Ohnmacht begleitet unser Leben. Wir müssen lernen, sie zu ertragen.

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Allgemein

Über Ohnmacht und die entsprechenden Gefühle zu schreiben, ist riskant. Denn das passt nicht zum Zeitgeist, der eher die unbegrenzte Machbarkeit verherrlicht. Wie gerade die Meldung über genetisch veränderte Babies zeigt. Wir wollen uns nicht ohnmächtig fühlen, sondern phantasieren lieber: „Nichts ist unmöglich!“ oder behaupten tapfer „Geht nicht gibt’s nicht!“

Aber wenn wir ehrlich sind, müssen wir erkennen, dass wir häufiger ohnmächtiger sind als uns lieb ist. Nicht nur angesichts von Naturkatastrophen oder Wetterereignissen. Das alltägliche Leben zeigt uns, wie wenig wir oft ausrichten können:

  • Im Dieselskandal werden Autokäufer jahrelang für dumm verkauft. Und das noch mit kräftiger Unterstützung der eigenen Regierung.
  • Jährliche Konferenzen beschwören den Ernst der drohenden Klimakatastrophe, vor der der Club of Rome seit 50 Jahren warnt. Nur sture Optimisten glauben noch, dass die für ein Überleben notwendigen Klimaziele noch erreicht werden können.
  • Als Radfahrer fühlt man sich ohnmächtig gegenüber rücksichtslosen Autofahrern. Fußgänger erleben dasselbe mit rücksichtslosen Radfahrern.

Ohnmacht zu erleben, ist ein scheußliches Gefühl. Denn wir spüren dann, dass wir auf ein Geschehen keinen Einfluss haben. Absolut keine Kontrolle. Niemand will das haben – und trotzdem erleben wir es täglich. Wir retten uns oft daraus, indem wir glauben, dass es ja nicht so sein müsste.

Dass man doch etwas gegen die Klimakatastrophe tun kann. Gegen die Umweltverschmutzung. Gegen das Leid der Tiere in großen Mastfabriken. Gegen die Unterdrückung von Frauen. Gegen die Ausbeutung von Arbeitskräften bei uns in und in anderen Ländern.

Doch auch klimabesorgte Bürger hierzulande, die versuchen, es besser zu machen, sind angesichts der rasanten Entwicklung ohnmächtig. Das Umweltbundesamt rechnet vor, dass wer seinen Lebensstil klimagerechter ändert, oft einer Selbsttäuschung unterliegt. Michael Bilharz vom UBA: „Während die Menschen ‚bio‘ kaufen, weniger Fleisch essen und Fahrrad fahren, unterschätzen sie den CO2-Ausstoß durch ihre Fernreisen, ihre schlecht isolierte Wohnung und ihr Auto. Und das sind leider klimatechnisch die Big Points.“ Hier der ganze Artikel …

Ja, stimmt! Theoretisch könnte man was dagegen tun.

Aber ganz oft wird aber nichts getan. Oder nicht genug. Oder nicht das Richtige, weil die Experten sich nicht einig sind, was das Richtige ist. Und währenddessen läuft unsere Lebenszeit ab. Und wir stellen fest: Vieles wird sich nicht ändern oder wenn dann zum Schlechteren. Wir sind ohnmächtig.

Ohnmächtig sind wir ja vor allem gegen die Dummheit von Menschen.

Aber darüber, wer die Dummen sind, ist ja leider kein Konsens zu erzielen.

  • Die Menschen, die Flüchtlinge aufnehmen wollen oder die, die sie zurückschicken wollen?
  • Die Eltern, die ihr Kind impfen lassen oder die, die das verweigern?
  • Die Menschen, die die Anzeichen des Klimawandels sehen oder die, die das anders interpretieren?
  • Die Menschen, die Populisten und Vereinfacher wählen oder die, die sie bekämpfen wollen?

Warum wehren wir uns so gegen das Gefühl, ohnmächtig zu sein?


 

Ohnmacht ist eine der prägendsten Erfahrungen, die den Menschen von Geburt an begleitet.

Ein Huhn, das aus dem Ei klettert, kann – wenn auch mühsam – laufen. Neugeborene verfügen zwar über alle Sinne und etliche Reflexe aber können sich kaum bewegen. Sind also darauf angewiesen, dass Erwachsene sich um sie kümmern und das Richtige tun.

