Ihre Wahrnehmung der Welt ist eine Phantasie, die mit der Realität übereinstimmt.

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Neurobiologie / Persönlichkeit

Und inwieweit können Sie dann Ihrer Wahrnehmung trauen?

Ihre Wahrnehmung der Welt ist eine Phantasie, die mit der Realität übereinstimmt.Jedem Menschen kommt es so vor, dass er die Realität, also die physische Welt einfach und direkt wahrnehmen kann. Und genau das ist eine Illusion unseres Gehirns.

In seinem Buch „Wie unser Gehirn die Welt erschafft“ schreibt Chris Frith:

„Selbst wenn all unsere Sinne völlig intakt sind und unser Gehirn normal funktioniert, haben wir keinen direkten Zugang zur physischen Welt. Es fühlt sich vielleicht so an, als hätten wir diesen direkten Zugang, doch das ist eine Illusion unseres Gehirns.“

Auf der nächsten Party können Sie das mit einem berühmten Trick demonstrieren. Sie brauchen dazu nur einen Gummiarm und einen Schirm aus Pappe:

Dann bitten Sie einen Gast, seinen linken Arm auf den Tisch zu legen und verdecken diesen für ihn mit dem Schirm. Den Gummiarm legen Sie so, als ob er zu dem Gast gehört und dieser ihn sehen kann. Dann streichen Sie mit zwei Pinseln mehrmals gleichzeitig über den Arm des Gastes und den Gummiarm. Dieser spürt anfangs die Berührung auf seinem Arm und sieht den Pinselstrich auf dem Gummiarm.

Jetzt kommt’s: nach einigen Minuten verschwindet das Berührungsgefühl aus dem linken Arm. Es ist jetzt im Gummiarm. Das Gefühl ist auf magische Weise aus dem Körper in einen ganz anderen Teil der realen Welt gewandert.

Auch ein anderes bekanntes Experiment zeigt, dass uns unter bestimmten Umständen, das, was wir tun, nicht bewusst ist. Das Gehirn spielt uns wieder einen Streich. Dazu passt, dass das visuelle Bild auf der Netzhaut unseres Auges nur zweidimensional ist. Dennoch konstruiert unser Gehirn daraus einen lebhaften Eindruck einer dreidimensionalen Welt.

Wie schafft das Gehirn das?

Mit seltenen Ereignissen oder großen Zahlen können wir schlecht umgehen.

Unser Gehirn arbeitet wie ein Bayes-Computer. Das berühmte Bayes-Theorem gibt an, wie sehr man seine Überzeugung über einen bestimmten Sachverhalt (A) angesichts neuer Information x verändern soll.

Das Bayes-Theorem zeigt, dass wir Ereignisse schlecht einordnen können, wenn es um seltene Ereignisse und große Zahlen geht. So zeigten Wolfe et. al., dass Mitarbeiter bei der Gepäckdurchleuchtung am Flugzeug gefährliche Gegenstände wie Messer oder Sprengstoff gut entdeckten, wenn diese häufig auftraten. Waren die Zielobjekte aber selten – was gottseidank ja der Fall ist – sank ihre Erkennungsrate drastisch.

Deshalb sind Terrorwarnungen hierzulande zwar gut gemeint, verändern aber unser Verhalten nicht. Müssten wir fast täglich damit rechnen, dass in unserer Umgebung eine Bombe explodiert – wie im Irak – würden wir uns mit Sicherheit verhalten.

Genau wie ein Bayes-Computer macht unser Gehirn Vorannahmen aufgrund mentaler Landkarten, wie etwas auszusehen hat. Mithilfe dieses Modells kann das Gehirn voraussagen, welche Signale unsere Sinne empfangen sollten. Diese Annahmen werden mit den tatsächlichen Signalen verglichen und dabei gibt es natürlich Fehler. Aufgrund dieser Unterschiede lernt das Gehirn, sein Modell zu verbessern. Wenn auch nicht bei allen Menschen.

