Was ich als 30-jähriger vor meiner Midlife Crisis gerne gewusst hätte.

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Glück

 

Im Herbst meines Lebens (ich bin 58 Jahre alt) gelingen mir manche Dinge besser. Kann ich meine Zeit, meine Kraft und meine Energie besser nutzen, weil ich diese begrenzten Ressourcen besser einteilen kann. Warum geht das jetzt? Und nicht schon viel früher? Ich habe darüber nachgedacht und bin auf folgende Punkte gekommen. Dinge, die ich – vielleicht – schon als Vierziggjähriger gern gewusst hätte.

1. Dinge, um die ich man sich Sorgen macht, passieren meist nicht. Und um das, was einem passiert, hat man sich meist keine Sorgen gemacht.

Wie oft lag ich als Selbständiger nachts wach und machte mir Sorgen, ob finanziell alles gut gehen würde. Auch ob und in welchem Alter ich eine Glatze bekommen könnte und was man dagegen tun kann, beschäftigte mich immer wieder.
Dass bis aber einmal meine Wohnung durch einen Wasserschaden komplett verwüstet werden würde, darüber hatte ich mir keine Gedanken gemacht. Und es passierte mir dreimal – in verschiedenen Wohnungen. Auch eine üble Gallenoperation kam völlig unvorbereitet.
Das passiert auch anderen Leuten. Exkanzler Schröder machte sich ja auch Sorgen um seine Haare. Strengte gar einen Prozess an, falls jemand behaupten wollte, dass sie gefärbt seien. Dass er bald durch eine weibliche Kanzlerin abgelöst werden könnte, hatte er wohl auch kaum bedacht.

2. Es gibt nur wenige Dinge, die im Leben wirklich Bedeutung haben.

In meinen Seminaren lasse ich manchmal die Teilnehmer in einer Trancereise auf ihr Leben zurück-schauen – vom Totenbett aus. Aus dieser Perspektive rücken die Dinge des eigenen Lebens in eine ganz andere Prioritätenfolge, als wenn man mitten drin steht.
Immer das neueste Handy-Modell gehabt? Morgens immer als erster Im Büro gewesen? Immer sein Idealgewicht gehalten? Vom Totenbett aus betrachtet – alles geschenkt!
Was von da aus wirklich Bestand hat, sind meistens nur zwei Dinge. Erstens unsere Beziehungen. Und zweitens, die Erfahrung, etwas Persönliches in seinem Leben vollbracht zu haben.

3. Das Leben ist mehr als eine Sammlung von To-do-Listen.

In meinem Zeitmanagement-Seminar höre ich öfter den Stoßseufzer von Teilnehmern: “Wenn erst … erledigt ist, dann mache ich endlich …!”
Ich glaube mittlerweile, dass wir uns damit meist selbst belügen. Natürlich muss man manchmal Prioritäten aufschieben, doch wenn man immer wieder wichtige Dinge aufschiebt, bis man mal Zeit hat, um das zu tun, was einem wirklich am Herzen liegt, dann ist das ein gefährliches Spiel.