Passiert das nicht, können Babies nur schreien. Manchmal tut es regelrecht in den Ohren weh, wenn Säuglinge brüllen. Aber die Kleinen können nicht anders: Ihr Schreien ist die Sprache der Sprachlosen. Kümmert sich niemand, geht das Schreien in ein hilfloses Weinen und Wimmern über: Der Ausdruck völliger Ohnmacht.

Mit steigendem Alter lernt das Kind, seinen Körper zu steuern und Umwelt und Beziehungen zu beeinflussen. Der Mensch übt und lernt Selbstwirksamkeit und Selbstermächtigung. Zwei wichtige Werkzeuge gegen das Ausgeliefertsein.

Aber die Ohnmacht wird er nicht los.


Alltägliche Ohnmachtserfahrungen können traumatisch sein.

Dazu gehören Mobbingerfahrungen in der Schule. In dem Film „Der junge Törless“ nach dem Buch von Robert Musil schildert der Regisseur Volker Schlöndorff die Ohnmacht unter dekadenten Internatsschülern und ihre perfiden Machtspiele.

Ohnmacht erfährt man auch als Erwachsener:

  • Ein Vorgesetzter wird einem vor die Nase gesetzt, der seine Macht ausspielt.
  • Ein Mitarbeiter wird von Kollegen ausgegrenzt oder isoliert.
  • Ein neuer Lehrer wird von einer „schwierigen“ Klasse tyrannisiert.
  • Ein Ladeninhaber wird von der Behörde mit unsinnigen Vorschriften eingedeckt.
  • Eltern fühlen sich von ihrem pubertären Kind erpresst.
  • Ein Politiker erhält nach einer kritischen Rede Drohanrufe.
  • Eine Naturkatastrophe raubt das eigene Heim.
  • Eine Frau wird mit Nacktfotos ihres früheren Freundes erpresst.
  • Ein Ingenieur bekommt seit Jahren nur Zeitverträge und traut sich nicht, eine Familie zu gründen.
  • Ein Ladeninhaber muss existenzbedrohende Umsatzverlust durch eine Baustelle hinnehmen.
  • Ein Flüchtling wartet auf den Rücktransport in sein gefährliches Heimatland.
  • Ein Pendler erlebt mit der Bahn fast täglich Ohnmacht und Wut.

Wer ausgegrenzt wird oder Schikanen erlebt und nach den Gründen forscht, erfährt oft keine glaubhaften Erklärungen.

Er mag sich fühlen haben wie der „Mann vom Land“ in Franz Kafkas Türhüterparabel. Dieser versucht vergeblich, den Eintritt in das Gesetz zu erlangen, das von einem Türhüter bewacht wird, doch ohne Erklärung wird er immer wieder vertröstet.

Wie Ohnmacht und Gewalt zusammenhängen.

Ohnmacht zu erleben kann so unangenehm sein, dass Menschen die unsinnigsten Dinge glauben oder bereit sind zu tun, nur um ein Gefühl von Kontrolle zurückzugewinnen. In diesem Artikel habe ich ausführlich über solche Kontrollillusionen geschrieben.

Wer sich über längere Zeit ohnmächtig fühlt, beispielsweise als „Opfer“ des Ehepartners oder eines Elternteils, kann in einen Zustand geraten, wo er die Ohnmacht in vermeintliche Macht überführt. Und das Gefühl von Kontrolle oder die Phantasie, dass man doch nicht so schwach oder ausgeliefert sein muss, kann dann in einer Gewalttat münden.

Das zeigt sich daran, dass  Opfer von Gewalt oft selbst gewalttätig werden. Sie nutzen Gewalt als Mittel, die eigene Ohnmacht zu besiegen. So können auch Gewaltspiele am PC dazu benutzt werden, Ohnmachtserfahrungen aus dem Alltag zu kompensieren.

Aus sporadischer kann systematisierte, kriminelle Gewalt werden, wenn gewalttätige Handlungen immer wieder als wirksam erlebt werden, Ohnmacht in Macht zu verwandeln. Die Kriminologin Britta Bannenberg schreibt über die psychopathologischen Züge von Tätern: „„Amoktäter streben alle nach Grandiosität“


Ohnmacht kann depressiv machen.

