Sich entschuldigen bedeutet nicht immer, dass Du etwas falsch gemacht hast. Es bedeutet mehr, dass Du die Beziehung wichtiger nimmst als Dein Ego.

–Auf Facebook gelesen

Was steckt dahinter, wenn der Partner uns nervt?

Vier Ursachen, die Probleme in Beziehung und Partnerschaft machen.

Ampaar genervt xs iStock 000015986538XSmall Was steckt dahinter, wenn der Partner uns nervt? Anfang ihrer Beziehung fand er ihre Art zu reden lebendig und erfrischend. Mittlerweile nervt es ihn, dass sie soviel redet und dabei noch mit den Händen gestikuliert.

Zu Beginn fand sie seine zurückhaltende Art interessant und interpretierte sein Schweigen als nachdenkliche Tiefe. Mit den Jahren erlebt sie es jedoch oft als emotionalen Rückzug und Lahmarschigkeit.

Warum können sich einstmals geschätzte Eigenschaften so verwandeln? Und wer oder was verändert sich da eigentlich?

Viele Paare schaffen es ja nicht, mit diesen Veränderungen angemessen umzugehen und geraten in einen zähen, oft jahrelangen Kampf damit:

  • Entweder werden dauernd Vorwürfe gemacht.
  • Oder man startet ein gigantisches Nacherziehungscamp für Schwererziehbare, mit dem man sich auch in der RTL-Serie “Die strengsten Eltern” bewerben könnte.
  • Manche resignieren stumm und flüchten in die Arbeit, den Hobbykeller oder zum Geliebten.

Was Männer an Frauen vor allem aufgeregt sind Putzfimmel, Launenhaftigkeit und ewiges Nörgeln. Die meisten Frauen stört an ihren Partnern, dass sie unordentlich sind, Körperpflege für Luxus halten und sich Auseinandersetzungen entziehen.

Natürlich strengen sich Menschen in der Verliebtheitsphase mehr an, um dem anderen zu gefallen. Wir sind kreativ und überraschen den Anderen mit netten Ideen. Wir zeigen uns von unserer besten Seite, sind aufmerksam, originell und interessiert.

Doch wenn man ehrlich draufschaut, hatte der Partner etliche Eigenschaften, die uns heute den letzten Nerv rauben, auch damals schon.

Seine Wohnung sah aus wie nach einem Einbruch – aber die superordentliche Frau dachte, so leben eben Künstler. Dass sie jede klitzekleine Behauptung von ihm mit “Ja, aber …” kommentierte, interpretierte er damals als emanzipiert und intellektuell herausfordernd.

Was steckt hinter unserer Genervtheit?

Natürlich gibt es Angewohnheiten des Partners, die das Zusammenleben massiv beeinträchtigen können. Hier ist es wichtig, darüber zu sprechen und gemeinsam nach einer Lösung zu suchen.

Doch bei der Mehrzahl der Sachen, die uns beim anderen ständig aufregen, sind – vernünftig betrachtet – unsere Gefühle ziemlich übertrieben. Was wir bei einer Freundin oder dem Kumpel gut vertragen, kann uns in der Partnerschaft zur Weißglut reizen. Offensichtlich messen wir mit zweierlei Maß. Aber warum?

Nach meiner Erfahrung sind es v.a. fünf Gründe:

1. Wir spüren unsere Abhängigkeit.

Wenn uns der Arbeitskollege nervt, können wir uns meist gut separieren. Entweder man grenzt sich ab durch einen deutlichen Spruch, geht dem anderen aus dem Weg oder distanziert sich gefühlsmäßig.

In der Partnerschaft geht das nicht so gut. Wenn zu Hause schlechte Stimmung ist, kann man für eine Weile flüchten, weiß aber, dass beim Zurückkommen der Haussegen immer noch schief hängt.

mann mehr lust auf arbeit als auf sex web 12foto.de Fotolia Was steckt dahinter, wenn der Partner uns nervt?Zum anderen sind wir in der Beziehung emotional vom anderen abhängig. Wer mitkriegt, wie abends im Bad der Partner die abgeschnittenen Fußnägel im Waschbecken liegen lässt, tut sich mitunter schwer, für denselben Menschen erotische Leidenschaft zu entwickeln.

Wir können jetzt nicht schnell den Partner wechseln oder ausziehen. Wir spüren, wie abhängig wir sind von unseren Erwartungen. Und davon, dass der Partner sie doch bitteschön erfüllen möge. Möglichst ohne Vorhaltungen, sondern von sich aus.

2. Uns stören verdrängte eigene Anteile im Anderen.

Den Abwehrmechanismus der Projektion definierte schon Sigmund Freud: “Wir verfolgen damit eigene Wünsche im Anderen.” Das heißt: oft stört uns etwas am anderen, was wir uns selbst – vielleicht schon von Kindheit an – streng verboten haben.

