Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?

handy glas small fotolia 2075981 xs Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?Ich bin kein leidenschaftlicher Autofahrer. Lange Strecken fliege ich meistens. Vor etlichen Jahren, als ich noch mehr unterwegs war, bin ich oft mit der Bahn gefahren. Doch zwei Erfahrungen der letzten beiden Wochen haben mich das Autofahren wieder schätzen gelehrt.

Einmal fuhr ich fast drei Stunden von Hannover nach Heidelberg. Zweimal fuhr ich mit der örtlichen Straßenbahn etwa vier Stationen weit. Was ich bei diesen drei Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln erleben musste, lässt mich gerne die hohe Benzinrechnung zahlen:

Mithörer zu sein bei Handy-Telefonaten meiner Mitreisenden.

Sie kennen das bestimmt auch. Kaum sitzt man im Zug, holen einige Menschen ihr Handy heraus und man wird Zeuge von Mitteilungen wie: “Schatz, ich sitze jetzt im Zug und wir fahren gleich los.”

Wow, denke ich dann. Was für eine Nachricht. Wenn der Mensch sich morgens ins Auto setzt zur Fahrt ins Büro – ruft er dann auch an? (“Schatz, ich sitz jetzt im Auto, schnall mich an und fahr gleich los.”) Vermutlich nicht. Über die Gründe schreibe ich weiter unten.

Auf der Fahrt mit der Bundesbahn wurde ich Zeuge von den verschiedensten Nöten meiner Mitfahrer:

  • Eine Frau fuhr nach Frankfurt und suchte dort bei Bekannten einen Schlafplatz (“Ich will nicht so viel Geld ausgeben und da dachte ich …”)
  • Ein Berliner versuchte lauthals mit seiner Expartnerin Sorgerechtsfragen zu klären (“Nu, denk’ doch ooch mal an die Kinder. Du kanns doch nicht immer nur an dich denken, wah? Denk’ doch doch ooch mal an die Kinder!”)
  • Einer Führungskraft durfte ich bei einem Mitarbeitergespräch zuhören (“Ich habe Ihnen schon tausend Mal gesagt…”)

Ich halte mich für einen technisch sehr aufgeschlossenen Menschen. Schon sehr lange habe und benutze ich ein Handy. Dennoch finde ich die um sich greifende Gewohnheit, in geschlossenen Räumen zu telefonieren, schlicht nervend und rücksichtslos.

Warum tun Menschen das?

Früher (jetzt fange ich auch schon an, so zu reden, ich werde alt!), also früher war das Telefonieren in öffentlichen Räumen klar geregelt. Das ging nur in sogenannten Telefonzellen (bei der Post oder auf der Straße). Die Devise war “Fasse Dich kurz!” und jede Zelle hatte eine Tür, die man hinter sich zuzog.

Bei der neuerdings sich verbreitenden Unsitte sind ja mehrere Dinge bemerkenswert:

  • Das Ignorieren der Mitreisenden.
    Wenn jemand in der Bahn seinen Laptop auspackt und sich einen Film anschaut, stöpselt er immer seine Kopfhörer ein. Kaum jemand kommt auf die Idee, wenn er ein Buch in der Bahn liest, seine Mitreisenden anzusprechen: “Diese Stelle ist toll, das muss ich Euch vorlesen: Da kommt der Mann zu seiner Geliebten und sagt zu ihr …”
  • Die enorme Lautstärke.
    Manche Reisende unterhalten sich ja mit anderen Mitreisenden. Das stört fast nie, weil es in einer angemessenen Lautstärke geschieht, die meist die persönlichen Grenzen respektiert. Doch Menschen, die mit dem Handy telefonieren, sprechen in der Regel deutlich lauter. Zuweilen war ich schon versucht, demjenigen auf die Schulter zu tippen: “Sie brauchen nicht so zu schreien. Ihr Gespräch wird elektronisch verstärkt!”
  • Die mangelnden Manieren.
    Wenn jemand bei einem Meeting oder bei einer Einladung angerufen wird, gehen die meisten Menschen kurz nach nebenan, um das Gespräch fortzuführen. Die meisten murmeln eine Entschuldigung dabei. Diese Möglichkeit besteht prinzipiell auch in der Bahn, habe ich aber noch nie erlebt.

