Ei
n ernstes Thema, das ich auch unter dem Eindruck des Intensivseminars, das ich letzte Woche leitete, schreibe. Trotz etlicher Erfahrungen mit Menschen zu diesem Thema, bin ich doch immer wieder auf’s Neue betroffen, wenn ich miterlebe, wie körperliche Strafen, die jemand vor zwanzig, dreißig Jahren oder länger erlitten hat, sich auf das spätere Leben auswirken können.
Ich muss schon sehr genau hinhören und hinspüren, um mitzukriegen, dass jemand körperliche Gewalt in seiner Kindheit andeutet. Denn das Thema ist immer noch tabuisiert und vor allem auch schambesetzt. Doch wenn jemand beim Schildern seiner Biographie erwähnt, dass “es zu Hause streng zuging” oder der Vater “ziemlich autoritär war” oder “die Mutter keinen Widerspruch duldete”, werde ich meist hellhörig und frage nach, was der Betreffende damit meint.
Zur Sprache kommen dann zuweilen Schilderungen von heftigen Ohrfeigen und Prügeln mit Zaunlatten, Gürteln, Lederpeitschen, Baumzweigen, Kohleschaufeln, Teppichklopfern, Rohrstöcken oder bloßen Händen usw. Der Zeitpunkt ist oft unvorhersehbar. Wenn der “Elternteil schlecht drauf war”, wenn “man nicht schnell genug weg war” oder regelmäßig am Samstagabend als gefürchtetes Wochenendritual.
Ich frage auch immer nach, bis zu welchem Lebensalter geschlagen wurde und wie es aufhörte. Dabei erfahre ich, dass es meist in der Pubertät aufhört, bei manchen aber auch erst mit achtzehn, neunzehn Jahren, als sie sich entschlossen, auszuziehen. Manchmal hört der Elternteil von selbst auf, zuweilen auch nur durch die handfeste Drohung des Jugendlichen. Meist werden Jungen, speziell die ältesten, am meisten geschlagen, aber auch viele Mädchen.
Wie gehen Erwachsene mit der Erinnerung an Schläge in ihrer Kindheit um?
Eine häufige Form ist die Bagatellisierung.
Zumeist erkennbar an der Schlussfolgerung “Das hat mir aber nicht geschadet!“
Ich verstehe diesen Satz immer als den Versuch, den Konflikt zu lösen zwischen dem guten Bild, das man von den Eltern hat und den Szenen, wo man geschlagen wurde.
Häufig ist auch die Verdrängung.
Immer wieder berichten mir Menschen, dass sie an die ersten acht oder zehn Jahre ihrer Kindheit keinerlei Erinnerung haben. Kein Bild, kein Gefühl, nichts. Erst im Rahmen der gemeinsamen Arbeit kommt manchmal ein Stück schmerzlicher Erinnerung wieder zurück.
Welche Folgen haben Schläge in der Kindheit auf einen Erwachsenen?
Die Folgen sind mannigfach. Ich will hier nur einige der Konsequenzen und Entscheidungen nennen, die mir bei meiner Arbeit mit Menschen begegnet sind.
- Angst und Vertrauensverlust in Beziehungen.
Als Kind geschlagen zu werden, ist immer eine Situation, wo das Kind unbewusst Entscheidungen trifft. Wo es auf schmerzhafte Weise lernt, wie es in Beziehungen zugeht. Dass es um Macht geht. Dass man dem anderen, dem man vertraut hat, nicht trauen kann. Dass gleich wieder etwas passieren kann. Mögliche Folgen sind auch Gefühle des Ausgeliefertseins, der Hilflosigkeit, des Verlassenseins, das man als Erwachsener immer wieder erlebt.
- Beschränkte Konfliktlösungsmöglichkeiten.
Wer geschlagen wird, fühlt sich hilflos und gedemütigt. Um damit in Zukunft umzugehen, gibt es nur wenige Strategien. Die eine ist, sich zu unterwerfen — und den vermeintlich Stärkeren heimlich zu verachten. Die andere ist, sich zu schwören, dass einem so etwas “später im Leben” nie wieder passieren wird. Und zwar indem man selbst stark wird. - Probleme in der Identitätsentwicklung.
In Seminaren treffe ich hin und wieder auf ganz sanfte Männer, die verständnis– und rücksichtsvoll sind, nie laut werden. Einerseits angenehme Personen, aber auch ein großes Stück aggressionsgehemmt. Oft fühlen diese Menschen selbst, dass ihnen eine größere Portion Männlichkeit fehlt.
Wenn man dann in der Biographie forscht, was der Grund dafür sein könnte, graben wir zuweilen gemeinsam heftige Prügelerfahrungen aus. Frage ich, wie das “Nicht-Mann-Sein” und diese Erinnerungen zusammenhängen, hört man manchmal den einleuchtenden Satz: “Nur Männer schlagen!” Oder: “Ich wollte nie so werden wie mein Vater!“
- Selbstwertprobleme.
Wer geschlagen wird, erlebt, dass dem anderen seine Gefühle, Überzeugungen oder Regeln wichtiger sind als die eigene Person. Als Kind kann man noch schlecht unterscheiden zwischen sich und dem anderen. Kann zum Beispiel schwer erkennen, dass Eltern zuweilen überfordert sind (was kein Freispruch für Schlagen ist).
Meist sucht das Kind dann nach einem Grund für die Züchtigung. Vor allem, wenn der schlagende Elternteil sich nicht entschuldigt und die Verantwortung für sein Ausrasten dem Kind zuschiebt, sucht man als Kind die Schuld bei sich selbst. Weil man zu frech war oder Widerworte gab. Weil man schlecht in der Schule ist. Weil man überhaupt auf der Welt ist. - Abgrenzungsprobleme.
Wer als Kind geschlagen wird, erlebt eine massive Grenzverletzung. Und hat in der Folge oft Probleme, sich als Erwachsener angemessen abzugrenzen. Also Nein zu sagen, es anderen nicht immer recht zu machen, auch mal andere zu enttäuschen etc. Auch eigene Grenzen zu spüren, zu respektieren und flexibel damit umzugehen, kann schwierig sein. - Probleme mit eigenen Kindern.
Wer Gewalt als Mittel der Erziehung erlebt hat, spürt manchmal die Tendenz, sich auch so zu verhalten. Diese Gefahr ist umso größer, je weniger man sich mit dem eigenen Geschlagenwerden und den dabei erlebten Gefühlen auseinandergesetzt hat. Manche streichen ihren Wunsch nach eigenen Kindern auch ganz, aus Angst, sich in schwierigen Situationen nicht im Griff zu haben und ebenso zum Schläger zu werden. - Unkontrollierbare Aggressivität.
Als geschlagenes Kind erlebt man enorme Wut und Zorn, doch müssen diese heftigen Affekte unterdrückt und verdrängt werden. Doch unterdrückte Gefühle verschwinden nicht. Oft bahnen sie sich einen Weg in zerstörerischen Aktionen gegen andere (Kriminalität) oder gegen sich selbst (Autoaggression, Suizid, Drogenmissbrauch).
Was kann man tun?
Darauf gibt es keine schnelle Antwort. Aber allgemein kann ich sagen, dass das Bewusstmachen des Erlebten — im Gegensatz zum Verdrängen oder Bagatellisieren — ein erster wichtiger Schritt ist. Schon allein damit kommt man ein Stück aus der “Kindheits-Trance” heraus, da man den eigenen erlebten Schmerz zum ersten Mal wichtiger nimmt als das Motiv der Eltern oder die heilige Fassade des “Was sollen denn die anderen Leute denken?”
In weiteren Schritten kann man sich mit den schmerzlichen Erlebnissen auseinandersetzen. In einzelnen Fällen ist es möglich, mit den realen Eltern ein klärendes Gespräch zu führen.
Auch Eltern lernen manchmal dazu und können spät im Leben etwas bereuen oder falsch finden, das sie jahrzehntelang eisern verteidigten. Aber oft trifft man auch auf erneutes Unverständnis und eine Wand der Ignoranz (“Das bildest Du Dir doch alles ein!”)
Manchmal ist auch professionelle Hilfe nützlich,um in dem inneren Gespinst von Erinnerungen, Verdrängungsimpulsen und Verwirrung einen gangbaren Weg für sich zu finden. Letztlich aktiv zu werden im Sinne eines “Gut-für-Sich-Sorgens” ist auf jeden Fall besser als weiter im Leben in der Opferposition des geschlagenen Kindes zu verharren.
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Lese ich später!


(24 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi,
danke für deine Antwort.
Ich finde, du siehst deine Blockade schon sehr gut, sie ist dir bewusst und du schreibst auch, was sie ist: Verstand.
Ich glaube, du versuchst in Situationen, wo du etwas fühlen möchtest, diese Gefühle mit dem Verstand zu finden. Das geht aber nicht. Gefühle findet man nur mit Gefühl.
Stell dir deinen Verstand wie eine Mauer vor, die vor deinem Gefühl steht. Diese Mauer steht da nicht ohne Grund. Sie wurde in einer Zeit (Vergangenheit) errichtet, als die Mauer als Schutz für die Gefühle lebensnotwendig war.
Jetzt ist sie aber nicht mehr notwendig. Du bist erwachsen, ich glaube schon, dass du dich auch ohne Mauer schützen kannst.
Der Verstand ist der Beschützer der Gefühle. Beschützer haben Macht und Macht gibt man nicht so leicht wieder her.
Das klingt vielleicht albern, aber rede in Gedanken und auch laut (wenn es die Situation erlaubt) mit deinem Verstand. Sag ihm, dass du weißt, dass er dich nur beschützen möchte und dass du das gut findest, weil er dich einst gerettet hat. Sag ihm, dass du heute erwachsen bist und er dich in dieser Situation nicht mehr beschützen muss. Stelle dir den Verstand als eine Mauer vor und trage Stein für Stein ab. — Es kann sein, dass dir das Angst macht oder dass es dir lächerlich vorkommt, damit wird dich der Verstand versuchen davon abzubringen, weil er Angst hat seine Macht zu verlieren.
Wenn dir das zu abstrakt ist, kannst du dir den Verstand und das Gefühl auch als Tiere oder Menschen, die du kennst und liebst, vorstellen.
Das geht nicht von Heute auf Morgen, aber es funktioniert. Und wenn die Mauer weg ist, wirst du deine Blockade los sein. Wenn du aber dein “Versprechen” nun-auf-dich-selbst-aufzupassen nicht halten kannst, baut sich diese Mauer schneller wieder auf, als du gucken kannst.
Habe Geduld mit dir.
Was mein Leben betrifft, so habe ich festgestellt, dass ich mal wieder geduldiger sein muss. (Also die Tipps, die ich anderen gebe, kann ich auch gut für mich selbst gebrauchen.
)Habe ich nämlich das Gefühl, ich gerate unter Druck, gehe ich eher einen Schritt zurück und die Angst verstärkt sich. Ich muss also bei meinem Tempo bleiben, so sehr es mich manchmal schmerzt oder mich ärgert, aber ich kann mich nicht selbst überholen. So lange ich aus der Angst heraus handel, wird sie mich jeder Zeit wieder einfangen.
Lg Kurti
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,
was die Blockaden sind weiß ich nicht– ich meine, etwas stellt sich mir in den Weg, dass ich überhaupt fühle. Z.B. war ich gestern mit meiner Tochter beim Daniel Schumacher Konzert. Sie hat mich gefragt, ob ich aufgeregt bin im Vorfeld und nacher, ob es mir gefallen hat. Ich hatte weder Vorfreude noch habe ich während des Konzertes irgendwelche Begeisterung oder aber Ablehnung “gefühlt” Ich konnte ihr sagen, dass mir besonders die Musik von Sarah Kruez gefallen hat und ich den Daniel als Mensch irgendwie gut finde– aber das war einfach nur vom Verstand her. Genauso geht es mir mit anderen Dingen– z.B. mag ich sehr gerne Mundart– Kaberettisten– und doch kann ich keine Begeisterung fühlen. Kommt die Frage auf: Muss ich da was fühlen, sind meine Erwartungen zu hoch? Ist es einfach so, dass manche Menschen mehr Emotionen spüren als andere?
Warum ich in der Vergangenheit zu viel gegessen habe , kann ich schon nachvollziehen– warum ich es heute noch tue ‚ehrlich gesagt, nicht wirklich. Es geht mit zur Zeit besser als je in meinem ganzen Leben. Essen ist sicher auch ein großer Teil Gewohnheit, die ich abtrainieren könnte. Z.B. esse ich zwar zu viel, aber ich esse zu 90% gesunde Lebensmittel. Und ich bewege mich zu wenig. Was aber macht der Rest– wenn ich einfach esse und keinen Grund dafür sehen kann? Und da denke ich sind die Blockaden da, die mich daran hindern zu erkennen, was dahinter steckt.……uhh
Zu Dir und dem Thema Trennung– vielleicht ist das wirklich dran und damit auch ein Schlusstrich unter die Vergangenheit. So lange Du jeden Tag daran erinnert wirst kannst Du nicht wirklich loslassen.