Sie nervt der auf dem Sofa fläzende Partner, weil sie schlecht Dinge liegen lassen kann und erst alles in der Wohnung in Ordnung bringen muss, bis sie sich entspannen kann. Er stört sich daran, wenn sie sich sündhaft teure Schuhe leistet, weil er sich seine Sachen immer günstig im Ausverkauf besorgt – und auch sonst geizig ist.

Solange man diese verdrängten Anteile in sich nicht kennen lernt und mit ihnen versöhnt, fallen einem diese bei anderen dauernd ins Auge: “Nichts als nackte Weiber!” stöhnt der Bischof beim abendlichen Fernsehprogramm.

3. Wir nehmen etwas zu persönlich.

Verhaltensweisen oder Angewohnheiten bedeuten oft erst einmal nichts. Derjenige macht es eben auf diese Weise. Er will den Partner damit nicht ärgern oder verletzen.

Drei Beispiele: Viele Menschen ärgern sich über das Schnarchen des Partners und bekommen Mordphantasien, obwohl klar ist, dass der andere nichts dafür kann. Wer seine Klamotten statt aufzuräumen einfach nur fallen lässt, macht das eben so. Er will meist nicht den anderen ärgern. Wer chronisch unpünktlich ist, hat mit sich selbst einen Konflikt. Es ist nicht v.a. mangelnder Respekt gegenüber dem Wartenden.

Wer sich davon gestört fühlt, empfindet derlei Verhaltensweisen oft als persönlichen Angriff. Er oder sie denkt: ich bin ihm/ihr überhaupt nicht wichtig. Wenn er/sie mich wirklich liebte, würde er/sie das lassen. Doch das ist ein Fehlschluss.

4. Uns stört etwas ganz anderes.

Wer über jeden Schritt des anderen informiert werden möchte, eifersüchtig die Anrufliste im Handy prüft oder andere Kontrollmarotten zeigt, hat oft ein Defizit an anderer Stelle. Meist fehlen ihm Aufmerksamkeit, Nähe, Zuwendung oder Verbindlichkeit in der Beziehung.

Tragischerweise bekommt der kontrollierende Partner gerade dadurch nicht das Erwünschte. Natürlich vor allem, weil beiden gar nicht klar ist, wo das wirkliche Defizit liegt. Das miteinander zu klären, erfordert Mut und Offenheit, führt jedoch wahrscheinlich eher zu einer Lösung der Konflikte.

5. Wir können Unterschiede schlecht akzeptieren.

Der Wunsch nach Bindung und Nähe lässt uns intime Beziehungen eingehen. Wenn wir Unterschiede beim anderen wahrnehmen, die uns stören, scheint dies die Bindung zu erschweren.

Manche erleben Unterschiede in einer Beziehung nicht als Bereicherung, sondern als Bedrohung und Übergriff. Und glauben, dass der andere eigentlich die gleichen Wünsche, Bedürfnisse und Vorlieben haben müsste: “Wenn du mich lieben würdest, dann hättest du nicht diese seltsamen Vorlieben.”

Wer häufig in Kategorien von falsch und richtig denkt und urteilt, hat auch große Mühen, Unterschiede zu akzeptieren.

Das Andere ist dann nicht einfach verschieden, sondern wird schnell zu einer Bedrohung für die eigenen – für richtig gehaltenen – Werte und Ansichten. Zu akzeptieren, dass man nicht immer Recht hat, dass es mehrere gültige Ansichten über dieselbe Sache gibt, erfordert ein gehöriges Maß an Reife.

Je schlichter das eigene Weltbild ist, umso rigider die kategorischen Normen, die festlegen, was noch normal oder schon krankhaft ist. Was gut und was böse ist. In der Partnerschaft führen solche moralischen Kämpfe immer in eine Sackgasse, weil jeder seine Position mit ihn für ihn plausiblen Argumenten verteidigt und sich beide so gegenseitig hochschaukeln.

Mein Fazit:

“Die Wahrheit beginnt zu zweit”, lautet treffend ein Buchtitel von Michael Lukas Moeller, in dem er seine Methode der “Zwiegespräche” für Paare vorstellt. Eine Art der Paarkommunikation, die ich häufig empfehle.

In diesen einstündigen Dialogen können zwei Menschen abwechselnd ihre jeweiligen Gefühle, Gedanken und Meinungen äußern und der Partner darf nicht unterbrechen, nicht bewerten und nicht kommentieren.

Wenn es klappt, öffnet sich dann in der Partnerschaft ein innerer Raum, in dem beide erkennen können, dass eine Paarbeziehung keine Gerichtsverhandlung mit anschließendem Schuldspruch sein sollte. Sondern vielmehr die Synthese von Gemeinsamen, das verbindet und Unterschiedlichem, das bereichern kann oder wenn dies nicht möglich ist, akzeptiert werden kann.

article 32 Was steckt dahinter, wenn der Partner uns nervt? Was nervt Sie an Ihrem Partner? Und wie gehen Sie damit um?

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Zu dem  Beitrag wurde ich angeregt durch einen
Beitrag in psychologie heute, März 2012 

 Was steckt dahinter, wenn der Partner uns nervt?