Käse ist zum Beispiel für Franzosen lebendig. Sie würden ihn nie  pasteurisieren oder in den Kühlschrank legen. Für Amerikaner ist Käse tot. Deshalb kann man ihn auch in Folie einschweißen.

Cola verbinden wir mit brauner Farbe. Eine neue Variante von Cola, die bei identischem Geschmack von grüner Farbe wäre, hätte es beim Verbraucher schwer.Auch der grüne Ketchup konnte sich trotz identischem Geschmack beim Verbraucher nicht durchsetzenn.

Deswegen werden ja auch bei teuren Weinen immer noch richtige Korken verwendet, obwohl ein Drehverschluss aus Metall viel vorteilhafter wäre. Das Problem liegt im Modell des Konsumenten, der guten Wein mit einem richtigen Korken verbindet.

Können wir objektiv den Geschmack eines Biers beurteilen?

In diesem Versuch werden zwei Sorten Bier angeboten, von denen ein Glas einen Spritzer Essig enthält. Wenn die Versuchspersonen nichts davon wissen, beurteilen Sie beide Biere ähnlich. Werden Sie jedoch über den Spritzer in einem Glas informiert, lehnen sie den Geschmack heftig ab. Hier das Video dazu.

Wieder hat die objektive Produkteigenschaft des Biers das Urteil der Tester weniger beeinflusst als deren Erwartung.

Woher kommen unsere mentalen Modelle der Realität?

Etliche davon durch Millionen Jahre Evolution. Gewisse Fakten über die Welt verändern sich kaum und werden zu starken Vorannahmen. Dass zum Beispiel aufgrund der Schwerkraft Gegenstände nach unten fallen. Oder dass Sonnenlicht von oben kommt. Aus den daraus entstehenden Schatten schließen wir auf die Lage von Gegenständen.

Wenn Ihr Gehirn jedoch ein falsches Vorwissen hat, werden auch Ihre Sinne getäuscht. Sie nehmen etwas wahr, was gar nicht da ist. Das kann man gut an einer Hohlmaske demonstrieren. Unser Gehirn hat über Gesichter die Hypothese, dass die Nase hervorsteht. Aber jetzt schauen Sie mal genau hin, wie wenig Sie hier Ihren Augen trauen können:

Wenn Sie bei Sekunde 0.19 das Video anhalten, müssen Sie zugeben, dass Sie etwas sehen, was nicht so ist. Sie wissen, dass die Nase bei der Hohlmaske nach außen gewölbt ist. Sie „sehen“ aber etwas anderes. Ihr Gehirn korrigiert Ihre reale Sinneswahrnehmung. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf.

Unsere Wahrnehmung wird also durch unsere Erwartung bestimmt. Die tatsächliche Wahrnehmung entsteht erst in uns. Sie wird durch Erwartungen und Erfahrungen aktiv verändert.

Deswegen funktionieren auch viele optischen Täuschungen. was ist realität und warum wir sie nicht warhnehmen könnenWenn also zwei unterschiedliche Objekte in der äußeren Realität dieselben sensorischen Informationen liefern. Da das Gehirn keinen Grund hat, eine Version zu bevorzugen, sehen Sie in dem Bild entweder einen Totenschädel oder zwei Frauen. Ihre Wahrnehmung springt hin und her, weil beide Eindrücke gleich plausibel sind.
Tipp: Stellen Sie sich das gleiche Bild mit geschlossenen Augen vor. Was passiert jetzt?

Noch ein Beispiel.

Ob eine Tomate rot ist, hat wenig mit der Tomate zu tun. Die Wellenlänge des Lichts bestimmt die Farbe eines Objekts. Wird eine Tomate mit weißem Licht bestrahlt, sehen wir sie rot, weil die Tomate rotes Licht reflektiert.

Wenn wir eine Tomate mit blauem Licht anstrahlen, kann sie kein rotes Licht reflektieren. Sehen Sie dann eine blaue Tomate? Nein. Unser Gehirn korrigiert unsere Wahrnehmung sofort und liefert uns die korrekte rote Tomatenfarbe.