4. Wenn man als Mann mehr auf seine Frau hört, verbessert das die Qualität der Beziehung.
Als ich einmal zähneknirschend eingestehen musste, dass meine Frau unseren Videorekorder in Nullkommanix repariert hatte, nachdem ich zuvor zwei Stunden mit der Anleitung verbracht hatte, fiel mir dieser Satz des Paarforschers John Gottman ein.
Doch Frauen haben oft Recht, vor allem in Gefühls- und Beziehungsfragen. Da sind wir Männer hoffnungslos schlechter. Mädchen fangen mit drei Jahren an, Vater, Mutter und Kind zu spielen – und üben dabei, wie man mit anderen Menschen umgeht. Jungen spielen vor allem mit Gegenständen und wenn sie mit anderen Jungen spielen, geht es immer um’s Gewinnen und darum, wo man in der Hierarchie mit anderen steht.
Das sind gute Voraussetzungen, um später im Berufsleben mit anderen Männern gut zurecht zu kommen. Für private Beziehungen hilft es einem nicht. Da haben Frauen zumeist einen Riesenvorsprung – den wir auch kaum einholen können.
Die gute Nachricht: unsere Frauen geben uns viele Hinweise und Tipps, wie man Beziehungen führt. Oft ungefragt und vielleicht als Beschwerde formuliert, aber der Kern stimmt oft. Nur haben Männer es nach meiner Beobachtung schwer, diese Hinweise anzunehmen. Wir fühlen uns schnell gekränkt, belehrt und kritisiert.
Ein Tipp von Mann zu Mann: Stellen Sie sich vor, das was Ihnen Ihre Frau sagt in puncto Beziehung würde Ihnen Ihr bester Freund sagen. Wie klingt es dann in Ihren Ohren?

5. Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, findet Gründe.
Dieser Satz hilft mir, wenn ich mir etwas vorgenommen habe (beispielsweise den Keller aufräumen, endlich regelmäßiger joggen usw.) und keine Zeit dafür finde oder nach einer Weile bemerke, dass ich das, was ich mir vorgenommen hatte, nicht gemacht habe.
Dann weiß ich, dass ich das, was ich mir vornahm, ich doch nicht wirklich wollte. Vielleicht weil es mehr aus einem inneren Anspruch kam anstatt aus einem Bedürfnis oder weil die Kosten-Nutzen-Rechnung doch zu ungünstig ausfiel.
Früher wertete ich mich dann gern ab als willensschwach, faul etc. Doch mittlerweile weiß ich, dass ich für das, was ich wirklich wollte im Leben, ich fast immer Wege fand, es zu verwirklichen. So holte ich zum Beispiel in zweieinhalb mühevollen Jahren mein Abitur nach, weil ich studieren wollte.
In Ihrem Leben ist es bestimmt genauso. Das, was Sie wirklich wollten, haben Sie – auch gegen große äußere und innere Widerstände erreicht. Weil man, wenn man etwas will, automatisch lösungsorientiert denkt und handelt. Wenn man jedoch etwas eigentlich nicht will, im Prinzip schon, aber eigentlich doch nicht, denkt man automatisch problemorientiert. Und findet natürlich schnell Bedenken und Gründe, warum es nicht gehen kann.

6. Das Leben findet immer einen Weg.
Der Satz hat mich ihn späteren Jahren immer wieder getröstet, wenn es schwierige Situationen zu bewältigen gab und ich nicht wusste, wie. Egal, ob man Insolvenz anmelden, der geliebte Partner stirbt oder einen eine bedrohliche Krankheit erwischt. Wenn man nicht weiter weiß, das Leben findet immer einen Weg.
Das heißt, in schwierigen Situationen kann man lernen, sich anzuvertrauen. Das kann ein Mensch sein oder wenn man daran glaubt, auch Gott. Ich denke, der wichtigste Schritt ist das An-Vertrauen. Es beinhaltet ein Loslassen an den bisherigen, oft krampfhaften Lösungsversuchen und das Eingeständnis, dass man einen Weg “auf einer anderen Ebene” braucht.
Diesen Satz sagt ursprünglich der Wissenschaftler in Jurrasic Park als es darum geht, dass die auf der Insel ausgesetzten sterilisierten Dinosaurier sich theoretisch nicht vermehren können – es aber dann doch tun. Denn, das Leben findet immer einen Weg.