Wer gewalttätig wird, erlebt, dass er doch handlungsfähig ist. Natürlich oft mit negativen Konsequenzen, die wiederum mit Ohnmacht erlebt werden, zum Beispiel Bestrafung und Gefängnis.

Umgekehrt geht es aber auch. Statt sich aktiv zu wehren verfällt der Mensch in eine depressive Passivität. Beide erleben dasselbe: massiven Kontrollverlust.

Bei Depressionen spielt der Begriff der erlernten Hilflosigkeit (Seligman, 1975) eine große Rolle. Wird das eigene Handeln über längere Zeit nicht in einem Zusammenhang zu den Konsequenzen erlebt, zweifeln die Betroffenen nach einer Weile an der Wirksamkeit ihres Handelns und werden passiv.

Das kann im Einzelfall sinnvoll sein, weil man seine Kräfte einteilt, um bei anderer Gelegenheit wieder aktiv zu werden. Bei erlernter Hilflosigkeit funktioniert das nicht mehr: Die Betroffenen bleiben auch dann passiv, wenn sie wirksam handeln könnten. Sie erleben sich ohnmächtig, obwohl sie es nicht sind.

Es entsteht ein Teufelskreis, mit dem Gefühl, sich durch eigene Handlungen nicht mehr aus negativen Situationen retten zu können. Dies kann zur Depression führen. Dann nutzt der Betroffene keine Gelegenheiten mehr, die ihm zeigen könnten, dass er die Herausforderungen doch aus eigener Kraft meistern könnte. Und genau das verstärkt das Gefühl von Ohnmacht.


Ohnmacht kann Angst auslösen.

Der Kontrollverlust spielt bei der Ohnmacht eine große Rolle. Also die Überzeugung oder Erfahrung, Bedrohungen nicht ausweichen oder sie abwenden zu können. Die Folge: große Angst.

Das kann man bei der Bedrohung durch Terroranschläge beobachten. Sie versetzen regelmäßig die ganze Welt in Angst und Schrecken, obwohl rein zahlenmäßig Todesfälle durch Verkehrsunfälle oder Herz-Kreislauferkrankungen viel häufiger sind.

Hier scheinen Ohnmachtsgefühle eine große Rolle zuspielen, weil man die Anschläge nicht vorhersagen und sich deshalb auch kaum davor schützen kann. Und keine Kontrolle über die eigene körperliche Sicherheit zu haben, kann einen chronisch erhöhten Angstpegel zur Folge haben.

Ohnmacht erinnert uns auch an das Mysterium des Lebens.

Als tiefenpsychologisch arbeitender Coach denke ich, dass uns die Ohnmacht so einen Schrecken einjagt, weil wir im ganzen Leben von Zufällen und Ereignissen umgeben sind, die wir nicht kontrollieren können.

  • Schon dass wir auf die Welt kommen, passiert ohne unser Zutun. Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das sich seiner Existenz bewusst ist und erkennt, dass es irgendwann sterben muss.
  • Der Tod ist das einzige, das schon vorgegeben ist, man kann ihm nicht entrinnen. Egal, wie wir leben, wir wissen nicht, wie lange es sein wird und unter welchen Umständen es uns genommen wird.
  • Auch zwischen Geburt und Tod lauern viele Unwägbarkeiten. Wir können uns anstrengen, ein gutes Leben zu führen und vielleicht klappt das meiste. Dennoch ist niemand vor Schicksalsschlägen und Erfahrungen des Scheiterns gefeit.

Carlos Castaneda schrieb dazu:

„Erst wer die Furcht überwunden hat, kann klar sehen, was ist.“
Und auf die Frage, wie man sie am besten überwindet, sagt er: „Indem man der Welt zustimmt wie sie ist, mit allem wie es ist. Das ist der große Schritt. Wer dem Tod zustimmen kann, wer der Krankheit zustimmen kann bei sich und bei anderen und wer dem Ende und dem Vergänglichen zustimmen kann, der hat die Furcht überwunden und gewinnt Klarheit.“ 


Wie wir Ohnmachtsgefühle vermeiden.