Ähnlich ist es auch hier. Der Grauton der Fläche A ist identisch mit dem der Fläche B. (Auch wenn Ihnen Ihr Gehirn etwas anderes sagt.)

Mehr Täuschungen über Farbe finden Sie auf dieser Website und auf diesem Videovortrag.

Was lernen wir daraus?

Die Schlussfolgerungen sind einigermaßen bestürzend. Was Sie täglich wahrnehmen, ist eben nicht die objektive Welt. Sondern Sie nehmen die Modelle Ihres Gehirns wahr, die dieses von der Welt kreiert. Anders gesagt: Ihre Wahrnehmungen sind Phantasiebilder, die sich mit der Realität einigermaßen decken.

Unser Wissen um die physische Welt ist also höchst subjektiv. Was wir über die reale Welt zu wissen glauben, kommt von einem Modell unseres Gehirns, das dieses aufgrund von Vorannahmen und sensorischen Daten geschaffen hat.

Aber woher wissen wir, dass unser Modell von der Welt, das unser Gehirn entwirft, richtig ist?

Die Antwort ist einfach: wenn das Modell für uns funktioniert. Können wir uns damit „richtig“ verhalten und den nächsten Tag erleben? Das Problem der „Richtigkeit“ oder „Wahrheit“ taucht erst auf, wenn zwei Gehirne miteinander kommunizieren und man feststellt, dass das Modell unseres Gegenübers sich von dem unsrigen unterscheidet.

Das passiert ja nun jeden Tag. Politisch, beruflich wie privat:

  • Welches ist die beste Werbestrategie für das neue Haarshampoo?
  • Sind 5 Euro mehr für Hartz 4 Empfänger eine Erhöhung oder ein Witz?
  • Sollte man Vorsätze an Silvester fassen? Und wenn ja, welche?
  • Wann ist die Wohnung unaufgeräumt? Und wann ordentlich?
  • Sind jetzt Glühlampen oder Energiesparlampen richtig?

Warum wir Vorurteile brauchen.

Das Gehirn braucht für seine Modelle „Vorurteile“. Der Begriff ist negativ belegt, doch unser Gehirn braucht solche Vorannahmen. Mit ihnen wird der Kreislauf von Vermutungen und Vorhersagen in Gang gesetzt, durch den unser Modell der Welt immer präziser wird. Deswegen lernt man ja auch mehr aus Fehlern als aus Erfolgen.

Den ersten Hinweis über einen anderen Menschen und sein mögliches Verhalten gibt uns das vermutete Geschlecht. Schon Dreijährige haben entsprechende Stereotypen über Geschlechter verinnerlicht.

Ihr Gehirn kann zum Beispiel aus nur 15 tanzenden Punkten eine menschliche Figur erkennen. Kann erkennen, ob die Figur weiblich oder männlich ist. Nervös oder entspannt. Glücklich oder traurig. Wohlgemerkt nicht aus einem Bild, sondern aus weißen Punkten auf einer schwarzen Hintergrund! Probieren Sie es hier aus.

Vielleicht erklären die Thesen hier auch das überraschende Ergebnis einer Studie, nachdem ein Placebo bei Patienten mit Reizdarmsyndrom selbst dann wirkte, wenn man den Menschen sagte, dass es ein Placebo sei. Das Gehirn könnte also trotzdem eine Wirkung erschaffen.

Mit anderen Worten: Ihr Gehirn erschafft die Welt. Das ist auch der Titel des Buches von Chris Frith, aus dem ich hier einiges beschrieben habe. Absolut lesenswert!

Das bedeutet aber auch: Sogar unser „Ich“ ist ein Konstrukt unseres Gehirns. Eine beeindruckende Erfahrung, dass das „Ich“ konstruiert ist, und dass es noch etwas anderes in uns Menschen gibt, das Selbst, erlebt man während dieser Meditation.

Mein Fazit:

Das Thema fasziniert mich auch deshalb, weil es meine Arbeit direkt berührt. Denn wer seine Persönlichkeit besser kennenlernen oder sein Verhalten ändern will, muss herausfinden, mit welchem Modell von sich oder dem jeweiligen Verhalten sein Gehirn bisher arbeitet.