Wenn diese Beziehung so viel Angst hervorruft, dann gehe. Angst ist der schlimmste Gegner, denn wir haben, wenn wir weiterkommen wollen.(meine Meineung).
Grüße aus Schwaben
Heidi
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(24 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi,
ich verstehe nicht ganz, worauf du hinaus willst. Vor allem verstehe ich nicht, von welchen “Blockaden” du im bezug auf dich sprichst? Kannst du das näher erläutern? Welche Gefühle blockieren dich oder in welchen Gefühlen glaubst du stecken geblieben zu sein? — Ich glaube, wenn du weißt, um welche Gefühle es sich handelt, kannst du ihren Weg zurück gehen und schauen, wo sie herkommen. Wenn du wiederum weißt, wo sie herkommen, kannst du ihnen im Jetzt begegnen und verarbeiten.
Ich weiß, so zu denken “ach würde er mich doch mal schlagen” ist voll daneben. Trotzdem zeigen mir solche Gedanken, welche Verzweiflung in mir steckt und ich hoffe mit solchen Worten, andere zu erreichen, meine Verzweiflung ebenso sehen zu können und hoffe auch auf Hilfe.
Wenn er mir wirklich eine “rein hauen” würde, ja dann könnte ich zur Polizei, zum Arzt oder sonst wo hingehen und zeigen: “Da schaut, er hat mich verletzt.” Aber in der Seele verletzt zu werden, hinterlässt keine offensichtlichen Spuren, die jeder sehen kann, obgleich die Wunden ebenso vorhanden sind und schmerzen.
War gestern bei meinem Psych. — Danach zu Hause habe ich für ein paar Stunden keine Angst mehr gehabt. Keine Angst mehr vor ihm und auch keine Angst vor einer Trennung. Das war sehr befreiend.
Doch zwischendurch ertappe ich mich dabei, dass ich mir vormache, dass es doch noch eine Lösung und eine gmeinsame Zukunft für uns gäbe… ich kann nicht glauben, dass er so gemein, so kalt und so hinterhältig sein soll. Ich habe ihn mal sehr geliebt und ich dachte, er würde mich auch lieben. Aber das scheint nicht so zu sein. Meine Vergangenheit wiederholt sich, ich habe meine Eltern auch sehr geliebt und auch geglaubt, sie würden mich lieben, aber auch das war eine Illusion.
Ich weiß zumindest, warum ich so dick bin und wofür ich das Essen eingesetzt habe: Als Liebesersatz. Essen verschafft diesbezüglich eine kurze Befriedigung. Es lindert den Schmerz im Innern, es stillt den Hunger nach Liebe.
In dieser Beziehung ist keine Liebe. Ich habe Jahre danach gehungert. Deswegen bin ich dick. Ein winziger Teil in mir hofft noch immer darauf, eines Tages nicht nur durch mich selbst, sondern durch einen anderen Menschen geliebt zu werden.
Ich hoffe, ich war nicht wieder zu theatralisch.
Kurti
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Roland,
auch Sie reden von Gefühlen. die Gefühle über die Vergangenheit habe ich während der Therapie rausgelassen– so dachte ich. Aber jetz glaube ich, dass da noch mehr da sind, die nicht so offensichtlich sind und die mich trotzdem heute noch blockieren. Was ich gerne will ist, diese stecken gebliebenen Gefühle in meinem Alltag heute zu klären und erklären zu können, damit ich die Knoten lösen kann. Dass sie nicht länger eine Blockade sind, sondern ein Seil, das mich festhält und mir Sicherheit gibt.
Oder ist das etwas, was sich von selbst lösen wird und zurückkommen wird, wenn ich so weit bin?
Danke für Ihre Kommentare und den Blog.
Heidi
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Helena,
ja, ich meine die Unfähigkeit, trotz dem Wissen das wir haben uns doch nicht selbst helfen zu können. Danke für Deine Ausführung über das Thema Gefühle– ich merke dass etwas in mir damit etwas anfangen kann. Schon oft habe ich mich gefragt, warum ich nicht intensiver fühle– sowohl Trauer als auch Freude– oder die Liebe zu meinen Kindern z.B. Wenn ich ehrlich bin, macht das den Alltag oft auch einfacher– es ist auch wie ein Schutz gegen Verletzungnen. Und dieser Schutz manifestiert sich vielleicht in den Süchten. Habe ich das so richtig verstanden? Als Kind hatten wir ja nicht wirklich die Wahl, unsere Gefühle auszuleben– und wenn wir es getan hätten, hätten wir wieder Schläge bekommen. Also ist die Sucht –Flucht eine doch ganz normale Überlebensstrategie.….da ja auch für ein Kind der Suizid nicht so einfach machbar ist( der Gedanke war wohl da.…) um sich aus dem Dillema zu befreien.…. Oh Oh Ohhh.….
Nur brauche ich das heute eigentlich gar nicht mehr.…..
Wie kann ich lernen, Gefühle wieder zu fühlen? O.k. ich galube, dass es manchmal schon ein wenig klappt. Wieviel Gefühl ist “normal”? Meinst Du, es wäre vielleicht hilfreich, mal so richtig einen Hass zu spüren, wenn mich jemand richtig aufregt? Das Gefühl, das ich am meisten kenne(kannte…), ist Hilflosigkeit– ist das ein Gefühl?
In Bezug auf mein (Fr)essverhalten– wie kann ich herausfinden, was für ein Gefühl dahinter steckt, wenn ich esse und doch keinen Hunger habe? Ich kannn keine eindeutigen Emotionen dahinter finden, es ist als wären es viele ineinander verbackene und verknotete Gefühle– womit ich wieder beim entwirren bin. Oft scheint es mir, dass ich wohl mit meinen Gedanken auf dem Laufenden bin und erkenne was los ist, aber mit den Gefühlen bin ich mir nicht sicher. Da die Hilflosigkeit und das Ausgeliefert sein nicht mehr stark da ist, ist es so in einem recht gefühlsarmen Raum doch auch recht angenehm.….…und vielleicht auch nötig um nicht wieder in zu hohen Ansprüchen zu ertrinken. Vielleicht ist es aber ja gerade das was ich jetzt brauche– dass Du hier schreibst und mich darauf aufmerksam machst.….
Danke.
Liebe Grüße von Heidi
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,
meinst Du die sichtbaren Verletzungen würden es Dir leichter machen, zu gehen? Oder denkst Du vielleicht, dass du eher Hilfe von Aussen in Anspruch nehmen würdest? Oder ist es einfach eine abhängigkeit (oder mehrere Abhängigkeiten, die Dich noch halten? Der Sprung in die Unabhängigkeit ist schwer, sehr schwer.….….vielleicht erfordert er mehr Mut, als wie der Schmerz uns stört…hörst DU was ich denke?
Ich schreibe gleich weiter zum Thema Gefühle.…im nächsten Post bei Helena…
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(24 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi, hallo Roland,
wissen ist nicht gleich Wissen. Ich kann etwas vom Verstand her wissen und doch weiß ich es nicht vom Gefühl her. Wenn ich aber etwas vom Gefühl her verstanden habe, kann ich meine Blockaden verstehen (begreifen) und auflösen.
Nun ja, zu meinem letzten Posting… naja, das war das erste Mal “erwachsen-sein” in den letzten 12 Jahren Ehe… ich habe den gleichen narzisstischen Tyrannen geheiratet, wie einst mein Vater einer war und ist.
Nur, dass mein jetziger Ehe-partner mich nicht mit Kochlöffeln verprügelt, wie es mein Vater tat, um zum Thema zurückzukehren, sondern er schlägt mich mit Worten und seelischen Grausamkeiten halbtot.
Von einer ambulanten Therapie hat mir mein Psychiater abgeraten. Stattdessen bin ich dabei eine Reha (Psychatrie und Psychosomatik) zu beantragen, um vor allem auch hier raus zu kommen. Gleichzeitig habe ich davor aber auch Angst. Ich weiß, dass die Reha mein Leben verändern wird und nicht nur meines. Wir haben einen gemeinsamen Sohn, er hängt sehr an seinem Vater und straft mich mehr und mehr mit Verachtung, was ich ihm nicht ein Mal übel nehmen kann.
Vieles wird mir bewusst und doch bin ich ohnmächtig und wie gelähmt, um mich aus meiner “Ehe” zu befreien.
Manchmal wünschte ich mir, er würde mich schlagen, dann wären die Verletzungen sichtbar.
Kurti
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(8 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi,
vielen Dank für deine Rückmeldung. Sie gibt mir die Möglichkeit, noch ein paar Aspekte zu betonen, die mir wichtig sind.
Wenn du schreibst “Diese Antwort passt eigentlich nicht in diese Kategorie– aber ich schreib jetzt trotzdem.”, meinst du die Sache mit meinem Namen oder die Frage die später kommt “Woran scheitern wir” und warum wir trotz viel Wissen uns selbst nicht helfen können?
Zuerst vielen Dank für deinen Kompliment für den Namen, ich finde ihn auch sehr schön!
Wenn sich dein Satz auf die Frage bezieht, finde ich, dass sie hervorragend hier passt. Für mich habe ich herausgefunden, dass das, was mich oft daran hindert, mich zu ändern oder glücklicher zu sein, ist mein Unvermögen, mein Leid ernst zu nehmen. (Ich benutze die buddhistische Definition von Leid, die besagt, dass alles Leid ist, was nicht befriedigend ist, also was alles von der großen Katastrophe bis zum Kaffee, der nicht schmeckt, reicht.) Und ich denke, dass alle Menschen, die sich oder anderen Mißhandlungen zufügen, genau das Thema auch haben: nicht (mehr) fühlen können.
Ein Beispiel von diesem Unvermögen in meinem Leben ist, dass ich erst mit 23 Jahren nach einer 15-monatigen Beziehung mit einem prügelnden Mann aus einem tiefen “emotionalen Koma” erwacht bin und mich dann ganz überrascht fragte “Wo habe ich denn gelernt, mit tagtäglichen Schlägen und lebensbedrohlichen Situation zu leben?”… Und dabei hatte ich nicht mal die Schläge und sonstige Misshandlungen meiner Kindheit vergessen, ich wusste noch alles, aber ich war überhaupt nicht emotional damit verbunden; es waren nur innere Bilder da, die völlig neutral waren. Ich hatte als Kind die Gefühle fast gänzlich abgespalten, damit ich einfach weiter leben konnte. Eine schlaue Einrichtung der Natur fürs Überleben:-)!
Die Abspaltung der Gefühle habe ich dann ab 13 Jahren mit Alkohol weiter dicht gemacht, danach kam eine Reihe von Suchtmitteln und Suchtverhalten.
Das ich überhaupt noch am Leben bin (und physisch gesund !!!) und das ich mein Leben in vollen Zügen und selbstbestimmt geniessen kann, auch mit den Einschränkungen, die ich (noch) habe, scheint mir immer mehr wie ein Wunder zu sein. Daher ist schon sehr viel passiert: ich hatte zwar viel Mut für meine Suche nach Antworten und Glück, aber es kam auch viel Gnade (vielen Dank Ken Wilber
!).
Die Gnade war für mich die buddhistische Lehre, die mir auf der einen Seite praktisch geholfen hat, inneren Halt zu entwickeln und auf der anderen Seite alles über Gefühle gelehrt hat (sie zu fühlen, sie zu erkennen, sie ziehen zu lassen). Wer hat uns hier in der westlichen Welt schon was über Gefühle gelehrt? Die meisten Leute sind dann emotional behindert, weil sie nicht gelernt haben, mit Gefühlen umzugehen. Und hier komme ich dann zurück zum Leid: wenn ich in einer Situation fähig bin, mein Leid (d.h. alle unangenehmen Gefühle) einfach nur zu fühlen, ändert sich sofort was in mir und die Situation verändert sich schon dadurch. Wenn ich mein Leid übersehe, unterdrücke oder einfach bagatellisiere (was mir noch oft genug passiert), dann ist kein Ansatzpunkt da, um irgendwas zu verändern, und dann bleiben wir Trinker, übergewichtig oder sonstwas.
