https://www.istockphoto.com.Minerva
Ein 3-h-Coaching über Ungeduld, Kontrolle und die Angst, übergangen zu werden.
„Ich weiß, es ist lächerlich – aber wenn jemand im Verkehr trödelt oder im Meeting endlos redet, könnte ich explodieren!“
Thomas sitzt mir im Online-Coaching gegenüber, 38 Jahre, erfolgreicher Projektleiter in einer großen Agentur.
Schnell im Denken, schnell im Reden, schnell im Leben.
Er sagt das mit einem schiefen Lächeln, aber seine Körpersprache zeigt etwas anderes.
Angespannte Schultern, unruhige Hände, ständiges Zucken mit dem Knie.
Ich frage: „Was genau macht Sie so wütend, wenn andere langsamer sind als Sie?“
Er überlegt kurz. Dann zuckt er mit den Schultern.
„Ich hab einfach keine Zeit für so was. Und ehrlich gesagt: Ich hab null Verständnis für Leute, die ewig brauchen.“
Ist Ungeduld ein Charakterfehler?
Viele Menschen wie Thomas halten ihre Ungeduld für ein Temperamentsproblem.
Oder einen Makel.
Man ist halt „ungeduldig“ – das klingt wie: Ich bin halt so. Muss man mit klarkommen.
Doch in meiner Erfahrung ist extreme Ungeduld keine feste Eigenschaft, sondern ein Hinweis auf ein tieferes Thema.
Ein Alarmzeichen des Nervensystems:
Achtung, hier droht Kontrollverlust, Überforderung oder Ohnmacht.
Deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen:
- Was genau triggert Ihre Ungeduld?
- Was befürchten Sie in diesen Momenten?
- Und wie alt fühlen Sie sich innerlich, wenn das passiert?
Vier Lebensthemen hinter extremer Ungeduld
Im Coaching mit Thomas zeigt sich, dass sein Verhalten keine Laune ist – sondern ein Schutzmechanismus.
Im Gespräch tauchen vier mögliche Lebensthemen auf, die ich hier zusammenfasse:
„Ich darf nicht hilflos sein.“
Thomas hasst es, auf etwas oder jemanden warten zu müssen.
Nicht, weil er arrogant ist – sondern weil Warten für ihn gleichbedeutend ist mit Kontrollverlust.
„Ich werde unruhig, wenn andere das Tempo bestimmen“, sagt er.
„Ich fühl mich dann wie… ausgebremst. Wehrlos.“
Ich frage:
„Kennen Sie dieses Gefühl von früher – dass andere das Tempo bestimmen und Sie warten müssen?“
Er nickt.
„Als Kind musste ich ewig auf meinen Vater warten. Der hat mich oft einfach vergessen. Ich stand dann im Regen vorm Fußballtraining. Kein Handy, keine Erklärung. Nur Warten.“
Was für Außenstehende wie harmlose Ungeduld aussieht, ist für Thomas also eine alte Wunde:
Das Gefühl, unwichtig zu sein.
Machtlos. Alleingelassen.
„Ich bin nur wertvoll, wenn ich funktioniere.“
Im weiteren Gespräch sagt Thomas einen interessanten Satz:
„Ich bin halt jemand, der liefert.
Schnell, effizient, klar.
Ich hasse dieses Rumgedruckse.“
Ich hake nach:
„Und was passiert, wenn Sie mal nicht liefern? Oder sich Zeit nehmen?“
Er zuckt zusammen.
„Dann fühl ich mich wie ein Versager. Langsam ist gleich schlecht.“
Hier zeigt sich ein zweites Lebensthema: Selbstwert durch perfektes Funktionieren.
Langsamkeit anderer wird dann nicht einfach nur als anders empfunden – sondern als Bedrohung des eigenen Systems.
Ich frage: „Wann mussten Sie lernen, perfekt zu funktionieren?“
Eine Klientin antwortete darauf: „Als meine Eltern sich trennten, musste meine Mutter wieder arbeiten und kam erst abend spät nach Hause. Ich war die Älteste und zuständig für meine drei kleinen Geschwister. Da war ich dreizehn.“
Das Lebensthema entsteht meist durch ein Verhalten, das in dieser frühen Situation überlebenswichtig war.
Und jedes Lebensthema fordert seinen Preis.
Bei Thomas war es das reibungslose Funktionieren.
Alle Gefühle mussten dazu abtrainiert werden.
Deswegen regen er sich über Menschen auf, die anders sind.