In einigen Artikeln dieses Blogs habe ich das genauer beschrieben:

Oder anders gesagt: wenn Sie etwas verändern wollen, müssen Sie erst mal herausfinden, wie Sie das unerwünschte Verhalten produzieren. Also mehr über das Modell herausfinden, das Ihr Gehirn zu diesem Thema bis jetzt gespeichert hat und als Grundlage für Ihr Verhalten benutzt.

Die gute Nachricht: Wenn Sie sich bewusst gemacht haben, welche Landkarte von der Welt Sie bisher benutzen, können Sie diese auch aktualisieren. Manche dieser Modelle von der Welt davon haben Sie schon als kleiner Junge oder kleines Mädchen gebildet.

Aber mit einem Stadtplan, der dreißig, vierzig Jahre oder noch älter ist, würden Sie doch niemals eine lange Reise antreten, oder?

kommentar Welche Schlüsse ziehen Sie persönlich aus all dem?

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Foto: © Xenia Luise Fotolia.com

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Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

8 Kommentare

  1. Pingback: Die eigene Sichtweise macht die Realität aus

  2. Hallo liebe Frau Asser,
    ja, das ist ein alter Streit in der Geschichte der Menschheit. Viele Philosophen haben sich schon darum bemüht. Ich werde ihn also nicht lösen.

    Ich bin philosophisch nicht so bewandert, aber im Kern scheint es mir bei der Auseinandersetzung um Folgendes zu gehen. Der phämomenologische Ansatz, zu dem sich ja auch der Leserbriefschreiber bekennt, geht davon aus, dass es Dinge und Erscheinungsformen gibt, und man diese durch direktes „Erkennen“ wahrnehmen kann. Im konstruktivistischen Denkmodell geht man davon aus, dass es zwar Dinge und Erscheinungsformen gibt, wir sie aber nicht „direkt“ erkennen können.

    Der Phänomenologe glaubt, die „wahre Natur“ der Dinge oder Erscheinung durch bloße Anschauung erkennen zu können. Hellinger vertritt ja diese Richtung und wurde dafür heftig kritisiert. Konstruktivisten glauben nicht an eine „wahre Natur“ der Dinge, sondern verstehen die Wahrnehmung der Dinge in der Welt weniger als ein Erkennen, sondern als ein Interpretation von Wahrgenommenem. Und diese jeweilige Interpretation ist abhängig von Kultur, Persönlichkeit etc. des Betreffenden. Also individuell, immer subjektiv – also auch beliebig.

    Da man sich im Leben nicht nicht verhalten kann, hat natürlich auch jeder Mensch eine Landkarte zwischen diesen beiden Polaritäten „phänomenologisch“ und „konstruktivistisch“, auch wenn das vielen nicht bewusst ist.

    Ich bin ein überzeugter Konstruktivist, weil mir diese Sichtweise der Welt weniger Widersprüche und Konflikte beschert als die andere Sichtweise. Ich halte sie auch für alltagstauglicher. Der Nachteil dabei ist: man kann sich nicht mehr auf unumstößliche Wahrheiten oder ewige Wahrheiten berufen. Sondern: alles ist möglich und auch erlaubt. Was gut oder böse ist, kann man nicht mehr verdammen, sondern aus dem Kontext heraus verstehen. Das schafft eine Menge Unsicherheit, mit der man zurecht kommen muss.

    Hier noch ein paar Beispiele, die diese Sichtweise illustrieren sollen.

    Den Aidsvirus gibt es und Kondome können vor einer Ansteckung schützen. Jeden Politiker oder auch den Hausarzt, der den Gebrauch von Kondomen verbieten wollte, würde man verlachen und in die Wüste schicken. Wenn man jetzt wie der Papst den Kondomgebrauch im allgemeinen verbietet, braucht man eine „Theorie“, welchen Sinn es hat, wenn ein Aids-infiziertes Kind auf die WElt kommt. Und es braucht Menschen, die diesen „Sinn“ glauben und übernehmen. Ob dieser höhere Sinn wirklich existiert, ist jetzt die spannende Frage, zu der jeder sich eine Meinung bilden muss.