Und da bin ich jetzt dran, zu lernen, das vorhandene Leid in mir in allen seinen Variationen und Intensitäten zu erkennen, um die Freiheit zurückzugewinnen, danach zu handeln, was nicht immer bedeutet, das ich etwas im aussen verändern muss. Oft reicht schon das Zulassen des Leids, es muss oft nur gesehen werden, gewürdigt und dann kann es sich auflösen. Kann sein, dass gleich ein anderer Schmerz 30 Sekunden später kommt, Ok, gleiches Spiel nochmals… Und wenn man viel auf dem Speicher hat, dauert es ja auch entsprechend. Dabei ist mein Fokus nicht mehr auf die Vergangenheit gerichtet, sondern auf das Hier und Jetzt, was wiederum letztendlich mein Verständnis für meine Vergangenheit stark verändert, in Richtung Beruhigung.
Es hat mich gerade wieder sehr berüht dieses hier zu schreiben, sowohl über den Schmerz als auch über die “Erlösung” davon. Ich kann jetzt auf diese beiden Beinen gehen, ich bin ganz und werde noch was vom Land “Leben” sehen.
Danke fürs Lesen
!
Helena
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Helena,
Du hast den schönen Namen, den ich unserer Tochter geben wollte.…
Diese Antwort passt eigentlich nicht in diese Kategorie– aber ich schreib jetzt trotzdem.
Was Du schreibst ist etwas, was ich lange nicht nachvollziehen konnte und was mich auch in meinen Entscheidungen zurückgehalten hat.
Die Tatsache, dass Du als Psychologin Dich selbst nicht therapieren kannst, dass Ärtzt rauchen, dass Werbetexter ihre eigene Internetseite nicht auf die Reihe bringen.……
Einfach, dass Menschen, die sich mit der Materie besser als die anderen auskennen, für sich selbst keine Lösung haben– sprich Vorbilder sind. Ich als Krankenschwester bin übergewichtig.…obwohl ich die Zusammenhänge kenne.…Woran scheitern wir? Wenn es das Wissen nicht ist, was ist es dann– und was würde uns helfen, diese Blockaden zu durchbrechen damit es uns besser geht?
Heidi
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,und auch die Anderen.…
jetzt bin ich auch wieder da… Danke für Deine Antwort. Es freut mich, dass bei Dir etwas in Bewegung gekommen ist und ich wünsche Dir von Herzen, dass diese Bewegung anhält.
Die Sache mit dem Erwachsen werden hat mich auch schon länger beschäftigt. Vielleicht ist mein “ich will es allen recht machen” wirklich die Angst vor der Strafe, wennn ich versage. Für mich waren alle Menschen Autorität, sobald sie den Anspruch erhoben haben, dass sie etwas besser können als ich. Bisher konnte ich das nicht so verstehen, dass das Kind in mir diese Reaktion hervorgerufen hatte. Ich hatte regelrecht Angst davor, erwachsen zu werden. Wollte diese kindliche “Unschuld waren” indem ich mir sagte: ich bin ja noch nicht erwachsen, ich kann ja letzendlich nicht zur Verantwortung gezogen werden? Das habe ich allerdings damals nie so formuliert– es war einfach ein Haufen sich wiedersprechender Gedanken und Gefühle und Wünsche. Ganz langsam entwirrt sich das Knäuel und ich beginne zu verstehen– so als ob ich ausserhalb von mir stehe und mich beobachte und auch auf meine Vergangenheit zurückblicke.
Und während ich mehr über mich selber verstehe, verstehe ich auch mehr über meine Mitmenschen. Vor kurzem habe ich einen Verkaufsbrief geschrieben über die Notwendigkeit des Coaching für Führungskräfte. Dabei habe ich gesehen, wie viele dieser Führungskräfte nicht wirklich erwachsen sind, und somit auch nicht in der Lage, andere effektiv anzuleiten. Zu viele persönliche Konflikte spielen eine Rolle in den Entscheidungen die getroffen werden.…..aber ich merke, ich schweife ab.…..Oder sind wir Eltern nicht auch Führungskräfte?
Es ist einfach etwas , was mich so oft beschäftigt– und ich sehe die Lösung vieler gesellschaftspolitischer Probleme darin, dass Menschen erwachsen werden und die Verantwortung für sich und die Entscheidungen die sie treffen auch tragen.
Zurück zum Schlagen.….
Kürzlich habe ich mich mit einer Kollegin über dieses Thema unterhalten und sie hat erzählt, wie schlimm es für sie war, dass ihre Freundinen zu Hause geschlagen wurden. Seither beschäftigt mich die Frage: Was ist es, das uns die Wunden zufügt? Sind es die Schläge oder ist es die Intention, die dahinter steckt. Wenn Eltern Ihre Kinder von Herzen lieben und sie in Augenblicken der Überforderung zuschlagen– kann es dann sein, dass die Wunden wieder heilen, weil sie von denen gepflegt werden, die sie verursacht haben?
Gibt es vielleicht doch eine Únterscheidung zwischen Schlagen und Schlagen?
Ist es nicht letzendlich die Angst vor der Strafe, die uns krank macht? Und das Alleingelassen sein mit den Gefühlen und der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung?
Sind Kinder von Eltern wie Mina und Kurti– die erkennen, dass sie falsch gehandelt haben–
eher davor bewahrt, lebenslang unter den Folgen zu leiden?
Ich glaube, es hätte mir gut getan, mal ein Entschuldigung zu hören oder wenigstens die Einsicht, dass es so wie es war nicht gut war. Aber hätte es den Schmerz verringert?
Ich bin einfach nur dankbar, dass ich heute soweit bin und die Hoffnung mein leben bestimmt.
Heidi
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(8 Kommentare) wrote:
Hallo an alle,
ich möchte mich zuerst für dieses Thema hier und die Diskussion bedanken. Ich habe noch nicht alles gelesen, aber schon nach dem Artikel und den ersten Beiträgen spürte ich den starken Drang, mich hinzusetzen und zu schreiben.
Obwohl meine Kindheit schon lange vorbei sein sollte (ich bin ja 46), ich selber Psychologin bin, (fast) alle Therapieformen auf dem Markt kenne und mich stark mit einer sehr unterstützenden spirituellen Richtung verbunden fühle, sind die Folgen der physischen und psychischen Gewalt sowie der emotionalen Vernachlässigung, die ich erlebt habe, heute noch fast jeden Tag in meinem Erleben zu spüren.
Ich habe sehr lange gebraucht, um überhaupt zu realisieren, dass ich in einer Art “subtiler Dauerparanoia” lebe, was meine körperliche Integrität angeht. Es drückt sich aus mit einer hohen körperlichen Anspannung in der Gegenwart aller anderer Menschen, einer Hyperwachsamkeit für ihr Verhalten und ihre Stimmungslage, bis nicht schlafen können, wenn noch jemand im Raum ist. Heute noch kann ich wirklich entspannen, nur wenn ich ganz alleine bin.
Der Grad der Störung war so stark, dass ich mir erst in den letzten Jahren über diese überhöhten Anspannung bewußt wurde, die ist mir zur “Hauptnatur” geworden. Aber sie war/ist eine sehr kostspielige “Methode”, die ich über die Jahre nur mit einer ganzen Menge Süchte und Zwänge aufrechterhalten konnte.
Aus diesen Voraussetzungen heraus ist die Nähe mit Menschen, die mir nah sein könnten, nicht unkompliziert. Ich konnte in meinen früheren Beziehungen dieses Phänomen nicht identifizieren und habe dann die Beziehung beendet, im Glauben, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmte. Jetzt weiss ich, dass es mein Thema ist. Heute weiss ich, dass ich viel Rückzugsmöglichkeiten brauche, damit ich die körperliche Anspannung herunterregulieren kann. Ich kann die Nähe von bekannten Menschen, die sich unwohl fühlen, nicht richtig ertragen. Das Unwohlsein des anderen löst sofort in mir eine Welle von Vernichtungsangst, die dann einen Fluchtreflex auslöst. Es ist für die anderen natürlich schwer nachzuvollziehen und mein jetzige Lebensgefährte tut sich schwer damit, diesen Prozess zu verstehen und zu akzeptieren… was dann wiederrum zu Stress führt, usw. usw.…
Eine weitere Folge der Gewalt war auch meine starke Ablehnung von Autoritäten, von der Möglichkeit von Liebe und von der christlichen Religion mit ihrem prügelnden Gott… Aber diese Punkte wurden geklärt und tun heute nicht mehr weh. Meine Ablehnung von Autoritäten hat sich in einem gesunden Anarchismus entwickelt, der mich jeden Tag freier macht
! Das Wort Liebe benutze ich immer noch nicht oder nur in der Definition von bedingungsloser Liebe, von der ich jetzt weiss, dass sie kaum vorkommt. Ich bin trotzdem mit den bedingten Liebesversuchen meiner Mitmenschen und mit meinen eigenen versöhnt. Wir tun alle unser Bestes, auch wenn es nicht immer danach aussieht
! Und die Frage nach Gott hat sich aufgelöst: Gott ist tot (danke Nietsche !), es lebe das nicht kaputtbare Leben
!
Und ich bleibe dran…!!! Vor allem akzeptiere ich immer mehr die Vorstellung, dass “meine Kindheit und ihre Folgen” vielleicht nicht zu “heilen” sind, dass es aber OK ist, so zu sein und so zu fühlen. Seitdem ich mich selber nicht mehr als “kaputt” betrachte, geht es mir schon besser
! (War ein langer Weg)
Alles Gute und danke fürs Lesen
Helena
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi, hallo Kurti,
ich habe Ihren fortdauernden Dialog verfolgt und freue mich sehr darüber, dass dies — ausgelöst durch meinen Artikel über Schläge — hier so möglich ist.
Ich glaube auch, Kurti, dass das mit dem Erwachsenwerden ein wichtiges Thema ist für Sie. Das Wichtige, wenn man Schlimmes in der Kindheit erlebt hat, ist ja zu begreifen, dass es schon passiert ist. Dass man es überlebt hat.
Aber um es wirklich hinter sich lassen zu können, ist es wichtig, ein Stück davon zu fühlen und vor allem Worte dafür zu finden, was man erlitten hat. Dies kann durch Bücher, Anregungen von anderen oder in einer Therapie passieren.
Ohne dieses “Verarbeiten” kann man nicht schwerlich ganz erwachsen werden, weil ein wichtiger Teil von einem selbst, das innere Kind, wütend ist, auf Entschuldigung wartet oder auf einer Wiedergutmachung besteht.
Vielleicht kann Ihnen dabei auch mein Buch helfen. Da sind Übungen drin, um mit den Eltern ins Reine zu kommen und vor allem, sich der eigenen erwachsenen Identität zu vergewissern.
Danke für Ihre Kommentare, Heidi und Kurti.
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(24 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi,
ja, ich verstehe. Vor zwei Tagen hätte ich noch nicht verstanden… jetzt ja. Irgendwie ist bei mir ein Knoten aufgegangen und ich kann deine Worte unterschreiben.
Ich hab auch ein Buch gelesen… mal wieder und zuerst hat es mich sehr erschreckt, ich war von dem, was dort geschrieben stand und was 100% meine Ehesituation nacherzählte total schockiert… ich konnte meine Angst fühlen und sehen und ich habe sie nicht weggemacht, sondern ausgehalten.
Dann war ich bei meinem Psych und der hat mir zwei Optionen hingehalten, die ich beide nicht möchte. Weder kommt für mich derzeit eine Scheidung in Frage, noch möchte ich meine Ehe nur aushalten.
Ich hab dann begonnen, mir Oberwasser zu verschaffen, in dem ich meinen Partner als das gesehen habe, was er ist und was er kann und was er nicht ist und was er nicht kann. Allein dadurch ging es mir viel besser. Und dadurch konnte ich ihm nicht mehr aggressiv begegnen. Stattdessen begegne ich ihm nun mit meiner humorvollen Seite und das tut uns allen gut.
Unser Sohn ist hoch sensibel und reagierte sofort auf Spannungen und unsere Probleme negativ. Und jetzt… jetzt ist er wieder fröhlich und lustig und gibt von dem, was wir ihm geben jede Menge zurück.
Mein Partner war doch sehr irritiert und ist es immer noch. Ich für mich merke, dass ich nun doch langsam echt erwachsen werde.
Und Heidi, das ist genau das, was du beschrieben hast… erwachsen werden!
Vielen Dank, Kurti
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,
wie habe ich es geschafft, nicht mehr der Sündenbock der Welt zu sein?
Zuerst war die Erkenntnis: Ich lasse mich zum Sündenbock machen. Das ist keine böse Absicht meiner Mitmenschen, sondern eine Einladung von mir, dass sie das mit mir machen dürfen. Das hat mich dazu gebracht, diese Situationen unter die Lupe zu nehmen und zu hinterfragen. “Ist es wahr, dass…”
Eins der ersten Dinge, an die ich mich erinnern kann ist ‚dass man mir gesagt hat, dass wenn ich meine Schuhe nicht ordentlich unter des Bett stelle, Jesus traurig sein wird , wenn er wiederkommt und solch eine Unordnung vorfindet. Das war der Anfang von Schuldgefühlen, wenn es um die Ordnung ging– es war nie gut genug, und es gab immer Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ein anderes Beispiel war die Aussage, das Masturbation Sünde ist– immer wenn irgendwo Gedanken und Lust in Verbindung mit der Sexualität aufkamen, war das Schuldgefühl nicht weit..