Also, warum tun Menschen das?
Oder, falls Sie sich angesprochen fühlen: warum tun Sie das?

Wenn Menschen etwas tun oder unterlassen, kann man davon ausgehen, dass es immer eine Bedeutung hat. Oft ist dem Betreffenden diese Bedeutung unbewusst. Deswegen denkt er sich nichts dabei bzw. sieht auch keine Veranlassung, das Verhalten zu ändern. Selbst wenn man ihn daraufhinweisen würde, dass es einen stört.

Übrigens: ein paar Mal habe ich das – experimentehalber – probiert: “Entschuldigen Sie, es stört mich, wenn Sie hier telefonieren und ich Ihr Gespräch mitanhören muss.” Die Antworten waren interessant.

Einer sagte: “Das tut mir leid. Aber ich muss arbeiten und da gehört das Telefonieren dazu.”
Hmm, und wenn jetzt ein Cellospieler in der Bahn sein Instrument auspackte und zu üben anfinge?

Ein anderer entgegnete patzig: “Dann müssen Sie sich einen anderen Wagen suchen. Hier ist Telefonieren nicht verboten.”
Hmm, es gibt ja bestimmte Abteile in Zügen, die als Ruhezone für Nicht-Telefonierer reserviert sind. Aber ist das nicht dieselbe Debatte, die wir vor dem Rauchverbot in Gaststätten hatten?

Die Frage bleibt: Warum telefonieren Menschen in der Bahn?

Ich meine, es liegt an Folgendem:

Die Lust am öffentlichen Sich-Zeigen. 58244710 71a2aeda09 m Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?
Ob in Interviews von Beckmann, Kerner & Co. (“Was haben Sie da gefühlt …?”) oder in den unsäglichen TV-Nachmittagsshows, in denen Menschen ihr gescheitertes Intimleben offenbaren – überall kann man ja seit einigen Jahren sich auflösende Grenzen beobachten, zwischen dem, was noch als privat gilt und dem, was als öffentlich gilt. Wenn jemand in einem Interview eine zu persönliche Frage mit der Begründung ablehnt “Das ist mir zu privat”, dann fällt das mittlerweile schon auf. Und je nach Persönlichkeit und Quotendruck des Moderators akzeptiert dieser die Grenze oder versucht, nachzuhaken.

(Es ist eine interessante Frage, ob man auch solche Phänomene wie Flitzer (Menschen, die während eines Fußballspiels nackt über das Feld rennen) oder andere “ in public“-Aktionen, beispielsweise bei Demonstrationen, darunter zählt oder ob ein wesentlicher Unterschied in der sexuellen Komponente liegt.) Aber auch “überraschende” Geständnisse in Talkshows oder Menschen, die einen an ihrem Privatleben mittels laufender Webcam teilhaben lassen wollen …

Die Gemeinsamkeit mit den wirklichen Exhibitionisten ist die Lust an der Zurschaustellung.

Die kann man ja auch bei Politikern erleben, die sich zum Interview bereit erklären, um dann vor der Kamera zu verkünden: “Zu den laufenden Verhandlungen möchte ich nichts sagen.” Es geht also meist um Geltungssucht, mithin das Bedürfnis, als bedeutsam wahrgenommen zu werden oder einfach nur beachtet bzw. bestätigt zu werden.

Nun gilt ja für derlei menschliche Regungen die psychologische Faustformel: Tatsachen muss man nicht dauernd beweisen. Kaum jemand kommt auf die Idee, sich morgens der Existenz der Schwerkraft zu vergewissern, indem er beim Aufstehen absichtlich etwas fallen lässt (“Gestern war die Schwerkraft noch da, aber man weiß ja nie”).