    Wiedergeburt ist für die Mehrheit der Weltbevölkerung eine Tatsache, nach der sie ihr Leben ausrichten. Dass nach dem Tod nichts mehr kommt, ist auch eine Glaubensfrage. Wieder muss man sich für eine Sichtweise – und die Abstufungen dazwischen entscheiden.

    Viele Künstler malen Bilder. Ob aber jemand ein berühmter Maler wird, ist Interpretationssache und hat viel mit Marketing und Finanzspekulation zu tun. Deswegen sterben ja manche Künstler in Armut, weil der „wahre Wert“ ihrer Kunstwerke erst später „entdeckt“ wird. Und wer kann sicher sein, dass er „richtige“ Kunst von Müll unterscheiden kann und es ihm nicht so ergehen könnte, wie diesen beiden Putzfrauen. Und wäre die „Mona Lisa“ nicht bekannt, wer weiß, ob sie vielen in einem Provinzmuseum überhaupt auffallen würde.

    Das empfohlene Buch „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ von Thomas Fuchs habe ich übrigens vor längerer Zeit mit Interesse gelesen. Es ist praktisch der Gegenentwurf zur konstruktivistischen, neurobiologischen Sichtweise. Aber das ist ja auch kein Wunder und untermauert eher die konstruktivistische Sicht. Was wir sehen und wie wir etwas bewerten, hängt eben viel mit der eigenen Ausbildung und dem dadurch vermittelten Weltbild zusammen. Was beispielsweise „Schizophrenie“ wirklich ist, hängt davon ab, ob ein Psychiater, eine Neurologe, ein Exorzist oder ein Geistheiler die Symptome betrachtet.

    Innerhalb ihres jeweiligen Systems hat jeder „Recht“ und oft auch entsprechende „Heilerfolge“. Nur zwischen den Systemen gibt es überhaupt den Streit, wie es nun wirklich ist.

    Danke für Ihre anregende Frage.

  3. Hallo liebe Frau Asser,
    ja, das ist ein alter Streit in der Geschichte der Menschheit. Viele Philosophen haben sich schon darum bemüht. Ich werde ihn also nicht lösen.

    Ich bin philosophisch nicht so bewandert, aber im Kern scheint es mir bei der Auseinandersetzung um Folgendes zu gehen. Der phänomenologische Ansatz, zu dem sich ja auch der Leserbriefschreiber bekennt, geht davon aus, dass es Dinge und Erscheinungsformen gibt, und man diese durch direktes „Erkennen“ wahrnehmen kann. Im konstruktivistischen Denkmodell geht man davon aus, dass es zwar Dinge und Erscheinungsformen gibt, wir sie aber nicht „direkt“ erkennen können.

    Der Phänomenologe glaubt, die „wahre Natur“ der Dinge oder Erscheinung durch bloße Anschauung erkennen zu können. Hellinger vertritt ja diese Richtung und wurde dafür heftig kritisiert. Konstruktivisten glauben nicht an eine „wahre Natur“ der Dinge, sondern verstehen die Wahrnehmung der Dinge in der Welt weniger als ein Erkennen, sondern als ein Interpretation von Wahrgenommenem. Und diese jeweilige Interpretation ist abhängig von Kultur, Persönlichkeit etc. des Betreffenden. Also individuell, immer subjektiv – also auch beliebig.

    Da man sich im Leben nicht nicht verhalten kann, hat natürlich auch jeder Mensch eine Landkarte zwischen diesen beiden Polaritäten „phänomenologisch“ und „konstruktivistisch“, auch wenn das vielen nicht bewusst ist.