Das sind Erinnerungen (nur ein winziger Teil) an die Vergangenheit, die ich aber erst jetzt wirklich loslassen konnte. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mit meinen Schuldgefühlen niemanden helfe.
Heut setze ich mich mit Dingen auseinander wie: Was hätte ich anders mache können, dass meine Tochter gleich nach der 4. Klasse in die Realschule gekommen wäre — wo sie doch im Grunde das Zeug dazu hatte.….nein, ich habe keine Schuld– aber die Verantwortung. Und die liegt in der Gegenwart. D.h. Was kann ich heute tun, um das Richtige zu tun. Dann die Entscheidung treffen und auch dazu zu stehen. War die Entscheidung falsch, dann kann ich mir überlegen, was zu tun ist, um das Beste daraus zu machen. Wie bei einer Langstreckenrakete — die ist auf ein Ziel eingestellt und korrigiert sich immer wieder auf dem Weg– bis sie am Ziel ankommt.
Noch ein Beispiel: Mein Göttergatte hat mir lange Vorwürfe gemacht, dass ich daran schuld bin, wenn er schlechte Laune hat, weil ich nicht dafür sorge, dass er genügend Sex hat, dass nicht genug aufgeräumt ist, dass.…… Diese Vorwürfe habe ich angenommen und bin damit in eine Depression reingerutscht, die ich niemanden wünsche. Heute werfe ich den Ball zurück. Ich sage ihm, dass wenn er Sex will, er mich umwerben muss oder verführen oder.… oder wenn er die Ordnung will, er das so einrichten muss, wie er das will. Wenn meine Kinder ein Pausenbrot haben wollen, dann sollen sie sich eines machen. Wenn sie was Bestimmtes essen wollen, dann sollen sie mir das rechtzeitig sagen, damit ich es besorgen kann.
Bei der Arbeit mit den alten Leuten habe ich aufgehört, mich dafür zu entschuldigen, dass ich manchmal zu spät komme.(ein Beispiel) Ich gebe mir Mühe, es richtig zu machen– mehr kann ich nicht und mehr muss ich auch nicht. Ich merke, seit ich nicht mehr diese Schuldigkeitserwartung und Einstellung habe, werden die Herausforderungen weniger und ich ernte mehr Respekt. Bei meinen Kollegen spreche ich Fehler meinerseits ganz offen an und versuche, nichts mehr zu vertuschen. Jeder darf seine Meinung dazu sagen und dann ist es für mich aber auch erledigt.
Ich kann nicht sagen, dass es dieses oder jenes war, was die Wende gebracht hat– es war und ist ein Arbeiten an mir selbst über Jahre hinweg. Heute kann ich Mechanismen schneller verstehen und aufarbeiten. Wenn früher die Krise Jahre gedauert hat, dauert sie heute Tage. Letztendlich denke ich , ist der Schlüssel immer ein intaktes Selbstwertgefühl, Selbstachtung und die Überzeugung: Ich bin gut genug so wie ich bin im Augenblick und an dem was in meiner Maschine nicht rund läuft werde ich so lange arbeiten, bis ich den Eindruck habe, dass es besser wird.
Dabei ist es wichtig, realistisch zu bleiben und die Erwartungen nur so hoch anzusetzen, dass es möglich ist, sie zu erreichen. Stufe um Stufe weiter zu gehen. Inzwischen weiß ich auch, das das nie enden wird und das ist gut so.
Kurti– ich habe hier viel geschrieben– auch weil ich es schwer finde, die Dinge in Punkten zu beschreiben. Es ist eine Entwicklung. Wenn Du Fragen hast, frag ruhig. Ich werde versuchen, eine Antwort zu geben.
Was mir geholfen hat, waren Bücher, Bücher und noch einmal Bücher und dann Artikel wie auf diesem Blog.
Lass Dich nicht entmutigen– Wenn Du ein Ziel hast, wirst Du einen Weg finden.
Grüße von Heidi
P.S. Vor vielen Jahren hat ein Bekannter mal zu mir gesagt, ich hätte einen Schuldigkeitsblick.……
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(24 Kommentare) wrote:
@Heidi
Wie hast du es konkret (bitte Beispiele) geschafft, nicht mehr der Sündenbock der Welt zu sein?
Lg Kurti
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Mina,
natürlich ist die Hilfe von Lektüre begrenzt. Man muss das in der Regel mit jemandem bearbeiten. Als Einstieg können Sie mal diesen Blog-Artikel von mir lesen: “Sie müssen nicht immer perfekt sein.”
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(2 Kommentare) wrote:
puh.…nagel auf den kopf getroffen! ich will perfekt sein weil ich in vielen sachen nicht perfekt bin. aber ich will alles besser machen als dass ich es hatte.…und dabei merke ich, dass ich mich selber verhedere und aus diesem netz nicht mehr rauskomme.
danke für ihre worte!
bücher haben sie angesprochen — habe ich schon zu genüge gelesen und komme doch nicht weiter. haben sie gerade konkret vorschläge diesbezüglich?
ich danke für ihre zeit!
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Mina,
ich glaube, Sie — und ihr Mann — haben zu hohe Ansprüche und überfordern sich damit.
Wenn ich lese: “wir verbringen viel zeit mit unseren kinder und unternehmen praktisch nur “kindergerechte” aktivitäten. wir richten unsere freizeit und die der kinder nur nach ihnen und ihren vorstellungen.” dann liegt darin, glaube ich, der Schlüssel. Sie geben Ihren Kindern zuviel und da Kinder nicht immer dankbar sein können und wollen, rasten Sie manchmal aus.
Kinder brauchen Grenzen. Dazu brauchen sie Eltern, die ihnen diese Grenzen setzen. Und ich denke, Sie setzen zu wenig Grenzen — und zwar im voraus, nicht hinterher.
Konkret: rücken Sie mehr Ihr Paarleben in den Vordergrund. Verbringen Sie nicht die ganze Zeit nur mit den Kindern, sondern mindestens einen Abend und immer mal wieder eine Stunde nur mit Ihrem Mann oder auch allein. Kinder sollten auch erleben, dass die Eltern auch noch ein Privatleben haben, sonst bekommen sie Schuldgefühle, dass sie so anstrengend sind und dennoch nicht zufrieden werden.
Ob Sie das allein mit Ihrem Mann schaffen oder sich Unterstützung dazu holen, kann ich nicht beurteilen. Es gibt ja einige gute Bücher zu dem Thema, auch ein paar Stunden in einer Erziehungsberatungsstelle gemeinsam können hilfreich sein.
Ich glaube, Sie versuchen, eine perfekte Mutter zu sein. Das ist nicht nötig und auch nicht erreichbar. Eine Mutter, die “gut genug” ist, reicht völlig aus.
Danke für Ihren Kommentar.
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(2 Kommentare) wrote:
.…ich (35) habe meine tochter (9), als sie ca. 5jährig war, einige male stark verhauen.…vielleicht sogar misshandelt. ich hatte eine schwere phase und fand in vielen kleinigkeiten “ihre schuld”. paradox an der ganzen sache ist, dass ich sie abgöttisch liebe und ihr alles ermögliche, was mir niemals gegeben wurde. ich nehme sie sehr ernst und gebe ihr sehr viel von meiner zeit und von mir.
ich holte mir damals hilfe und kam aus diesem teufelskreis raus.
heute aber merke ich, dass der teufelskreis teilweise immer noch in ihr ist.….und manchmal auch in mir.
ich werde ihr gegenüber nicht mehr handgreiflich — bin ich nach jener phase von einigen monaten nicht mehr geworden. aber ich bin oft jähzornig. dieser zorn hat “eigentlich” wenig mit ihr zu tun. es ist eher die “unzufriedenheit” die sie öfters zeigen kann und vor allem uns eltern gegenüber. ihr kleiner bruder (5) macht dies schon sehr gekonnt nach. wir verbringen viel zeit mit unseren kinder und unternehmen praktisch nur “kindergerechte” aktivitäten. wir richten unsere freizeit und die der kinder nur nach ihnen und ihren vorstellungen. auch materiell würde ich sagen haben sie nicht wenig — und doch zeigt sich oft eine unzufriedenheit. solche situationen bringen mich dann wieder zum beben — und die angst in meiner tochter wächst in solchen momenten ins unermessliche.
gut ist einzig, dass ich “offen” mit ihr darüber reden kann und dass sie mir doch sagt, was sie bedrückt. mein problem ist, dass ich gar nicht weiss, WIE gegen das anzugehen ist und was ich tun kann um unser verhältnis wirklich wieder ganz zu kitten und ihr die angst zu nehmen. ebenso merke ich, dass sie teilweise ein schwaches selbstwertgefühl hat — und dieser gedanke macht mich rasend! denn ich will sie stark sehen.…denn sie ist ein tolles und so gutes mädchen. und dann zittert es in mir weil ich befürchte, weil ich weiss, dass ICH an dieser situation schuld habe und ich keine ahnung habe, wie aus diesem teufelskreis hinauszukommen…
welche folgen hat es als kind geschlagen worden zu sein.…keine guten und das sehe ich an meiner 9jährigen tochter und stehe als täter, opfer, schuldige und verantwortliche ihr jeden tag gegenüber und versuche, mit viel liebe und zeit alles vergessen zu machen. ob ich das jemals schaffe weiss ich nicht und zweifle ich stark. ohne hilfe werden wir das wohl kaum schaffen.…aber welche hilfe ist die richtige hilfe für mich, sie, uns?
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,
da ich kein Profi bin in diesen Sachen, kann ich hier auch nur meine Meinung und meine Erfahrungen einbringen. Ich glaube allerdings nicht, dass das wie oft, wie sehr oder andere Dimensionen, wirklich den großen Unterschied machen. Meine 5 Geschwister sind mehr oder weniger dem gleichen Umfeld ausgesetzt gewesen und doch verarbeiten und erleben wir die Vergangenheit alle anders.
Du hast recht– für Missbrauch gibt es kein Messinstrument und es gibt auch kein 0815 Rezept das bei allen gleich funktioniert. Was aber Grundlage für jede Veränderung ist, ist der Wille dazu und ein Ziel, das man vor Augen hat. Bei mir war eines der konkreten Ziele: nicht mehr der Sündenbock für alle Welt zu sein. Noch eines: Was ich tue tue ich, weil ich es will und ich davon überzeugt bin. Das betrifft sowohl meinen Körper als auch meine soziale Struktur.
Ich wünsch Dir , dass du den Weg zu Dir selber findest und an den Punkt kommst, wo Du in Dir eine Heimat gefunden hast, einen Ort, an dem Dich keiner mehr verletzen kann.
Grüße von Heidi
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(24 Kommentare) wrote:
Ich noch mal… ich glaube, in wie weit die Seele gesundet, hängt davon ab, wie viel, wie oft, wie sehr man geschlagen worden ist, ob es noch andere Straftaten gab, die an einem begangen worden sind, ob es nur ein Elternteil war oder beide und wie die eigene Persönlichkeit gestrickt ist, ob man also ein eher introvertierter oder eher extrovertierter Typ ist.
Kurz zusammengefasst: Man kann nicht alle Missbrauchsopfer über einen Kamm scheren, weil wir nicht alle gleich sind und weil das Erlebte nicht gleich war.
Ich kann nur für mich sprechen, wenn ich sage, wenn ich “nur” geschlagen worden wäre, dann hätte ich sicher schon längst mit meiner Vergangenheit abgeschlossen, aber so war es “leider” nicht.
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Roland,
ein großes Lob an Sie– woher nehmen Sie sich die Zeit, auf all die Kommentare zu antworten? Echt klasse. Muss mir das merken für mein eigenes Blog(wenn ich es denn mal schaffe, es online zu bringen.….)
Grüße von Heidi
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,
heute Morgen sind mir Deine Kommentare so durch den Kopf gegangen. Ich habe mich dabei gefragt, ob Deine TS nicht eine Art der Flucht aus der Realität sein könnte. Bei mir hat sich das in der Vergangenheit immer so ausgewirkt, dass ich mich räumlich und beziehungsmäßig verändert habe und immer gehofft habe, dass es wo anders besser wird. Es ist nicht besser geworden durch das Davonlaufen. Auch die Ehe, von der ich mir “Heilung und Liebe und Sicherheit ” versprochen habe, hat mir das nicht gegeben, wonach ich gesucht habe.