Sie rühren damit an seinen inneren Konflikt:
Denn wenn andere sich Zeit nehmen dürfen – warum er nicht?
„Ich darf mich nicht spüren.“
Ich frage Thomas:
„Was würden Sie erleben, wenn Sie sich einfach mal da sitzen und nichts tun?“
Er grinst. „Ich würde durchdrehen. Ich brauch dauernd Beschäftigung.“
Ich lade ihn zu einem kleinen Achtsamkeitsexperiment ein:
Zwei Minuten nur atmen, Augen schließen, wahrnehmen.
Nach 30 Sekunden sagt er: „Mir wird ganz heiß. Ich werd unruhig.“
Manche Menschen nutzen Geschwindigkeit, um unangenehmen inneren Zuständen zu entkommen.
Stille ist dann nicht entspannend – sondern bedrohlich.
Denn dann kommen Gefühle hoch, die lange weggeschoben wurden:
Leere, Traurigkeit, Angst, Scham.
Ungeduld dient hier zur Ablenkung. Wird zum inneren Fluchtreflex.
„Ich komme immer zu kurz.“
Zum Ende des Coachings frage ich Thomas, was das Schlimmste daran ist, wenn andere Menschen Zeit in Anspruch nehmen – und er warten muss.
Er antwortet: „Dann habe ich das Gefühl, zu kurz zu kommen. Als ob ich nie dran bin.“
Plötzlich ist da keine Wut mehr – sondern Traurigkeit.
In vielen Biografien steckt diese Erfahrung: nicht gesehen zu werden.
Nicht wichtig zu sein.
Immer zurückzustecken.
Wer das als Kind wiederholt erlebt, entwickelt oft ein inneres Programm:
„Wenn ich nicht die Führung übernehme, bleibe ich wieder auf der Strecke.“
Daraus entsteht chronische Ungeduld.
Als Kampf um Raum, um Zeit, um Beachtung.
Das Experiment: Eine neue Erlaubnis anbieten
Zum Abschluss lade ich Thomas zu einem kleinen Experiment ein.
Zu einem Satz – bewusst gesprochen, achtsam, langsam.
Ich bitte ihn, die Augen zu schließen. Seinen Atem zu spüren. Und dann diesen Satz zu sagen:
„Ich nehme mir meine Zeit.“
Er sagt den Satz. Erst zögerlich.
Dann nochmal – mit einem tiefen Atemzug.
„Das fühlt sich ungewohnt an“, sagt er. „Aber auch irgendwie… beruhigend.“
Warum Achtsamkeit hilft – und ein Blick von außen entscheidend ist
Ungeduld ist kein Charakterfehler.
Sie ist oft ein Signal des inneren Systems, dass etwas nicht stimmt.
Doch dieses System ist meist so alt – und so vertraut – dass wir es selbst nicht mehr erkennen.
Erst im Coaching, mit einem klaren Blick von außen, werden die unbewussten Antreiber sichtbar:
- Woher kommt dieser Druck?
- Vor welchem Gefühl schütze ich mich mit Tempo?
- Und was könnte entstehen, wenn ich es anders mache?
Achtsamkeit heißt hier nicht, gelassen auf der Yogamatte zu sitzen.
Sondern: sich einen Moment Raum geben, um eine neue Erfahrung zu machen.
Nicht nur zu denken, sondern zu spüren:
Ich muss nicht hetzen.
Ich darf da sein.
Auch ohne Leistung.
Auch ohne Geschwindigkeit.
Und Sie?
Wenn Sie sich immer wieder über Ihre Ungeduld ärgern – versuchen Sie nicht, sie einfach wegzudrücken.
Fragen Sie lieber:
- Was will diese Ungeduld eigentlich schützen?
- Welche Erfahrung versuche ich zu vermeiden?
- Und welches alte Gefühl kommt da vielleicht ans Licht, wenn ich kurz stehen bleibe?
Oft zeigt sich: Die größte Unruhe kommt nicht von außen – sondern von innen.
Und der erste Schritt zur Veränderung ist meist kein neues Verhalten, sondern ein neuer Satz.
Gesprochen mit Achtsamkeit.
Und einem offenen Ohr für das, was darunter liegt.
„Für mich gibt’s nur alles oder nichts!“, sagte der Mann im Lebensthemen-Coaching.
Zeit ist der Trick der Natur, damit nicht alles gleichzeitig passiert.
Hier lesen Sie mehr Fallberichte aus meiner Coaching-Praxis:
Business-Coachings