Meiner Ansicht nach gibt es einen Trend in unserer Gesellschaft, Ohnmacht zu vermeiden. Wie auch den Tod. Letzteren haben wir ausgelagert in Kliniken und Pflegeheime. Kaum jemand stirbt heute noch im Kreis seiner Familie. Es gibt viele Menschen, die selbst im Erwachsenenalter noch nie einen Toten gesehen haben. Außer im Tatort.

Wir vermeiden Ohnmachtsgefühle, indem wir glauben, dass alles machbar ist. 

Man braucht nur einen entsprechenden Plan. Das beginnt schon damit, dass Menschen sich eine Morgenroutine überlegen. Das führt dann zu so seltsamen Tipps wie: „Entscheide schon meistens am Abend vorher, welche Kleidung du tragen, was du frühstücken und welches Shampoo du benutzen wirst.“ 

Weiter geht es dann mit diversen Apps und To-do-Listen, mit denen wir unseren Alltag „in den Griff kriegen wollen“.

Die Idee der Machbarkeit durchzieht unser heutiges Leben.
Für jedes Thema gibt es Dutzende von Ratgebern und Online-Artikeln. Der Nachteil dabei: Wenn es uns nicht gelingt, mit all diesen tollen Tipps abzunehmen, fitter zu werden, den Traumjob zu finden, den idealen Partner zu gewinnen, glauben wir, dass es an uns liegt. Wir haben uns nur nicht genügend angestrengt, den falschen Ratgeber gelesen, zu früh aufgegeben …

Die Wahrheit dagegen ist schlicht: Wir können nicht alles kontrollieren. In manchen Situationen sind wir hilflos und ohnmächtig:

  • Ob es demnächst oder etwas später den nächsten Weltkrieg geben wird, liegt nicht in unserer Hand.
  • Ob Europa sich einigen oder eher zerfallen wird, steht in den Sternen.
  • Zu welchen Flüchtlingsströmen die Überbevölkerung und der Klimawandel führen wird, können wir nur ahnen.
  • Welche Folgen biologischer Terrorismus haben würde, wollen wir uns besser nicht vorstellen.
  • Durch den Klimawandel werden sich Klimazonen und Regengebiete verschieben. Bisherige Anbauflächen werden unfruchtbar. Dürren und Überschwemmungen werden zunehmen und weltweite Missernten sind wahrscheinlich.
  • Jeder Stromausfall, der länger als eine Woche dauert, würde für Deutschland eine absolute Katastrophe bedeuten. Experten sind überzeugt, dass das kommt, nur der Zeitpunkt ist noch ungewiss.
  • Cyber-Angriffe durch Hacker und Terroristen können Viren und Trojaner in Systeme einschleusen und so durch Fernsteuerung Rechnernetze für Kommunikation, Strom, Verkehr etc. komplett lahmlegen oder zerstören.
  • Die wachsende Weltbevölkerung wird weiter für Hunger, Verteilungskämpfe und eine Verschärfung der Klimaprobleme sorgen.

Wohl auch deshalb wollte uns Stephen Hawking darauf vorbereiten, dass die Menschheit irgendwann ins All auswandern muss. Ich fürchte nur, dass wir dort genauso selbstzerstörerisch handeln würden wie auf der Erde.

Was tun gegen Ohnmachtsgefühle?

Leben beinhaltet Grenzen. Wir können nicht alles kontrollieren. Unsere Vorstellungen und Vorlieben, unsere Bedürfnisse und unser Handeln, unser Wesenspotenzial – immer wieder stoßen wir auf Grenzen. Solche Begrenzungen sind:

  • Unsicherheit,
  • Mangel,
  • Ohnmacht,
  • Schuld,
  • Krankheit,
  • Alleinsein,
  • Sinnlosigkeit
  • Vergänglichkeit

Wie können wir  angesichts dieser existenziellen Ohnmacht unseren Frieden finden und in Einklang mit der Gegenwart leben?

Vielleicht am besten, wenn wir die Kontrolle etwas loslassen und uns in die jeweilige Begrenzung hinein entspannen. Dann können andere Aspekte des Lebens auftauchen. Zum Beispiel Vertrauen, Fülle, Mitgefühl, Verbundenheit, Humor oder Hingabe. Angesichts einer schweren Krankheit habe ich das selbst lernen müssen können.