Heilung hat erst damit angefangen, dass ich in mir selbst angefangen habe, Veränderung zu suchen. Genau hat das mit der bewußten Veränderung der Gedanken angefangen. Das erste Kapitel, das ich aufgearbeitet habe war die dauernd anwesende Schuld und das immerwärende schlechte Gewissen. Ich habe mich hinterfragt: Ist es wirklich wahr, dass ich dafür die Verantwortung übernehmen mus? Íst es meine Schuld? Und immer öfter kam ich zur Erkenntnis, dass ich nicht schuld war– es war lediglich die Tatsache, dass ich die Erwartungen meines Gegenüber nicht erfüllt habe und ihm/ihr erlaubt habe, mich schlecht dafür zu fühlen. Heute scheint mir dieses Verhalten so absud– und doch war es damls meine Realität.
Vielleicht ist es auch für Dich an der Zeit, in die Zukunft zu schauen und die Vergangenheit hinter Dir zu lassen. Du hast das durchwühlt was war– jetzt heißt es weiter gehen. Und ich empfehle Dir, auh im Hinblick auf Dein neues Leben als Mann: Komm mit dir selbst ins Reine– das Mann sein wird Deine Schuldprobleme und Deine Minderwertigkeit nicht lösen. Wenn du als Mann glücklich sein willst, musst Du das heute schon lernen. Mit der körperlichen Veränderung wird nicht automatisch die Heilung der Seele kommen. Lass Dich davon nicht blenden. Das nur als wohlgemeinter Tip. Ich weiß nicht ob es Dir hilft– ich hätte vor eineigen Jahren mit solch einem Komentar vielleicht auch so meine Problemem gehabt.
Darf ich Dir ein altes Buch empfehlen? Es ist von Maxwell Malz und heißt:
“So können Sie werden, wie Sie sein möchten. Methoden der Selbstbildpsychologie.“
Auf Deutsch habe ich es nicht gelesen– aber im Original ist das ein sehr interesantes Buch, das mir persönlich auch in vielen Dingen die Augen geöffnet hat. Das Buch gibt es bei Amazon schon unter 2 Euro.
Du darfst mir gerne widersprechen.…
Liebe Grüße aus Schwaben
Heidi
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi,
ich unterstütze Ihren Appell an die Selbstveranwortung ausdrücklich. Egal, was jemand Schlimmes in der Kindheit oder später erlebt hat, er muss sich selbst darum kümmern, aus diesem Tal herauszukommen.
Psychotherapie ist meist der beste Weg. Die unter dem Eindruck schlimmer Erlebnisse getroffenen Überzeugungen und Verhaltensentscheidungen wirken ein Leben lang fort, wenn man sie a) nicht erkennt und b) nicht bearbeitet und verändert. Dieser Weg ist lang und zuweilen steinig. Aber die Alternativen sind verlängertes Leid.
Danke für Ihren Kommentar.
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(33 Kommentare) wrote:
Hallo Peter,
auf Deine frage , warum diese Erlebnisse in der Kindheit zu Persönlichkeitsstörungen führen, kann ich nicht wissenschaftlich beantworten.
Allerdings hat sich bei mir eine Fressucht entwickelt als Ersatz für die Liebe, nach der ich (anfänglich nicht bewußt) gehungert habe. Es geht auch darum, etwas zu fühlen– bei mir war es ein voller Bauch und ein paar Minuten ein Satt– Sein-Gefühl. Dieses Verhalten habe ich bis heute nicht wirklich abgelegt– sehr wohl aber die Schuld, die sich damit verbunden hatte. Und ich bin davon überzeugt, dass ich auch das noch schaffen werde.
Der Selbstwert eines Menschen, der so gedemütigt wurde, kann nicht stark sein. Wer sein Leben lang Schuldgefühle eingeredet bekommt, wird sich nie frei bewegen und äußern können. Vielleicht ist es mit der Zeit eine Schutzhaltung. Wir haben gelernt, dass es besser so ist Wenn wir das nicht ganz bewußt umprogrammieren, weil wir erkannt haben, dass dieses Verhalten, das wir aus der Kindheit mitgebracht haben– und das damals auch durchaus Sinn machte– heute keinen Sinn mehr macht, werden wir auch mit 102 Jahren noch so reagieren.
Glücklicher weise kann ich sagen, dass bei mir die Psychologie kein Schindluder getrieben hat.
Und auch an alle Anderen:
Die Therapie war für mich der Anfang, das hat mich aus der Depression herausgeholt. Aber auch nach der Therapie habe ich nicht aufgehört, weiter zu machen, Bücher zu lesen und Audios zu hören. Jeden Tag nehme ich mir Zeit für mich selbst und dafür, etwas über mich und mein Leben zu lernen.(übrigeds finde ich Selbsthypnose ein sehr effektives Werkzeug)
Ich finde es auch ganz wichtig, irgendwann die Vergangenheit und die Frage nach der Schuld hinter sich zu lassen. Wir sind inzwischen erwachsene Menschen und dürfen selbst entscheiden, wie wir fühlen, denken und handeln. Wir sind für unser Leben selbst verantwortlich und auch dafür, dass es uns gut geht. Immer wieder treffe ich auch bei meiner Arbeit in der häuslichen Pflege auf Menschen, die es nie gelernt haben, für sich und ihre Entscheidungen Verantwortung zu übernehmen und dadurch sehr unleidig und unglücklich sind.
Sie warten immer noch darauf, dass ihre Mitmenschen ihre Erwartungen und Wünsche erfüllen– am Besten noch ohne dass sie danach fragen.
Wir haben keine Möglichkeit, die Vergangenheit zu ändern– und wir können auch die Zukunft nicht heute und jetzt leben. Was uns bleibt ist das Jetzt– und im Jetzt entscheide ich, was ich tue.
Meine Familie tut sich schwer damit, dass ich nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen bin und mich ernst nehme– auch wenn das ihren Wünschen entgegensteht.
Es lohnt sich auf jeden Fall, weiter zu machen, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und sich selbst so wichtig zu nehmen, wie es kein anderer tut.
Übrigens muss jeder Mensch selbst da raus kommen– das kann kein anderer für ihn tun– und ich denke, jeder merkt selbst, wann der Zeitpunkt für ihn gekommen ist, etwas zu unternehmen.
Grüße aus Schwaben
Heidi
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(8 Kommentare) wrote:
Ich kenne einen Betroffenen, der in seiner Kindheit selbst Gewalt erlebt hat. Dass er davon keine Schäden davon getragen hat, kann man nicht behaupten.
Ich glaube an Gott und die Bibel, und kenne den oben zitierten Vers aus den Sprüchen sehr gut. Wie viele andere bin auch ich davon überzeugt, dass die Bibel Gottes Wort ist, auch wenn sie von “Menschenhand” geschrieben wurde. Dass “(…) ein paar Hiebe werden ihn nicht umbringen” allerdings ein Übersetzungsfehler ist, hat man längst herausgefunden.
Gesetzlichkeit unter Christen, mit der Aggressionen gerechtfertigt werden, halte ich für falsch und gefährlich. Noch vor nicht allzu langer Zeit lagen religiöse Fanatiker in dem irrtümlichen Glauben, dass sie mit ihren Heiligen Kreuzzügen im Namen Gottes handeln und das richtige taten. Auch lagen Ehemänner in dem Glauben, dass sie Bibel-gemäß handelten, wenn sie ihre Frau schlugen. Angesichts der Entgleisung unserer heutigen Gesellschaft, der Zunahme von Gewalt und Kriminalität unter Jugendlichen lässt sich über die Notwendigkeit radikalerer Erziehungsmaßnahmen sicherlich diskutieren.
Trotzdem stelle ich mir die Frage, in welchem Zusammenhang Selbstverstümmelung (Borderline-Syndrom), Essstörungen, Selbst-Hass, unerklärbare Angst vor Menschen, Schüchternheit und Identitätskrisen zu in der Kindheit erlebter Gewalt stehen? Das unbeschreibliche Gefühl tiefer Demütigung, der unerklärbare Selbsthass Betroffener, die unerklärbare Überzeugung, minderwertig zu sein — was sie zu der Annahme bringt, sie haben es Verdient, Gewalt zu erfahren.
Mir ist bewusst, dass mit der modernen Psychologie heutzutage auch Schindluder betrieben wird, wobei, wie bereits erwähnt, vermeintlichen Opfern Erlebnisse suggeriert werden, die sie nie hatten. Solche vermeintlichen Opfer kenne ich persönlich. Dass Christen zur Schwarz-Weiß-Malerei tendieren, ist mir ebenfalls sehr bekannt. Schwarz-Malerei ist jedoch nicht immer die Lösung, und wer mit offenen statt weltfremden Augen durch die Welt geht, wird das selbst sehr schnell feststellen.
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Selina,
Sie können Ihrem Freund wahrscheinlich nicht viel helfen. Denn was Sie als sichtbare Folgen beschreiben (Fingernägel, Selbstbewusstsein) sind sicher nur einige der spuren, die diese Erlebnisse in der Kindheit hinterlassen haben.
Dass Ihr Freund eine Therapie bis jetzt ablehnt, kann ich gut verstehen. Andererseits, was ist die Alternative. Aber wenn Sie miteinander eine liebevolle Beziehung haben, hilft das auch schon.
Man kann jemandem nur helfen, wenn dieser um Hilfe nachsucht. Dieser Punkt scheint bis jetzt bei Ihrem Freund noch nicht erreicht zu sein.
Danke für Ihren Kommentar.
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(1 Kommentar) wrote:
Hallo Zusammen,
ich bin nun seit 3 Jahren mit meinem Freund zusammen und wohne mit ihm bei seinem Opa. Ich will ihm so gerne helfen und weiß nicht wie.
Er ist als Kind vom Siefvater geschlagen worden. Extra vorher in den Keller gebracht worden damit ihn keiner schreien hört. Wirkliche Gründe gab es dafür nie. Hat er Ferngesehen war es falsch, es bar scheinbar seine blose Anwesenheit. Seine Mutter wurde auch verprügelt und er musste das mir ansehen. Ein Jahr lang hat der Siefvater es geschaft in ein Internat abzuschieben aber dann ging alles wieder von vorne los.
Ich habe hier gelesen, das es wichtig ist wie das alles endete. Er konnte nie Opa und Oma anrufen weil das Telefonkabel immer versteckt wurde wenn dieser Mann aus dem Haus ging. Doch einmal schaffte er es. Sein opa hat ihn da raugeholt und nicht mehr zurück geholt, da war er vielleicht 8 jahre alt. Seine Mutter blieb bei ihrem Mann des Hauses und der jüngeren Tochter wegen. Als mein Freund 16 war starb auch noch seine Oma.
Heute haben wir eine sehr liebevolle Beziehung und ich möchte Ihm so gerne helfen das zu verarbeiten, weil ich weiß das er immer noch darunter leidet. Er kaut an seinen Fingernägeln und ist sehr eifersüchtig. Er hat auch nicht umbedigt das was ich als gesundes Selbstbewusstsein bezeichnen würde.
Wie kann ich ihm helfen?
So etwas wie eine Therapie kommt für ihn nicht in Frage und er pricht auch nicht gerne darüber. Alles was ich weiß hat mir sein Opa erzählt.
Vielen Dank für euere Tipps
PS: Das Jugendamt hat bis heute nichts gegen diesen Mann unternommen. Sie haben nicht einmal die Umstände für die jüngere Schwester(die wurde vom Vater wie eine Prinzessin behandelt) kontrolliert.
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(10 Kommentare) wrote:
Hallo Herr Kopp-Wichmann,
vielen Dank, die Seiten kenne ich schon, bin auch in Kontakt mit meiner Hausärztin diesbezüglich, also es tut sich was.
Mit meinem Beitrag wollte ich auch zum Thema beitragen. Ich habe all die Jahre geglaubt, ich sei “heile” aus meiner Kindheit rausgekommen, auch weil ich nie aufgehört habe, mich damit zu beschäftigen. In dem Buch “Worte, die wie Schläge sind” (mein Mann ist nicht körperlich gewalttätig) wird von Realität I und Realität II gesprochen. Ganz offensichtlich habe ich es durch andere Personen in meinem Umfeld geschafft, in die Realität II zu kommen (mein Mann leider nicht, was Gespräche mit ihm unmöglich macht, da er in einer anderen Welt lebt). ABER: Ich bin offensichtlich nicht so heile daraus gekommen, wie ich immer dachte. Nun bin ich fast 48 Jahre alt und erkenne es erst heute!
Vielleicht können die Skeptiker dieses Themas etwas mit dieser/meiner Erfahrung anfangen.