Doch wessen vergewissert sich der oben genannte Bahnfahrer mit seiner Handy-Botschaft “Ich sitz jetzt im Zug und wir fahren gleich los”? Der Beziehung zu seiner Freundin? Ob sie ihn noch liebt? Ob sie ihn vermisst? Und wäre ihm die Nachricht auch dann noch wichtig, wenn er dazu drei Waggons weiter gehen müsste, um in der dortigen Handy-Zone zu telefonieren (und dabei allein wäre?)

mann 2handys small fotolia 1811402 xs Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?Das könnte bedeuten, dass Menschen, die auch an öffentlichen Plätzen viel telefonieren, zeigen wollen, wie wichtig, beschäftigt, unersetzlich etc. sie sind. Und zwar den anwesenden Mithörern! Wer im Zug arbeiten will, kann ja auch schreiben, lesen, am Laptop arbeiten, nachdenken. Alles nützliche Tätigkeiten, die aber Mitreisende nicht stören, und die diese auch nicht mitbekommen. Es erinnert mich auch an Künstler, die bei Konzerten absichtlich ihr Publikum warten lassen. Nicht, weil sie nicht rechtzeitig angekommen wären, sondern weil sie zeigen müssen, wie wichtig sie doch sein müssen, damit Tausende auf sie warten. Wer wirklich wichtig ist, muss (sich) das nicht beweisen und fängt einfach pünktlich an.

Man könnte jetzt sagen, dass wir in einer Zeit der zunehmenden Anonymität leben, die solche Bedürfnisse verstärkt.Man könnte aber auch sagen, dass Rücksichtslosigkeit und Platzhirsch-Gebaren auf Kosten anderer zu den menschlichen Grundanlagen zählt, die man nur durch Zivilisierung, Erziehung und damit gesellschaftliche Regeln mildern kann. (Schließlich klauen Kinder anderen Kindern auf dem Spielplatz auch mit großer Lust ihre Schippen…)

Was kann man gegen die Handymania tun?

In Berlin probiert man es mit Appellen über Plakate. In München gab es vier Jahre lang ein Handy-Verbot in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Von 1999 bis Herbst 2003 prangte in Bussen und Bahnen ein Aufkleber mit einem durchgestrichenen Mobiltelefon. Busfahrer fuhren manchmal nicht weiter, wenn jemand telefonierte und warteten, bis dieser damit aufhörte. Doch anhaltende Proteste brachten die Vorschrift schließlich zu Fall.

Da lobe ich mir die Städte wie Graz oder Stockholm, die per Gesetz ein Handyverbot aussprechen. Nur noch SMS versenden und Spielen mit dem Handy ist erlaubt. Sogar gesundheitliche Bedenken wegen der erhöhten Strahlenbelastung können erhoben werden. Zum Glück haben sich die meisten Fluggesellschaften für ein Handy-Verbot ausgesprochen.

Und wie halten Sie es mit dem Handy beim Bahnfahren?
Und: fühlen Sie sich gestört oder nicht?

Machen Sie doch mit bei meiner kleinen Umfrage.

Telefonieren Sie selbst beim Bahnfahren?pixel Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?
Ja, immer.
Ja, manchmal.
Nur wenn ich angerufen werde.
Nein, nie.
Web Polls

Fühlen Sie sich durch Handys in der Bahn gestört?pixel Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?
Ja, immer.
Ja, manchmal.
Nein, nie.
Web Polls

Und was glauben Sie, warum so viele Menschen das heutzutage tun?
Schreiben Sie Ihre Meinung hier als Kommentar.

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 Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy?