    Ich bin ein überzeugter Konstruktivist, weil mir diese Sichtweise der Welt weniger Widersprüche und Konflikte beschert als die andere Sichtweise. Ich halte sie auch für alltagstauglicher. Der Nachteil dabei ist: man kann sich nicht mehr auf unumstößliche Wahrheiten oder ewige Wahrheiten berufen. Sondern: alles ist möglich und auch erlaubt. Was gut oder böse ist, kann man nicht mehr verdammen, sondern aus dem Kontext heraus verstehen. Das schafft eine Menge Unsicherheit, mit der man zurecht kommen muss.

    Hier noch ein paar Beispiele, die diese Sichtweise illustrieren sollen.

    Den Aidsvirus gibt es und Kondome können vor einer Ansteckung schützen. Jeden Politiker oder auch den Hausarzt, der den Gebrauch von Kondomen verbieten wollte, würde man verlachen und in die Wüste schicken. Wenn man jetzt wie der Papst den Kondomgebrauch im allgemeinen verbietet, braucht man eine „Theorie“, welchen Sinn es hat, wenn ein Aids-infiziertes Kind auf die WElt kommt. Und es braucht Menschen, die diesen „Sinn“ glauben und übernehmen. Ob dieser höhere Sinn wirklich existiert, ist jetzt die spannende Frage, zu der jeder sich eine Meinung bilden muss.

    Wiedergeburt ist für die Mehrheit der Weltbevölkerung eine Tatsache, nach der sie ihr Leben ausrichten. Dass nach dem Tod nichts mehr kommt, ist auch eine Glaubensfrage. Wieder muss man sich für eine Sichtweise – und die Abstufungen dazwischen entscheiden.

    Viele Künstler malen Bilder. Ob aber jemand ein berühmter Maler wird, ist Interpretationssache und hat viel mit Marketing und Finanzspekulation zu tun. Deswegen sterben ja manche Künstler in Armut, weil der „wahre Wert“ ihrer Kunstwerke erst später „entdeckt“ wird. Und wer kann sicher sein, dass er „richtige“ Kunst von Müll unterscheiden kann und es ihm nicht so ergehen könnte, wie diesen beiden Putzfrauen. Und wäre die „Mona Lisa“ nicht bekannt, wer weiß, ob sie vielen in einem Provinzmuseum überhaupt auffallen würde.

    Das empfohlene Buch „Das Gehirn – ein Beziehungsorgan“ von Thomas Fuchs habe ich übrigens vor längerer Zeit mit Interesse gelesen. Es ist praktisch der Gegenentwurf zur konstruktivistischen, neurobiologischen Sichtweise. Aber das ist ja auch kein Wunder und untermauert eher die konstruktivistische Sicht. Was wir sehen und wie wir etwas bewerten, hängt eben viel mit der eigenen Ausbildung und dem dadurch vermittelten Weltbild zusammen. Was beispielsweise „Schizophrenie“ wirklich ist, hängt davon ab, ob ein Psychiater, eine Neurologe, ein Exorzist oder ein Geistheiler die Symptome betrachtet.

    Innerhalb ihres jeweiligen Systems hat jeder „Recht“ und oft auch entsprechende „Heilerfolge“. Nur zwischen den Systemen gibt es überhaupt den Streit, wie es nun wirklich ist.

    Danke für Ihre anregende Frage.

  4. Susanne Asser sagt

    Hi lieber RKW,

    ich hab da mal ein Problem….
    Die Thematik in dem von Ihnen empfohlenen Buch interessiert mich in der Tiefe sehr. Nun habe ich mir mal die Rezensionen dazu durchgelesen und bin auf eine von einem Menschen mit dem Pseudonym „Freiheit“ gestoßen. Das irritiert mich bzw. ich verstehe noch viel zu wenig davon. Können Sie da mal bitte aus Ihrer Sicht Licht ins Dunkel bringen?
    Hier der Wortlaut der Rezension:
    „Allein der Titel beinhaltet schon ein großes Missverständnis. Hier wird wieder ein Gehirnmythos verbreitet, der so unlogisch und dumm ist, wie 1 zu 1 zu glauben, „Jesus sei über das Wasser gelaufen“. Als phänomenologisch gebildeter Mensch kann ich über solche „Irrlehren“ nur schmunzeln, denn diese Denkansätze bleiben schnell in sich selber stecken, führen zu Aporien, naturalistischen Fehlschlüssenen, Kategorienfehlern etc. und erklären letzten Endes gar nichts, jedenfalls nicht das denkende Bewusstsein. Denn: Wenn nämlich das Gehirn die Welt erzeugt, wie neurokonstruktivistische Denker und Hirnforscher glauben, wie kommt dann die Welt nach draußen? Oder gibt es am Ende nur ein Gehirn, innerhalb dessen wir alle nur Marionetten dieses Gehirnes sind??? Oh je!!! Der Solipsismus lässt Grüßen.