Hier habe ich darüber geschrieben:

Um Ohnmachtsgefühle zu verringern, ist es wichtig, sich der Ohnmacht bewusst zu sein, sie sich also einzugestehen. Das ist für manche Menschen sehr schwer. Zum Beispiel für Narzissten, die der eigenen Hilflosigkeit eher mit Grandiosität, Selbstüberschätzung und Größenwahn begegnen.

Weitere Schritte können sein:

    1. Die Erwartungen und Hoffnungen an den eigenen Einfluss vermindern.
      Die demütige Einsicht, dass man eben nicht alles im Griff hat, kann einem helfen,, dass man sich wenn etwas schief geht, nicht gleich minderwertig oder ohnmächtig fühlt.
      Das ist natürlich schwierig in unserer Leistungsgesellschaft mit dem Motto „Höher, Schneller, Weiter!“
      Dafür bedürfte es letztlich eines Kulturwandels – hin zu einer Gesellschaft, in der Unzulänglichkeiten normal und menschlich sind und ein „gelungenes“ Leben weniger an objektiven Errungenschaften gemessen wird. Dankbarkeit und Demut gehörten ebenso dazu wie das Akzeptieren der eigenen Grenzen.
    2. Kleinere Ziele setzen und dran bleiben.
      Hier geht es also darum, die Erfahrung der eigenen Wirksamkeit zu erhöhen, indem man Enttäuschungen durch zu hoch angesetzte Ziele vermeidet. Und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit für das Erreichen seiner Ziele erhöht, indem man sie am eigenen Können und der Motivation dafür ausrichtet.
      Das ist gerade auch bei der „Volkskrankheit“ Burnout wichtig. Denn hier haben die Betroffenen haben oft das Gefühl, wenig oder gar nichts ausrichten zu können. Obwohl sie wie im Hamsterrad Tag und Nacht schuften, kommen ihnen die Ergebnisse eher bescheiden vor.
    3. Verstehen, dass in privaten und sozialen Beziehungen der andere nur soviel Macht hat, wie ich ihm gebe.
      Die Macht des Mächtigen kommt von den Ohnmächtigen. Wenn der Partner sich aufspielt, dominiert oder sich unmöglich benimmt, geht das nur so lange, wie der andere Partner dies duldet, entschuldigt, verharmlost oder ignoriert.
      Auch in der Gesellschaft beruht die angebliche Übermacht des Stärkeren oft auf unserer freiwilligen Anerkennung, der Macht der Gewohnheit und unserem fehlenden Glauben, dass wir etwas ausrichten können.
      Und in Diktaturen ist der große Vorsitzende nur so lange mächtig, wie das Volk von seiner eigenen Ohnmacht überzeugt ist. Wachen ein paar Leute auf und beginnen zu demonstrieren, wird meist ein bestimmter Blutzoll fällig – aber der Diktator, der Jahrzehnte geherrscht hat, ist innerhalb von Wochen vertrieben.
    4. Die Überwindung der Ohnmacht beginnt also bei uns selbst und in unserem Denken.
      Wir machen uns selbst abhängig und hindern uns daran, stärker zu sein. Das fängt fast immer bei aktiven Minderheiten an und die, wenn es gut läuft, Solidarität durch andere erleben und so wachsen und stärker werden.
      Natürlich geht das selten von heute auf morgen, sondern braucht Zeit, entschlossenes Handeln, Geduld – und vor allem Mut.

Der Glaube und das Erleben der Selbstwirksamkeit – am Arbeitsplatz oder auch im täglichen Leben ist der beste Weg, das Gefühl der Ohnmacht zu überwinden, hin zu einem selbstbestimmteren Leben. Theodor W. Adorno schrieb dazu:

„Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin,
weder von der Macht der anderen,
noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

Hören Sie dazu den Podcast.

kommentar Wo und wann erleben Sie Ohnmacht?

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

4 Kommentare

  1. Lieber Herr Kopp-Wichmann,
    mir hat der Gedanke sehr geholfen: annehmen, das was ist (Akzeptanz), bedeutet, das anzunehmen, was ich absolut nicht ändern kann. Ich bitte, das nicht mit Resignation zu verwechseln, denn dieses Gefühl macht mich ohnmächtig.

    Ich kann nicht mehr tun, als jeden Tag m e i n Bestes zu geben und ich bin davon überzeugt, dass das die meisten anderen Menschen auch tun, auch wenn das vielleicht manchmal fehlerhaft ist (aus meiner Sicht: innere Landkarte).