61 Kommentare

  • Nachtrag zu meinem Blog-Artikel:
    Laut einer Umfrage des Bundesverbands Telekommunikation fühlen sich zwei Drittel der Deutschen durch laute Telefonate gestört. Hier die genauen Ergebnisse der Umfrage

  • E.Krämer schrieb:

    Es gibt eine Verschiebung in der gesellschaftlichen Mentalität

    In stark strukturierten Gesellschaften (teilweise auch Deutschland pre-70s, oder Japan noch heute)
    tut man in der Regel nur das, was ausdrücklich erlaubt/sozial akzeptiert ist.
    Man könnte aber auch alles tun was nicht ausdrücklich verboten ist, und das ist der Zustand
    in Deutschland heute.
    Das ist nicht nur Handy-Quasseln, sondern auch Essen/Trinken in der Bahn, Füsse hochlegen,
    Rasenmähen um 7:00 Morgens, laute Musik nachts etc.
    Dazu passt auch, dass viele Menschen auf ihr ‘Recht’ pochen wenn man sie darauf hinweist.

  • Martina schrieb:

    Hallo Michael,

    danke für die ausführliche Rückmeldung.

    In der Überschrift über diesem Beitrag geht es um die Frage, warum Menschen in der Bahn ihr Handy benutzen. Die Tatsache, dass Menschen in öffentlichen Verkehrsmitteln auch noch ganz viele andere Dinge tun, die wiederum andere Menschen stören, ist hier nicht Thema, gehört aber sicher in die gleiche Kategorie. Aber grundsätzlich haben natürlich auch Sie Recht: Man kann es in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht jedem Recht machen – vielleicht stört sich ja ein anderer Fahrgast an meinem Parfum, und ich habe keine Ahnung. Und man sollte auch von anderen nicht erwarten, was man selber tut: einsteigen, Sitz- oder Stehplatz suchen, aus dem Fenster schauen und wieder aussteigen…

    Ich habe mich mit der Tatsache abgefunden, dass um mich herum in den unterschiedlichsten Ausprägungen telefoniert wird und ich unfreiwillig manchmal mehr als irritierende Geschichten höre, mir manchmal sogar Sorgen um das Seelenheil mir Fremder mache und versucht bin, Hilfe anzubieten. Manches Gehörte bringt mich sogar zum Schmunzeln. Und ich habe ja die Wahl: Vor dem Haus steht ein Fahrrad, und sogar zu Fuß wäre ich in einer guten halben Stunde an meinem Arbeitsplatz. Wenn es also unerträglich wäre, würde ich das Verkehrsmittel wechseln. Ist es nicht – ich mag es nur einfach nicht. Und dann…. gibt es ja schließlich noch den iPod.

    Wenn die Aufzählung der Hypothesen, die ich weiter oben verfasst habe, eines ist, dann unvollständig und Mutmaßung – keinesfalls eine Analyse. Ich bin schließlich weder Psychologin noch Soziologin. Ich habe keine Ahnung, warum Menschen auf so dichtem Raum telefonieren – habe es mich aber oft gefragt und mir die eine oder andere Erklärung zurecht gelegt. Die tiefe Ablehnung, die Sie in meinen Zeilen gelesen haben, ist nachvollziehbar. Sie kennen mich nicht und können nicht wissen, dass ich niemals Amok laufen oder elektronische Geräte zerstören würde. Und danke dafür, dass Sie mich auf eventuelle Auswirkungen auf meinen Stresspegel aufmerksam machen – ich werde morgen früh daran denken ;-) .

    Vielleicht ist der nächste Kommentar ja von einem Bahn-Vieltelefonierer, und ich/wir werde(n) erfahren, was genau den Reiz daran ausmacht.

    Einen guten Start in die Woche wünscht
    Martina

  • Hallo Martina,
    ich glaube, früher traf man sich auf dem Marktplatz, im Treppenhaus, auf dem Dorfplatz, in der Kneipe beim Stammtisch. Erzählte, tratschte, traf Bekannte und machte Kontakt mit Fremden. Tauschte Persönliches aus, das zuweilen auch andere mithören konnten.
    Durch die zunehmende Mobilität, die Größe der Städte, das vereinzelte Wohnen hinter schalldichten Mauern sind diese informellen Kontakte weniger geworden. Doch das Bedürfnis nach Austausch über Sinniges und Unsinniges ist geblieben.
    Der Marktplatz ist heute das Internet. Vierundzwanzig Stunden geöffnet. Weltweit vernetzt. Da gibt es natürlich auch extreme Auswüchse, aber die gab es immer. Früher wurden auf dem Marktplatz Behinderte als “Monströsitäten” zur Schau gestellt und zuweilen wurden Menschen gehängt oder geköpft. Dagegen sind die nachmittäglichen Bekenntnisshows ja noch harmlos.
    Danke für Ihren Kommentar.