LG Sabine
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Sabine,
hier sind zwei gute Therapeutensuchmaschinen:
http://www.psychotherapiesuche.de
http://www.therapie.de
Viel Erfolg!
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(10 Kommentare) wrote:
Vielen Dank Herr Kopp-Wichmann,
ich werde mir Ihren Rat zu Herzen nehmen. Auf dem Land ist die Therapie-Auswahl nicht sehr groß, aber ich bin bemüht, weil es so einfach nicht weitergeht.
LG Sabine
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(24 Kommentare) wrote:
Hallo Roland,
Danke für Ihre Antwort.
Therapien hatte ich aus meiner Sicht schon reichlich… angefangen vor 13 Jahren nach einem Nervenzusammenbruch eine stationare Therapie von 3 Monaten in einer Klinik für Psychiatrie und Psychosomatik (damals wusste ich allerdings noch nichts von meiner TS (Transsexualität)), danach 1 Monat Tagesklinik, wo ich eigentlich nur war, um die Gruppe aufzumischen.
Vor 11 Jahren dann noch mal eine ambulante Therapie bei einer Therapeutin, die inzwischen von hier weggezogen ist und mich 3 Jahre lang kostenfrei behandelt hat, weil sie keine kassenärztliche Zulassung hatte, ich aber nach der Geburt meines Kindes dringend eine brauchte und sie geeignet erschien. Ich weiß nicht genau, ob die Therapie bei ihr eine Psychoanalyse war, wir haben zwar jeden “Stein” meiner Vergangenheit umgedreht und eine “Aussöhnung mit meinem inneren Kind” gemacht, aber für meine TS war sie ebenso blind wie alle anderen zuvor und hat jegliche Gedanken meinerseits in diese Richtung sofort verworfen. Sie hat versucht aus mir eine “Frau” zu kreieren, die ich nie war. — So wurde ich in meiner Entwicklung zwar therapiert, aber auch gleichzeitig behindert. — Leider habe ich über diese Therapie, wohl auch weil sie mir kein Geld abgeknöpft hat, keinerlei Dokumente.
Ich merke zwar schon, dass es mal wieder an der Zeit für eine Therapie sein könnte… aber ich wohne im “therapeutischen Niemandsland”. Nicht, dass es hier keine Therapeuten gäbe, aber niemand, der sich mit TS auskennt. Vor 4 Jahren habe ich 20 Therapeuten und Psychiater angerufen (wegen meiner TS) und die Standardfrage war: “Sie sind trans-was?” An meinen jetzigen Psychiater bin ich über “5 Ecken” gekommen und auch er hat seine Praxis für mich so weit weg, dass es für mich nicht leicht ist, hinzukommen. Ich habe zwar ein Auto, aber ich kann nur noch kurze Strecken fahren, weil ich mich nicht länger konzentrieren kann. Wenn ich es schaffe, lass ich mich von meinem Partner hinkutschieren, was mich aber wiederum von ihm abhängig macht…
Auch ich lese gerade das Buch, welches Carmen empfahl… und es lässt mich nur noch tiefer sinken. Es hilft mir nicht wirklich. Genauso wenig, wie mir der Kontaktabbruch zu meinen Eltern hilft. Seit über einem Jahr haben wir keinen direkten Kontakt und ich leide immer noch darunter. Das anfängliche Gefühl von Freiheit ist gar nicht mehr vorhanden. Stattdessen fühle ich mich schlecht, traurig und denke oft genug, dass wenn ich weniger empfindlich wäre, sich vielleicht ein Kontakt herstellen ließe.
Manchmal frage ich mich, ob dieser Schmerz, diese Gehirnwäsche, die meine Eltern mir verpasst haben, jemals aufhört…
Heute habe ich mir eine Kauschiene von meinem Zahnarzt abgeholt, weil ich mit den Zähnen knirsche und sie damit kaputt mache…
Dabei haben wir über meine Schlafapnoe gesprochen und er riet mir, das nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Ach ich hab das schon seit mindestens 10 Jahren… wie so vieles andere, ich will jetzt nicht rumheulen, sonst sagt meine Kumpelfreundin wieder, ich sei kein richtiger Mann…
Das alles ist nur die Spitze des Eisberges. Ich gäbe sicher einen guten Probanten für Medizinstudenten ab…
Und doch jammere ich rum und dies ist sicher der falsche Ort dafür. Tut mir leid.
Lg Kurti
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Sabine,
meine Antwort auf Ihre Fragen lautet zusammengenommen: wir wiederholen ungelöste Konflikte aus der Kindheit unbewusst im Erwachsenenleben. Warum das so ist, ob als Versuch der Heilung oder eben als Wiederholung dessen, was man eben am besten kennt, ist schwer zu beantworten.
Dass Sie eine Therapie begonnen haben, ist gut, wichtig — und höchste Zeit. Aus solchen Verstrickungen — äußeren wie inneren — kann man sich nicht allein befreien. Sie schreiben, dass Sie noch in den ersten Probesitzungen sind. Mein Rat dazu: schauen Sie sich noch ein oder zwei andere Therapeuten an. Unbedingt auch jemand mit einem tiefenpsychologischen Schwerpunkt. Eventuell auch einen Psychoanalytiker.
Der Grund: eine Veränderung von kindlichen Beziehungserfahrungen läuft nicht über den Verstand. Es braucht eine gefühlsmäßige Beteiligung. Prüfen Sie, ob Ihre Therapeutin darauf Wert legt und ob auch Sie gefühlsmäßig ihr/ihm vertrauen und sich fallen lassen können.
Danke für Ihren Kommentar.
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(10 Kommentare) wrote:
Bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, weil ich zur Zeit darüber nachdenke, was meine Kindheit durch Schläge (Mutter mit Gegenständen, Bedrohung durch mit Brotmesser, Vater mit der Hand) in mir angerichtet hat.
Ich habe es nie verdrängt, mich immer damit auseinandergesetzt, habe von Wut bis Erklärung, von Kindheitserfahrungen meiner Eltern (Mutter Flüchtlingskind, Eltern im Krieg umgekommen, aufgewachsen bei Pflegeeltern) alle möglichen Phasen durch. Nie verstanden habe ich, warum ich meinen Vater bis heute “als nicht soooo schlimm” bewerte.
Ich habe wohl bei meinem Vater eine gewisse Hilflosigkeit gespürt. Ich habe hier gelesen, dass es “Schlagen im Auftrag” gibt. Ich denke, mein Vater hat es machen “müssen”, weil meine Mutter es indirekt gefordert hat. Weil ihre Kochlöffel nicht “geholfen” haben. Nun denn, wieder ein Stück weit mehr verstanden.
Mein Problem heute: Ich bin 47 Jahre alt und seit 15 Jahren mit einem Mann verheiratet, der an der narzisstischen Persönlichkeitsstörung “leidet”. Ich weiss es seit einem Jahr. Die vielen Katastrophen, die sich seit mehr als 1,5 Jahren in meiner Ehe abspielen, würden ein Buch füllen.
Ich stelle mir die Fragen:
Warum habe ich es nie bemerkt?
Warum bin ich mit diesem Mann zusammengekommen?
Warum kriege ich den Knoten nicht gelöst?
Warum kann ich nicht loslassen?
Kämpfe ich meinen Kindheitskampf, der Wunsch nach Reue, Wiedergutmachung, den ich mit meinen Eltern bis heute nicht klären konnte?
Ich habe vor 2 Wochen eine Therapie begonnen. Es ist eine Verhaltenstherapie, bin aber noch in den Vorgesprächen.
Ich glaube, mein Mann und ich, wir sind beide Opfer unserer Kindheit geworden.
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Kurti,
Sie schreiben: “Die Narben auf meiner Seele sind dick, die Verletzungen metertief. …Und irgendwie stehe ich dann doch irgendwann wieder auf und kämpfe… bleibt mir ja auch nichts anderes übrig.”
Solche schweren Traumata kann man nicht allein bewältigen. Falls Sie den Schritt noch nicht getan haben, empfehlen ich Ihnen dringend eine gute Psychotherapie. Sie müssen das nicht mehr allein durchkämpfen. Das tun Sie, glaube ich, schon viel zu lange. Und alle drei Wochen zwanzig Minuten sind besser als nichts, aber in Ihrem Fall wohl viel zu wenig. Haben Sie schon mal eine Psychoanalyse erwogen? Das ist, wenn man auf jemand Gutes trifft, mit die beste und intensivste Methode, etwas aufzuarbeiten.
Danke für Ihre Kommentare.
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(24 Kommentare) wrote:
Ich noch Mal… hab mir jetzt erst Mal drei Bücher gekauft und werde wieder weiter an mir arbeiten, wie schon in den letzten 13 Jahren.
Als ich anfing, an mir selbst zu arbeiten, hatte ich gerade einen Nervenzusammenbruch gehabt und war kurz danach für drei Monate in eine Klinik gegangen, weil nichts mehr ging.
Danach fühlte ich mich zwar schon besser, aber lange gehalten hat der Therapieerfolg nicht.
Auch die Therapien, die ich in den Jahren danach machte, halfen immer nur kurzfristig. Bei mir kommt halt schon mit Autismus und Transsexualität einiges zusammen, da ist es scheinbar mit ein paar Therapien nicht getan.
Wegen der Transsexualität “musste” ich zum Psychiater (ohne den kriegt man keine Hormone, keine Vornamensänderung und keine OPs) und bin inzwischen schon länger dort, als ich müsste. Es sind zwar nur alle drei Wochen 15 bis 20 Minuten Redezeit, aber auch das bringt mich schon weiter.
Tja und wenn ich dann mal wieder so ein Tief durchschritten habe, krämpel ich halt wieder die Ärmel hoch und arbeite an mir.
Es wird weiter gehen… wenngleich ich das Kämpfen und die Arbeit an mir oft leid bin. Ein Zitat aus einem meiner Lieblingsfilme begleitet mich derzeit… “Ich habe immer die Wahl, ich kann Opfer oder Freiwilliger sein. Ich werde Freiwilliger!” — Ich glaube, das ist ein guter erster Schritt, um aus meiner Opferhaltung heraus zu kommen.
Ich war immer Opfer, ich hab nie gelernt, da raus zu kommen. Aber ich möchte da raus, ich will kein Opfer mehr sein! Ich hab das so satt!
Wenn es niemanden stört, kann ich ja ab und zu berichten, wie es mir weiter ergeht.
Lg Kurti
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Heidi,
meine Bewunderung und Anerkennung, dass Sie bei dieser schwierigen Vergangenheit soviel Bewusstheit und Kraft aufgebracht haben, mit ihrem Sohn nicht dasselbe zu wiederholen, sondern ihm das zu geben, was Sie selbst wohl zu wenig bekommen haben.
Zu der Bibeldiskussion: das Christentum wie der Islam sind ja patriarchalische Systeme. das heißt, ein großer mächtiger Vater bestimmt, wo’s langgeht. (Es gibt andere Religionen, Buddhismus zum Beispiel, wo das nicht so ist). Da die meisten Länder patriachalischen Ideen nachfolgen, ist es kein Wunder, dass dann als Legitimation die “heilige Schrift” zur Argumentation herangezogen wird.
Das wird sich auch nicht ändern, solange solche Religionen durch irdische Stellvertreter symbolisiert werden, die sich eben auch wieder als Patriarchen aufführen. Damit sich das ändert, bräuchte es zum Beispiel einen anderen Papst. Zumm Beispiel: schwarz, weiblich — und lesbisch.
Danke für Ihren Kommentar.
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(33 Kommentare) wrote:
Über “Das Abenteuer Leben” bin ich auf diesen Blog gestoßen und hier gelandet. Auch ich bin als Kind regelmäßig geschlagen worden– und ich weiß, es war nicht, um mir Grenzen aufzuzeigen, sondern es war die Unfähigkeit meiner Eltern, ihre eigenen Schwächen im Griff zu haben und die absolute Überforderung, mit 6 Kindern,die wie die Orgelpfeifen kamen.
Die Rechtfertigung für die Prügel( mit Haselnussruten, wenn es besonders wirksam sin sollte , auf den nackten Hintern…) wurde in den zitierten Bibelversen gefunden. Diese strenge religiöse Vorstellung hat die Liebe zugeschüttet und aus meinen Eltern, speziell aus meiner Muter, einen gewalttätigen Menschen gemacht. Wenn ich sehe, wie sie mit Ihren Enkelkindern umgeht, kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, dass das die selbe Frau ist– so voller Liebe und Zärtlichkeit.
Heute habe ich selbst zwei Kinder. Ich hatte mir ganz fest vorgenommen, meine Kinder nie zu schlagen, und bin damit erfolgreich. Nein, meine Kinder sind keine Engel, mein Sohn ist oft jähzornig und schlägt mich, wenn er seinen Willen nicht bekommt– da kostet es manchmal schon viel Selbstbeherrschung.….Und ich kann sagen– es wird einfacher mit ihm.