    Im Durchschnitt gehen den Menschen jeden Tag 70.000 Gedanken durch den Kopf und die alle zu bearbeiten, würde sie in Teufels Küche bringen.

    Damit wir das Heft in der Hand behalten, hilft aktives Nachdenken und nicht den Grübeleien ohnmächtig ausgesetzt zu sein. Viele Geschehnisse machen uns Angst, aber wir sollten uns von der Angst nicht beherrschen lassen, sondern wachsam sein für das, was wichtig ist. Das kann ich nur in meinem sozialen Umfeld praktizieren: in meiner Familie, im Freundeskreis und in meinem Beruf, ab und zu auf eine Veranstaltung zu gehen, um mich mit anderen Menschen auszutauschen und ihnen zu zeigen: Du bist nicht allein (ist doch ’ne ganze Menge, oder?).

    Liebe Grüße
    Angelika

  2. Gegen Ende schreiben Sie: „Die Überwindung der Ohnmacht beginnt also bei uns selbst …“

    Ja! Beim uns selbst Spüren!

    „… und in unserem Denken.“

    Gehört letzteres nicht eher in das Kapitel: „Wie wir Ohnmachtsgefühle vermeiden“? 😉

  3. Nicole Theisen sagt

    Hier die Geschichte einer Ohnmacht, die begann, als das Happy End schon greifbar war:
    Er trägt ein Kreuz um den Hals. Es war bei ihm, als die Kugel, die ihn in seiner Heimat hatte treffen sollen, ihr Ziel verfehlte. Es war bei ihm, als er – mit nur einem Glas Wasser am Tag – die Wüste durchquerte und auch auf dem überfüllten Boot, das ihn über das Meer brachte. Er trug es während er geduldig zwei Jahre auf den Bescheid im Asylverfahren wartete.

    Es hing im Deutschkurs an einer langen Kette um seinen Hals und auch auf der Arbeit, die er sofort fand, als ihm die Aufnahme einer Tätigkeit von den Behörden genehmigt wurde. Mit der Anerkennung als Flüchtling wollte er sein uneingeschränktes Recht auf „privilegierten“ Familiennachzug seiner Frau und seiner beiden Kinder geltend machen. Diese wurden auf ihrer geplanten Flucht ins Nachbarland zweimal von Soldaten aufgegriffen und inhaftiert. Beim dritten Mal gelang endlich der gefährliche Grenzübertritt. Er war in dieser Nacht wach und klammerte sich an das Kreuz, bis die erlösende Nachricht in den Morgenstunden kam. Das war vor wiederum fast zwei Jahren.

    Doch jetzt schien endlich alles gut. Das Glück zum Greifen nah. Das erste Geld für ein Leben in Freiheit war gespart. Wir wussten nicht, dass es fast 18 Monate dauern würde, bis die Frau und die Kinder lediglich einen Termin zur Vorsprache in der Deutschen Botschaft erteilt bekommen würden, um das Visum zu beantragen. Wir wussten nicht, dass dann erst eine monatelange Bearbeitungsdauer beginnen würde. Und wir wussten nicht, dass die Botschaft inzwischen neue – für viele Antragsteller unüberwindbare – bürokratische Hürden aufgebaut hatte.

    Die Familie telefoniert jeden Tag. Die kleine Tochter kann sich an ihren Vater nicht erinnern, zu viele Jahre hat sie ihn nicht mehr gesehen. Aber der Sohn weiß noch, wie es früher war. Er wartet sehnsüchtig auf das versprochene Familienleben, auf einen Alltag mit Schule und Spielen mit Freunden. Er ist 8 Jahre alt und sagte neulich am Telefon: Papa, wenn ich bei dir bin, sitze ich den ganzen Tag auf deinem Schoß und schlafe die ganze Nacht neben dir im Bett.

    Der Mann, dessen Schicksal mich so berührt, ist mein Freund geworden. Ich fühle oft hilflose Ohnmacht und ich hoffe, dass das Kreuz meinem Freund weiter Kraft verleiht. Als Dozentin in Integrationskursen lerne ich viele mögliche Reaktionen auf Ohnmacht und Kontrollverlust kennen: Resignation, Verzweiflung, Depression, Wut und Aggression.

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