  • Martina schrieb:

    Hallo Roland,

    danke für das prompte Feedback!

    Die Frage, die sich mir stellt, ist folgende: Hat das Internet, über das man jederzeit, in Sekundenschnelle und ohne Zeit und Raum überwinden zu müssen, vielleicht auch dazu beigetragen, dass Privates nicht mehr Privat ist? Ich meine… noch nie hat die Menschheit die Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation in jedweder Ausprägung und Qualität so intensiv genutzt wie in den vergangenen 15 Jahren seit der Erfindung des weltumspannenden Netzes. Ich will hier gar nicht über Für und Wider philosophieren – dafür nutze ich das Internet selbst zu intensiv und zu gerne. Aber man könnte sich doch fragen, wie privat etwas noch ist, wenn man es einem Unbekannten in einem persönlichen Chat erzählt. Oder wenn man bloggt oder die entsprechenden Einträge kommentiert. Oder Mitglied in einer Social Community ist. Hat nicht die Tatsache, dass man auf vielen verschiedenen Plattformen unterwegs ist (und es werden immer mehr – insgesamt und für den einzelnen Nutzer) zur Folge, dass man auch immer mehr “quatscht” (ich meine das nicht negativ) und Persönliches und Privates munter in der virtuellen Welt verteilt – und sei es auch anonym?

    Ist also das öffentliche Telefonieren letztlich nur Konsequenz einer stärkeren Nutzung moderner Kommunkationsmittel insgesamt und nicht einzig Folge der unsäglichen Anzahl öffentlicher “Bekenntnis-Shows” im Fernsehen? Tragen wir, die wir uns öffentlich äußern, somit auch zu dieser Entwicklung des Verteilens von Privatem in der Öffentlichkeit bei?

    Ein schönes Wochenende wünscht
    Martina

  • Liebe Martina,

    ich kann verstehen, dass es Dich nervt, wenn jemand im Bus oder der S-Bahn telefoniert oder laut Musik hört. Es ist dein gutes Recht, Dinge zu mögen und andere Dinge abzulehnen. Das muss aber nicht jeder so sehen.

    Die Bahn ist ein Raum, in dem man zusammenkommt, weil man auf die Nutzung angewiesen ist. Nun erwartet offensichtlich jeder, dass dieser Raum so genutzt wird, wie es ihm am besten passt. Zum Glück haben wir uns im Laufe der Zeit darauf geeinigt, dass in so einem Raum z.B. nicht mehr geraucht werden darf (aus gutem Grund). Ich kann eine ähnliche Notwendigkeit für Telefonate und das Musikhören nicht erkennen. Denn dann müsste man Stille verordnen.

    Ob jemand Musik hört (und neben echt nervigen “Musiktiteln” klingt das aus dem Handy einfach wie aus einem Blechnapf) oder telefoniert unterscheidet sich nicht von vor sich hinbrabelnden Menschen, einer lautstarken Reisegruppe (meist Rentner), sich anschreihenden Pärchen, nem Typen der mal ne Mark will. Es ist das pralle Leben, was da in so einen Raum gepresst wird. Sich da nur zwei Dinge herauszupicken, die man nicht mag, deutet eher darauf hin, dass man sich auf dem Pfad bewegt, bei dem der Telefonierer das ganze mit Absicht macht um einen selbst zu nerven.

    Die Bandbreite des prallen Lebens bietet aber eigentlich noch viel lohnenswertere Haßobjekte. Wenn jemand mit üblen Körpergerüchen den Raum “einnimmt”, wenn jemand vor 1 Minute noch geraucht hat und den Gestank trotzdem mit in die Bahn mitnimmt, Leute, die einem ein Gespräch aufdrängen wollen, jemand der blöd im Weg rumsteht, wenn man aussteigen muss… und vieles mehr.