Vor ca. 5 Jahren war ich so sehr mit den Kindern und deren Trotz überfordert, dass sich eine schwere Depression den Weg bahnte– aber selbst in diese schweren Zeit konnte ich mich an mein Vorhaben halten. Die Lösung bestand darin, mich zu verändern und selbst gesund zu werden. Es war ein langer harter Weg, aber heute würde ich sagen: ich bin geheilt.
Ich finde, Kinder sind vollwertige Menschen und sie dürfen genauso wenig geschlagen werden, wie Erwachsene. Übrigens haben viele Kinder ein “angemesseneres, erwachseneres” Verhalten, wie viele Erwachsene, die von sich behaupten, ihre Kinder züchtigen zu müssen, weil sie ihre Grenzen nicht kennen. Wenn es nach diesen Maßstäben ginge, wäre mancher 10Jährige erwachsen und viele 70Jährige noch im Trotzalter oder zumindest in der Pubertät.
Noch ein paar Sätze zum christlichen Glauben: Als Kind habe ich mich so sehr nach der Liebe Gottes, des Vaters gesehnt, da ich sie zu Hause in der realen Welt nicht gespürt habe. In der Zeit vor dem Zusammenbruch habe ich erkannt, dass es nicht Vaterliebe ist, die ich möchte– diese war nämlich Gewalt und Züchtigung.( Hat schon mal jemand versucht, besonnen zuzuschlagen? Liebe zu spüren, zu überlegen ob Schläge jetzt sinnvoll sind,sich dafür zu entscheiden und dann ganz bewusst zu schlagen? Wer das kann, dem traue ich keine wahre Liebe zu.…..denn er verletzt ganz bewusst.)
Der Glaube an Gott ist für mich immer noch mit Unberechenbarkeit verbunden. Jeder findet eine Rechtfertigung für sein Verhalten in der Bibel, wenn er den richtigen Vers dazu findet. Schade, dass sich immer noch viele christliche Eltern gegen die Liebe wehren, die durch den hlg geist in Ihren Herzen wohnen sollte.… ich denke , unsere Welt und die Welt unserer Kinder wäre sonniger.…
LG Heidi
Übrigens– von Kurti geklaut: “Wer meine Eltern kennen lernt, hält sie für die nettesten Menschen.”
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Carmen,
danke für den Buchtipp. Ich kenne das Buch und finde es gut und hilfreich.
In meinen Seminaren und Coaching sind auch immer wieder Menschen, die von Schlägen berichten und es damit begründen wollen, dass es ihnen nicht geschadet hat, dass es verdient war …
Diese Argumente kommen aus der “Identifikation mit dem Aggressor”. Um das eigene Leid nicht zu spüren, verbündet man sich innerlich mit dem Täter, heißt seine Handlungen gut. Es ist ein psychischer Abwehrmechanismus, der bei Menschen mit Gewlaterfahrung sehr häufig ist.
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(1 Kommentar) wrote:
Lieber Roland,
danke für Ihren, in jedem Punkt zutreffenden Bericht.
Das schlimmste ist das Gefühl von Demütigung und der lebenslange Vertrauensverlust.
Menschen, wie diesem Charly und allen anderen Bibelfetischisten möchte ich nur sagen, dass sie scheinbar nicht mitbekommen haben, dass die alten Regeln durch das Erscheinen Jesu (zu finden im Neuen Testament) von “Auge um Auge” in “Liebe Deinen Nächsten” geändert wurden. Ansonsten empfinde ich den Mißbrauch der heiligen Schrift in diesem Blog als persönlichen Schlag ins Gesicht. (Wie passend…)
Allen anderen kann ich nur ein Buch empfehlen, welches Türen und Tore öffnet: “Vergiftete Kindheit: Vom Mißbrauch elterlicher Macht und seinen Folgen” von Susan Forward und Annette Charpentier. Kostet nur 8 Euro man kann sich viele Rezensionen bei Amazon durchlesen, um zu begreifen, dass es auch DICH betrifft.
Das Buch beginnt mit folgendem Zitat eines Patienten:
Gordon 46 Jahre:
Ja, na klar hat mein Vater mich öfters geschlagen, aber doch nur um mich zum Gehorsam zu bringen. Was das mit meiner kaputten Ehe zu tun haben soll, verstehe ich nicht.
Wer es bis jetzt noch nicht wahrhaben will oder immer noch verharmlost, dem werden ganze Lichterketten aufgehen.
Alles Liebe
Carmen
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(24 Kommentare) wrote:
Hallo,
mit Tränen in den Augen habe ich ihren Bericht gelesen.
Mein Vater hat mich als Kind mit einem Kochlöffel geschlagen. An ein Mal erinnere ich mich so genau, als wenn es erst gestern geschehen wäre, aber es war wohl öfter, denn ein Kochlöffel ging dabei zu Bruch. Und vor ein paar Jahren hat er behauptet, ich hätte als Kind nicht genug Schläge bekommen, nachdem ich meinen Eltern einen “Wutbrief” geschrieben hatte.
Ich bin 39 Jahre alt, Autist und transsexuell (Frau zu Mann). Ich habe seit 31 Jahren schwere Depressionen und Angstzustände. Meine Eltern haben mich zudem noch emotional vernachlässigt und emotional missbraucht. Sie haben alles, was sie mir angetan haben immer geleugnet, mich als dumm dargestellt und bis zum Kontaktabbruch vor über einem Jahr mit ihrem Missbrauch auch nicht aufgehört. Da konnte ich nicht mehr, da wollte ich mir nicht mehr wehtun lassen. Zu ihrem einzigen Enkelkind erlaube ich den Kontakt, aber mehr als 1–2 Mal im Jahr machen sie nichts mit ihm.
Ich habe mit meinem Partner (ebenfalls transsexuell, aber Mann zu Frau und noch nicht geoutet) ein Kind (11 Jahre), welches ebenfalls autistisch (nicht so extrem wie ich) ist. Die Erziehung war nicht leicht, vor allem, weil wir null Unterstützung aus den eigenen Familien hatten. Ich war oft am Ende meiner Kraft und auch mir ist die Hand hin und wieder mal ausgerutscht, obwohl dies etwas war, was ich nie wollte, was mir passieren durfte. Und doch ist es passiert. Nicht oft, aber für meine Verhältnisse zu oft. Sicher habe ich mich bei meinem Kind entschuldigt, sicher habe ich mit ihm geredet, damit er auf keinen Fall sich die Schuld dafür gab und dennoch habe ich viel zwischen mir und meinem Kind kaputt gemacht. Ich schäme mich dafür, doch nicht besser als mein Vater gewesen zu sein. Seit 3 Jahren habe ich mich so weit im Griff, dass ich es nicht mehr mache.
Nachdem nun meine Angleichung an mein gefühltes Geschlecht (also männlich) voranschreitet, komme ich mehr und mehr zu mir selbst zurück… und ich entdecke mit Schrecken, dass mein Partner (Ehepartner) mich ebenso behandelt, wie es mein Vater getan hat. Er schlägt mich zwar nicht offensichtlich, aber er schlägt mich mit Worten, schreit, droht mir und überschreitet permanent meine Grenzen und die Grenzen unseres Kindes.
Ich müsste mit unserem Kind hier heraus, aber ich kann es noch nicht. Ich bin wie gelähmt, hilflos und voller Angst.
Manchmal denke ich, dass es besser wäre, zu sterben, anstatt sich noch weiter mit meinem Drecksleben zu quälen, aber ich habe ein Kind, sonst wäre es sicher schon längst vorbei. — Aber ich glaube, selbst dafür bin ich zu feige.
Mein Leben war bisher nur Kampf und auf die Fresse kriegen. Außer meinem Kind, aber das ist etwas anderes, liebt mich niemand um meiner Selbst Willen.
Ich möchte nur geliebt werden, ist das zu viel?
Die Narben auf meiner Seele sind dick, die Verletzungen metertief.
Heute ist Kinder zu schlagen übrigens strafbar, immerhin.
Und irgendwie stehe ich dann doch irgendwann wieder auf und kämpfe… bleibt mir ja auch nichts anderes übrig.
LG Kurti
PS: Wer übrigens meine Eltern kennen lernt, hält sie für die nettesten Menschen…
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Christine,
einige Tipps für die Arbeit mit der Mutter. Sie sollte untersuchen, inwieweit sie überlastet und überfordert ist und wenn dies mit ein Grund ist, dies zuerst bearbeiten und ändern.
In der konkreten Situation ist es wichtig zu lernen, automatische Reaktionen zu vermeiden. Wenn es geht, Abstand zum Kind halten, dreimal durchatmen und dann sagen oder tun, was angemessen ist.
Ich denke, gute Argumente braucht es nicht, die liegen ja auf der Hand. Wichtiger wäre zu klären, was genau die Frau so wütend oder hilflos macht, dass Sie zum Schlagen neigt.
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Hallo,
auch wenn die Diskussion schon älter ist, möchte ich etwas hinzufügen.
“Die Ärzte” haben in einem ihrer Songs gesungen:” Gewalt erzeugt Gegengewalt, hat man Dir das nicht erklärt?“
Als meine Tochter im Kindergarten war, war sie eines der wenigen Kinder, welches nie auch nur einen einzigen Klaps bekommen hatte. Ihr gegenüber standen Kinder, die schlugen, kratzten, bissen, etc. Sie wollte einfach nur spielen und fröhlich sein und konnte mit dieser Form der “Kommunikation” nichts anfangen. Zumindest hatte ich ihr beigebracht, niemals zurückzuschlagen und besser zu gehen.
Sie war und ist ein äußerst beliebtes Kind mit dem gerne gespielt wird und auf das sich andere verlassen können. Darüber bin ich sehr glücklich.
Die Raufbolzen aus dem Kindergarten sind heute Kinder, die sich auf dem Schulhof ständig prügeln. Im Kindergartenalter wurden sie von den Eltern “gezüchtigt” mit Klapsen oder Schlägen auf die Windel. Dadurch haben sie gelernt, dass diese Form der Züchtigung eine akzeptierte Verhaltensweise ist, wenn man nicht mehr weiterkommt. Und sie geben es weiter — Gewalt erzeugt Gegengewalt…
Meine Tochter geht jetzt in die 2.Klasse; einige ihrer MitschülerInnen haben die AG Selbstbehauptung belegt. Selbst denen hat sie widersprochen, als die ihr zeigen wollten, wie man einem Mann mit dem Ellbogen in den Magen schlagen soll, wenn man festgehalten wird. Sie versuchte die anderen zu überzeugen, lieber rechtzeitig wegzulaufen! Ich liebe sie dafür, auch wenn ich da wohl noch einiges geraderücken sollte…
Auf diese Diskussion bin ich gestoßen, weil ich beruflich mit einer Mutter zu tun habe, der bei ihrem Sohn (8 oder 9 Jahre alt) die Hand erstmalig ausgerutscht ist; es baute sich aber schon länger auf und war abzusehen. Nun suche ich Hilfe für sie. Nicht in Form einer Gruppe, o.ä., sondern in Form von guten Argumenten und Tipps, wie sie besser mit Situationen umgehen kann, in denen sie hilflos ist und wie sie das verbal aggressive Verhalten ihres Sohnes ändern könnte.
Wäre dankbar für gute Antworten!
Friedvolle Grüße, Christine
P.S.: Erschütternde Feststellung bei der Internetsuche: Gibt man bei Google ein:” Wenn Eltern Kinder schlagen”, so dreht Google das einfach um und zeigt hauptsächlich Artikel zum Thema “Aggressive Kinder”!
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Humanity,
Ihr Bericht ist erschütternd und macht mich wütend, wie Eltern ihrem Kind so etwas antun können. Ich freue mich für Sie, dass Sie dieser Hölle entkommen sind und die Kraft hatten, sich ein “normales” Leben aufzubauen. Das schaffen nicht viele, die so ein Schicksal wie Sie erlebt haben.
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Teil 2/2
Als ich 20 war und eine Freundin hatte, kam es zu einer größeren Eskalation. Es entstand eine Situation. dass ich auf der Uni war und meine Eltern mir meine Freundin verbieten wollten. Typischerweise wurde es immer schlimmer und normalerweise hätten wir Kinder gehorchen müssen und es hätte sich von alleine gelegt.
Doch diesmal war mir die Beziehung zu meiner Freundin wichtiger, weil ich sie liebte. Ich wollte sie nicht verlieren und meine Eltern wurden auch hier immer schlimmer und ausfallender.