11 Kommentare

  • Christian Alexander Tietgen schrieb:

    Ich finde es eher heilsam, wenn der andere einen nervt. Dadurch wird einem erst bewusst, was man wirklich will. Nun passt es vielleicht grundsätzlich nicht, aber ich finde, dass man immer versuchen sollte, aus einer Beziehung etwas zu lernen und den Partner nicht in erster Linie als Belastung betrachten sollte. Man sollte froh sein, dass man einen Menschen gefunden hat, der einem Vertrauen schenkt.

  • Hallo,

    Ein wirklichs ehr interessanter Artikel.

    Besonders die Unterschiedliche Auffassung von Einstellungen fand ich interessant.
    Das andere Lebensweisen schnell eine Bedrohung für uns werden können, ist nachvollziehbar.

    Daumen hoch dafür.

  • Gerline Dahlke schrieb:

    Nein, ich meinte Unabhängigkeit nicht in der Form als “Single”, Selbstkritik und Fremdkritik sind notwendige Schritte, um eine bewusste Verhaltensänderung zu erreichen.

    Dazu gehört aber oftmals der Blick in die eigene Biografie. Wenn wir mit uns selbst in Frieden leben wollen, müssen wir uns akzeptieren, wie wir sind.

  • Liebe Frau Wanzke,
    gut aufgepasst! Sie haben sich nicht getäuscht. Vor allem oben die Menüleiste (unter der Titelgrafik) und die Fußleiste habe ich aufgeräumt.

    Weniger ist oft mehr aber etwas wegzulassen von den vielen Möglichkeiten fällt mir gar nicht so leicht.

    Viele Grüße in die Schweiz!
    RKW

  • Beate Wanzke schrieb:

    Lieber Herr Kopp-Wichmann,
    ich sehe (oder täuscht mich meine Wahrnehmung?) Sie haben Ihre Website “aufgeräumt”.

    Das steht ihr gut, macht sie klarer, jetzt stimmen Inhalt und Form wirklich überein. Ich kann die Artikel entspannter lesen. Gratuliere.
    Herzlich
    Beate Wanzke

  • Liebe Frau Dahlke,
    ich hoffe, Sie meinten mit Unabhängigkeit nicht, dass man Single bleiben sollte. Besser und notwendig ist da schon die jeweilige Selbstreflektion. Vielleicht durch gemeinsames Lesen meiner Blogbeiträge. ;-)

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Das ist leider die Realität in den meisten Beziehungen, also sollte man besser unabhängig bleiben.

    Die meisten Menschen vertragen keine Fremdkritik und üben aber auch keine Selbstkritik. Wen wundert es dann, wenn die meisten Beziehungen letztendlich scheitern? Seine Verhaltensweisen kontinuierlich reflektieren und ein gewisses Maß an Selbsterziehung durch Reflektion ist nicht verkehrt.

  • Hallo Herr Grützner,
    freut mich sehr, dass Sie so viele meiner Artikel hier gelesen haben und vor allem umgesetzt haben.

    Weiterhin viel Erfolg auf Ihrem Weg.
    RKW

  • Guten Abend Herr Kopp-Wichmann,
    ich lese nun schon seit langer Zeit mit. Und wollte Ihnen danken, für viele neue und alte Gedanken. Dafür, dass Falsch und Richtig nun nicht mehr existieren, die Zeit ihre Bedrohung verloren hat und ich achtsam im “hier und jetzt” mit dem großen grauen Elephanten mein Weg gelassen gehe.
    Viele Grüße aus Berlin – Zehlendorf
    Michael Grützner

  • Hallo Maja,
    das mit dem Neuronengefüge haben Sie gut erkannt und beschrieben. Das Gehirn ist neuroplastisch und baut sich tatsächlich jeden Tag (!) um, und zwar so wie wir es benutzen.

    Mit “schlichtem Weltbild” meine ich vor allem den Wunsch nach starren Beurteilungskategorien und das gibt es natürlich auch bei Menschen mit “komplexerem Weltbild”.

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Ja, aber…

    Ich bin zwar noch relativ jung, aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich einige Dinge im Laufe einer Beziehung addieren. Es erscheint mir als wenn jedes mal ein neues Neuron im Neuronengefüge eintrudelt und irgendwann feuern die dann alle gemeinsam und sagen: “Ey moment mal, das geht jetzt aber zu weit”.

    Ich glaube, wir betrachten dann Dinge in Bezug auf eine Gesamtheit der Erfahrungen. Mit der Schlichtheit des Weltbildes würde ich auch nicht unbedingt mitgehen, denn ich habe auch schon bei Menschen mit sehr komplexen Weltbild einen extremen Kontrolldrang erlebt.

    *lach* ja aber… der Artikel war super :) Es geht wohl nicht um monokausale Erklärungen, sondern um eine komplexere Sichtweise :)

    Liebe Grüße
    Maja
    PS: Ich habe mal die Kommentare hierzu abonniert.

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