    Bewusstsein, Bilder, Gedanken befinden sich nicht im Gehirn, oder wurden da jemals welche gefunden?, sondern lediglich elektrische Potenziale, bunt leuchtende Stoffwechselmuster oder biologische Prozesse. Hier zu behaupten, diese neurologischen Befunde oder physikalischen Daten sind gleichzusetzen mit dem erlebenden Subjekt oder einer sichtbaren Lebenswelt, der unterliegt einem materialistisch- reduktionistischem Aberglauben und einer Selbstentfremdung, wie sie nur einem technologischem Weltbild und Zeitgeist entspringen kann. Das Gehirn ist keine Welt, keine Person, sondern höchstens das Organ einer Person, aber für sich ist das Gehirn nichts. Eindimensionales, reduktionistisches Denken verpasst das Wesentliche, nämlich den leibhaftigen Menschen als Subjekt seiner Intentionen, seiner Würde, seiner Willensfreiheit und seiner Liebensfähigkeit.

    Ich will nicht behaupten, die Gehirnforschung sei unnütz oder gar dumm. Sie ist gut und wichtig. Aber man darf sie nicht als Philosophie oder Welterklärungsmodell missbrauchen.

    Ich empfehle jedem, der sich mit Hirnforschung beschäftigen will, sich erst einmal mit phänomenologischem Denken vertraut zu machen, um nicht denselben Trugschlüssen wie die meisten Hirnforscher zu verfallen.

    Interessante Bücher hierzu sind: „Im Gehirn gibt es keine Gedanken“ von Matthias Wenke und „Das Gehirn: ein Beziehungsorgan“ von Thomas Fuchs.“

    Bin sehr auf diesen Austausch gespannt!

    Lieben Gruß
    SA

  5. Liebe Frau Albrecht,
    herzlichen Dank für Ihre schöne Anerkennung.

    Das Buch von Jörg Starkmuth kenne ich – natürlich – bereits. Habe es vor einigen Jahren verschlungen. Würde ganz gut als Ergänzung zum letzten Artikel passen. Ist aber noch etwas abgefahrener und am Schluß ziemlich esoterisch (Bärbel Mohr et. a.)

    Trotzdem danke für Ihren Hinweis.

  6. Ihre Artikel sind immer wie eine neue Tafel Schokolade einer bekannten Firma – ich weiß zwar noch nicht, wie sie schmeckt, aber ich weiß schon, dass sie gut sein wird! 🙂

    Was Sie schreiben, wusste ich zwar schon, macht aber nichts. 🙂
    Diesmal wollte ich Ihnen ein Buch empfehlen: „Die Entstehung der Realität – wie das Bewusstsein die Welt erschafft“ von Jörg Starkmuth. Ursprünglich hatte Herr Starkmuth es selbst verlegt, jetzt aber wird es bei Goldmann Arkana verlegt.
    Ich vermute, es geht weiter als das von Ihnen empfohlene von Chris Frith, weil es auch viel Physik enthält. Und ich glaube, es wird Ihnen gefallen.

    Herzliche Grüße und einen guten Rutsch
    Michaela Albrecht

  7. Susanne Asser sagt

    Interesting article plus cool experiments – worth a read!
    PS: I love reading that kind of stuff. Thanks for the interesting link!

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