Nach dem sie probierten, mir alles Mögliche einzureden, begannen sie mir zu drohen, mir Sachen weg zu nehmen. Das taten sie auch. Sie sorgten dafür, dass uns die Kirche aussonderte, weil wir ungehorsam waren (ich und die Freundin). Erzählten überall rum, dass meine Freundin, nur hinter meinem Geld her wäre und mir meine Zukunft versauen würde und schafften es, dass alle Verwandten + Kirche (wo ich sehr aktiv war und viele Freunde hatte dort) gegen uns waren.
Sie taten dasselbe, was sie eigentlich immer taten. Druck erhöhen. Sie enterbten mich, leerten mir die Konten und wollten mich “blank” dastehen lassen, um mir zu zeigen, dass es so passiert, wenn man nicht auf die Eltern hörte.
Schlussendlich stand ich zwischen der Wahl: Entweder meine Freundin (meine Liebe) und kein Geld, kein Eigentum mehr (ich besaß Grundstücke, Wohnungen und eine Eigentumswohnung) und keine Akzeptanz der Familie und der Kirche, oder ich entscheide mich gegen meine Freundin und mach alles rückgängig. (damit hätte ich mein Freundin als die Missetäterin dargestellt)
Als ich trotzdem nicht nachgeben wollte, wurden sie wieder gewalttätig. So schlimm wie damals war es noch nie, als es mit einem sofortigen Faustschlag anfing, der mir die Brille zerbrach und es mit Sessel, Nudelholz und der gleichen weiter ging, bis ich blau war. Mein Vater schlug auf mich ein, meine Mutter stand daneben und schrie und schimpfte mich aus. Beide waren vollkommen durchgedreht.
Als ich das merkte, wollte ich aufstehen und gehen, wurde aber am Hals gepackt (so als würde man jemanden würgen wollen),… darauf hin bekam ich auch Morddrohungen.
Für mich war das zu viel, … ich bin dann daraufhin ausgezogen (mit einer Tasche mit Kleidung und 70 Euro in der Tasche, ohne Job, ohne Wohnung)… die psychische Belastung war so groß, dass es mir oft auf der Straße schwarz vor den Augen kam. Hab in 2 Monaten über 14 kg abgenommen, als 20 jähriger. Kein Hunger, oft kein Durst… und keine Kraft.
Das Schlimme war: Keine Freunde, keine Kirche, keine Verwandte, keine Aussicht… auch nicht meine Brüder.
Nach dem Ausziehen (als meine Eltern in Rumänien waren) tat ich das heimlich, hab ich ihnen gesagt, dass es nun endgültig vorbei ist. Habe mir einen Job gefunden, hab mein Leben auf die Beine gestellt. Habe geheiratet, habe nun eine kleine Tochter (5 Monate) und wir sind eine glückliche Familie.
Mit den Eltern habe ich keinen Kontakt mehr, da sie immer noch dieselbe Einstellungen haben… ich habe ihnen gesagt, dass sie mich einfach in Frieden lassen sollen. Es gab aber bis dahin noch Telefongesprächen und auch einige Treffen, wo diese aber nichts Falsches in ihrem Verhalten sahen und nur mich und meine Frau beschuldigten. Schade eigentlich, aber so war das bei mir.
Ich merke, dass körperliche Gewalt etwas damit zu tun hat, dass manche Eltern es nicht besser wissen. Unfähig Gefühle zu zeigen, oder über Gefühle zu reden, anstatt diese solange zu aufzustauen, bis sie explodieren. Schlagen hat für mich etwas mit fehlender Kompetenz oder oft Intelligenz zu tun.
Seit wann soll schlagen, jemandem die Augen öffnen?
Und was die Bibelzitate betrifft, von den “Pro-Züchtigung”-Leuten. Sowas steht in der Bibel nicht drin. Im Rumänischen z.B.: steht etwas von “der Rute des Ausschimpfens”. Es ist mehr ein Sinnbild, als eine Tat selbst. Auch, Gott motiviert die Menschen zum Denken, nicht zum blinden Folgen. Vor allem im neuen Testament sieht man, dass der Heilige Geist, der die Christen beflügeln soll, nur Eigenschaften mit sich bringt wie: Liebe, Geduld, Freude, Frieden, Güte, Gutes tun, Barmherzigkeit etc. Das sind Eigenschaften, die uns helfen, besser mit den Mitmenschen um zu gehen. Schlagen gehört da zu den fleischlichen Lüsten. Es ist animalisch und primitiv. Es ist einfach nur der Verlust der Beherrschung, ein Wutausbruch.
Züchtigung durch Schlagen, macht kein Kind schlauer / weiser / vorsichtiger… es erzeugt nur Angst vor dem nächsten Schlagen. Das ist keine Erziehung, es ist Nötigung. Kinder sind auch Menschen und Kinder verstehen auch, man muss sich nur Zeit nehmen, diese zu verstehen.
Menschen, die so aggressiv reagieren sind auch keine Frauenversteher, führen bestimmt auch keine besonders leidenschaftliche Ehe und können ganz sicher ziemlich schlecht zuhören, oder tun sich schwer Gefühle zu zeigen. Wenn man einem Kind in die Augen schauen kann und ihm dann gleich eine runterhauen kann, dann fehlt einem das Verständnis für sein Gegenüber, für Menschen und das menschliche Leben. Man tut dem Gegenüber absichtlich weh und meint, man macht was Gutes. das stimmt nicht.
Auch Gott, hat das gelernt, was es heißt menschlich zu sein, deswegen kam Jesus zu uns. Ja, auch er hat daraus gelernt.
Jetzt war ich aber lang
mfg
humanity
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(7 Kommentare) wrote:
Hallo Herr Kopp-Wichmann,
ich bin so eben über ihren Blog gestoßen und muss zugeben, er gefällt mir sehr.
Als ich dieses Thema sah, hab ich auf Anhieb alles gelesen hier
Ich würde gern auch meine Erfahrungen zum Thema schildern.
Ich wuchs in einer rumänischen Familie auf als mittlerer Sohn (alle Brüder). Aktuell bin ich 23. Meine Eltern wuchsen in Rumänien auf, unter einem kommunistischen Regime. Noch dazu waren alle meine Verwandten und meine Familie streng-religiöse Christen, die einer neoprotestantischen Religionsgemeinschaft zugehörig waren.
Bei so einem Umfeld wurde das Schwarz-Weiß Denken stark gefördert. Noch dazu war es zu kommunistischen Zeiten in Rumänien gang und gäbe, dass man körperliche Züchtigung an Kindern ausübte. Es gab fast keine Familien, wo sowas nicht vorkam. Sogar die Lehrer durften die Kinder in der Schule verhauen (Ohrfeigen, Haare ziehen, mit einem Lineal schlagen, sogar mit dem Kopf gegen die Tafel hauen, etc.).
Dass man da zuhause auch für alles “Schlimme” was man getan hat, sofort eine runterbekam war normal. Ich selbst wurde am meisten geschlagen von uns Jungs. Ich war auch der “Schlimmste” obwohl meine schlimmsten Taten, das Nicht-machen von Hausübungen war. Bei mir war das so, dass es von Handschlägen, Faustschlägen, mit dem Gürtel, mit dem Fuß bis hin zu leichten Gegenständen, alles verwendet wurde.
Mein Vater war da die ausübende Gewalt, obwohl meine Mutter das befürwortete.
Für mich persönlich war das immer schlimm. Ich kann mich an diese Momente noch sehr genau erinnern, mehr als an andere Erinnerungen. Obwohl ich eigentlich kein dummer Mensch bin (laut Mensa-Test) hatte ich aufgrund des seelischen Druckes sogar mal ein Jahr fast wiederholen müssen, bis ich darauf hin die Schule gewechselt habe.
Es war mir lieber in der Schule zu sein, als zu Hause und wenn ich mal auch dort Probleme hatte (hauptsächlich mit der Sprache), war mir die Nacht die einzig angenehme Tageszeit, da ich dort schlafen konnte. Ich hatte Angst mit schlechten Noten nach Hause zu kommen, so dass ich alles tat, um diese zu vertuschen, bis es doch rauskam und es dann erst recht Ärger gab.
Interessant war es, als ich die Schule wechselte, hatte ich eine sehr angenehme Deutschlehrerin und eine Person, die mich motivierte und aufbauten. Schlagartig hat sich meine Fehlerquote gegen 0 entwickelt und ich wurde Jahrgangsbester von allen Klassen…
Dann habe ich begriffen, dass ich meinen Eltern einfach keine schlechten Noten mehr zeige, so schaffte ich doch noch meinen Abschluss mit Matura einer HTL.
Das Schlagen ging so weit, dass ich mit 11 Jahren Selbstmordgedanken hatte… ich stellte mir oft vor, wie es wäre einfach auf das Dach zu gehen und vom 11 Stock da runter zu springen, dann hätte all das ein Ende.
Ich kann mich erinnern, als mal mein Bruder eine Ohrfeige bekommen hatte, dass er eine Woche nicht in die Schule gehen konnte, weil ein Handabdruck auf seinem Gesicht zu sehen war.
Ich selbst wurde auch mehrmals stark geschlagen und getreten… das Schlimmste war jedoch, dass solche Phasen dann mehrere Tage / Wochen dauerten. Mein Vater kam da aus seiner Rage nicht raus. Man kam nach Hause und wusste, es wird gleich Stress geben. Man wurde immer und immer wieder gefragt, warum man das und das getan hat und bei jeder Frage wurde man an den Haaren gezogen oder am Hinterkopf geschlagen. So ging das stundenlang dahin und tagelang. Ich musste immer dann quasi als Ausgleich meiner schlechten Noten, schwere mathematische Aufgaben aus rumänischen Mathebüchern lösen, die weit vüber dem Niveau der österreichischen Aufgaben lag. Die waren teilweise so schwer,dass nicht mal meine Eltern diese lösen konnten und immer wieder mit Tränen in den Augen da sitzen und erklären, warum man diese nicht lösen kann, hat man eine geschlagen bekommen, weil man es nicht verstanden hat.
Mein Vater schob da immer die Schuld auf meine Mutter, dass sie mich schlecht erzogen habe. Meine Mutter schimpfte darauf hin immer mich, warum ich so ein schlechter Sohn sei und das alles meine Schuld ist.
Diese Phasen gab es mehrere Male im Jahr… und ich war oft der Auslöser. Das zog sich hin bei mir bis ich ungefähr 16 war. Doch ich sah das nie als richtig, was mir da geschah, doch als richtig falsch begriff ich es auch nicht.
Teil 1/2
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(11 Kommentare) wrote:
Hallo Herr Kopp-Wichmann,
dass SIE dieses Buch kennen, weiss ich doch. Das war eher ein Tipp für “anonym” und die anderen Leser.
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo Frau Renger,
das Buch kenne ich “natürlich” als Hakomi-Therapeut. Trotzdem danke für den Hinweis.
Ich habe die beiden Verfahren empfohlen, da sie sich im Unterschied zur Verhaltenstherapie stärker mit der Biografie auseinandersetzen. Bei der Psychoanalyse spielt die intensive Beziehung durch das Setting (3 x die Woche) eine wichtige Rolle.
Alle anderen Therapien sind nicht von den Kassen anerkannt, können aber gleichwohl wirksam und angezeigt sein.
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(11 Kommentare) wrote:
Auch von mir noch ein Buchtipp: “Die Revolte des Körpers” von Alice Miller.
Herr Kopp-Wichmann, Sie empfehlen dem Benutzer “anonym” entweder eine Psychoanalyse oder eine tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Spielen Sie damit auf die langfristige, verlässliche Bindung zum Therapeuten an oder warum gerade diese zwei? Warum keine Traumatherapie evtl. in Verbindung mit einem systemischen Ansatz?
Yvonne Renger
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(1073 Kommentare) wrote:
Hallo,
Gewalt hinterlässt immer Spuren. Manchmal können die Folgen verdrängt werden aber in irgendeiner Form tauchen Sie wieder auf. Entweder im Selbstwertgefühl oder in Beziehungen.
Dass jetzt das Erlebte in Träumen auftaucht, ist ein positives Zeichen. Ihr Unbewusstes will Ihnen signalisieren, dass es da etwas gibt, was es zu bewältigen gibt. Dazu brauchen Sie eine gute Psychotherapie. Entweder eine Psychoanalyse oder eine längere teifenpsychologisch fundierte Therapie. Kein Schnellschussverfahren.
Was bei Schlägen in der Kindheit am meisten verletzt wird, ist das Vertrauen. Das können Sie wieder aufbauen, am besten in einer therapeutischen Beziehungen. Liebesbeziehungen sind damit meist völlig überfordert. Gute Therapeuten finden Sie unter http://www.psychotherapiesuche.de oder unter http://www.therapie.de
Danke für Ihren Kommentar — und alles Gute.
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