7. Gott ist eine polnische Putzfrau – und es geht ihr gut.
Diesen Satz hörte ich zum ersten Mal auf dem EST-Training, als aus dem Publikum von zweihundertfünfzig Teilnehmern jemand aufstand und fragte: „Und was ist mit Gott?“
Die Antwort hat mir in verschiedenen Phasen meines späteren Lebens viel geholfen, denn die spiri-tuelle Suche hat mich immer wieder beschäftigt. Mit 31 Jahren lief ich als Sannyasin zwei Jahre in roter Kleidung herum – und versaute mir unter anderem damit meine Diplomabschlussnote. Danach studierte ich intensiv tibetischen Buddhismus, bis ich nach einiger Zeit erkannte, dass ich das vor allem tat, um ein besserer Mensch zu werden.
Als denkender Mensch ist mir die Existenz eines personalen Gottes zu menschlich und zu sehr von kindlichen Gehorsamsvorstellungen beeinflusst, als das ich das jemals ernsthaft glauben konnte. Und Aussagen wie „Gott ist Energie/ein Prinzip/Urgrund etc. sind mir zu unpräzise.
Und was ist jetzt mit Gott? Ich weiß es nicht, aber ein Gott, zu dem George Bush täglich betet und dieser ihn nicht ermahnt, nicht weiter solch gefährlichen Unsinn in der Welt anzurichten, ist mir eher unheimlich. Dann glaube ich lieber an obige Antwort.

8. Keiner weiß, wie man “richtig” lebt.
Schon wie man “gesund” lebt, steht nicht wirklich fest. Mal ist Margarine besser als Butter, dann wieder umgekehrt. Mal ist ein Glas Rotwein gesund, dann wieder gilt jeglicher Alkohol als Zellgift. Doch seien wir ehrlich, niemand weiß, wie Krankheit entsteht – und wie man demzufolge gesund bleibt. Statistiken helfen da auch nicht weiter. Danach ist das Risiko für bestimmte Krebsarten in verschiedenen Bundesländern unterschiedlich hoch und niemand kennt den Grund. Statistiken sagen etwas über gewisse Wahrscheinlichkeiten aus, jedoch nichts über den Einzelfall. Man kann aber sein Leben nicht nach statistischen Erkenntnissen leben. Im Nachhinein, wenn man krank geworden ist, wird man gefragt und beurteilt. Kein Wunder: zu wenig Gemüse, zu viel Alkohol, zu wenig Bewegung, zu viel Stress. Doch ich kenne genug Leute, die ernährungsmäßig alles richtig gemacht haben und schwer krank geworden sind. Im Nachhinein ist jeder klüger, doch entscheiden müssen wir uns immer im Voraus. Es gibt kein Rezept für das Leben.

Das gilt auch für diese Liste.

Und was hätten Sie gerne gewusst (oder mehr beherzigt) als Sie jünger waren?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

8 Kommentare

  1. Tina sagt

    Sie sind ein kluger Mensch für mich und haben grosses Talent! Teilen Sie weiterhin Ihre Erkenntnisse mit Menschen, man kann Viel von Ihnen lernen und hören Sie niemals auf das Leben und alles zu hinterfragen!!!

  2. Nun, Ihr Blog ist ja ganz nett, aber um Antworten auf all Ihre Fragen zu bekommen muss ICH nicht erst die Midlife-Crisis hinter mich bringen.
    Das das Leben immer einen Weg findet, das man sich stets um die falschen Dinge sorgt und das die Männerwelt mehr auf die Frauen hören sollte („Ich hab es dir doch gesagt!“) kann man ohne weiteres bis Anfang zwanzig in Erfahrung gebracht haben.
    Des weiteren hat Gott meiner Meinung nach recht wenig mit der Midlife-Crisis zu tun. Wenn ich vorher nicht genug über meine Glaubensfrage nachgedacht habe, kann ich auch mit Mitte 90 meinen „richtigen“ Glauben nicht gefunden haben.
    Allerdings finde ich es toll das sich die Männerwelt zumindest dann mal mit diesen vielen Problemen auseinander zu setzten scheint.

  3. Lars sagt

    Wunderbar, macht gelassen, und hilft – glaube ich – egal wie alt man ist. Kompliment!

  4. Danke. Bin froh, dass ich noch mit 34 auf diese Liste gestossen bin ;-).

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