände für Ihr Leben verantwortlich machen. Dafür steht die Ente.

Viele Menschen wollen zwar die Vorteile des Adlers für sich haben, aber nicht den Preis dafür zahlen.

Woran erkennen Sie eine Ente?

Sind Sie schon einmal ein paar Minuten später in den Frühstücksraum eines Hotels gekommen, und die offizielle Frühstückszeit war vorbei? Eine Bedienungs-Ente wird Ihnen sagen: „Tut mir leid, aber Sie sind zu spät. Haben Sie nicht das Schild draußen gelesen? Frühstück gibt es nur bis zehn. Quak, quak, quak…“
Ein Adler wird dagegen sagen: „Das Buffet ist leider schon abgeräumt, kann ich Ihnen schnell noch etwas in der Küche fertigmachen lassen? Was hätten Sie gerne?“

Hier noch einige Unterschiede zwischen Enten und Adler:

  • Enten erzählen sich gegenseitig ihre negativen Erlebnisse. Sie halten sogar Entenversammlungen zu diesem Zweck ab.
    Adler sprechen vor allem über positive Dinge.
  • Enten tun nur das Nötigste – und oft noch nicht einmal das.
    Adler tun mehr als jemand von ihnen verlangt oder erwarten könnte.
  • Enten arbeiten langsam. Sie haben so Sprüche drauf wie: „Ich bin hier  auf der Arbeit und nicht auf der Flucht.“
    Adler erledigen alles so schnell  wie irgend möglich.
  • Enten wissen alles besser  und suchen Ausreden, warum etwas nicht geht.
    Adler finden Lösungen, wie es trotzdem gehen könnte.
  • Enten scheuen das Risiko.
    Adler haben auch manchmal Angst, aber sie tun es  trotzdem.
  • Enten warten darauf, dass sie gefüttert werden, und wenn sie nicht genug bekommen, quaken sie.
    Adler übernehmen Verantwortung und holen  sich, was sie wollen.
  • Enten müssen lieben, was sie haben.
    Adler holen sich, was sie lieben.

PS: SWR3 hat mich vor einiger Zeit dazu auch interviewt. Hier das Gespräch …

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Foto: © privat, claudiaarndt photocase.com

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

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