    In einem Punkt würde ich Dir in Teilen Recht geben: Ein Gefühl dafür, ob man mit einem Thema (und da ist das Handy nur ein Medium, oft geht das auch im Dialog) nicht zu viel privates mitteilt, ist bei vielen Menschen nicht ausgeprägt. Das ist aber kein Mangel, der sich eingeschlichen hat. Es ist ein neues Problem, weil Menschen immer dichter wohnen und sich in der Masse immer anonymer fühlen. Man glaubt dann, in der Masse sei man allein und merkt nicht, wenn der Nachbar eigentlich nur hinter einem sitzt.

    Aus deinen letzten 3 Punkten spricht eher eine tiefe Abneigung als eine sachliche Analyse, die durch jedes Telefonat oder jeden Klingelton verstärkt wird. Das führt auf lange Sicht dazu, dass es Dich immer mehr stresst. Entweder baust Du den Stress irgendwie ab (Handy mit dem Hammer breitklopfen, Amoklauf (eher ungünstig)) oder der Stress baut Dich ab.

    Wenn Du nicht möchtest, dass dein Gegenüber telefoniert, dann kannst Du ihn ja in ein Gespräch verwickeln (was ich persönlich weniger mag, als wenn jemand einfach telefoniert). Du kannst vorschlagen, dass in der Bahn Klassik gespielt wird. Es gibt viele Möglichkeiten, wenige werden das erwartet Ergebnis bringen. Du wirst Dich daher damit abfinden müssen, dass sich an der Situation erst einmal nichts ändert. Und das ist dann in jedem Fall besser für deine Gesundheit.

    Michael Mosmann

  • Hallo Martina,
    danke für Ihren langen, toll geschriebenen Kommentar.

    Ich finde auch, dass der Verlust des Privaten eine große Rolle spielt. Durch Medien, Talkshows etc. wird immer mehr suggeriert, dass Privates eigentlich an die Öffentlichkeit gehört. Verwahrt sich jemand gegen eine zu persönliche Frage (“Darüber möchte ich hier nicht sprechen.”) wird das nicht immer akzeptiert, sondern hartnäckig nachgefragt.

    Vielleicht ist es wirklich eine allgemein verbreitete Langeweile im Leben vieler Menschen, dass wir uns so sehr für das Private anderer Menschen interessieren.

  • Martina schrieb:

    Ein sehr interessanter Beitrag! Vielen Dank, dass Sie über ein Thema schreiben, auf das ich schon lange Antworten suche.

    Ich gehöre zu jenen Menschen, die jeden Tag die S-Bahn nutzen müssen, um von ihrem Zuhause an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Hier in Köln – einer an sich aufgeschlossenen, toleranten und von Vielfalt gekennzeichneten Stadt mit stets gut gefüllten S-Bahnen – ist das öffentliche Telefonieren und das Musik ohne Kopfhörer Hören an der Tagesordnung (trotz Aufklebern, Telefone in Bahnen nicht zu benutzen…). Mir geht diese Aufgeschlossenheit und Toleranz definitiv zu weit – dann bin ich es in diesem Punkt eben nicht. Denn ich empfinde diese Art, fremde Menschen am persönlichen Musikgeschmack oder privaten Telefonaten teilhaben zu lassen, als Umweltverschmutzung.

    Wir leben in einer Zeit der totalen Reizüberflutung, in der die meisten Menschen nur noch damit beschäftigt sind, sich stets informiert zu fühlen und Wichtiges von Unwichtigem zu trennen – jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. In einer Zeit, in der man kaum noch zur Ruhe und Besinnung kommt und diese – wenn überhaupt – nur noch an einsamen Stränden, in den Bergen oder im Idealfall in den eigenen vier Wänden findet. Der Weg zu meinem Arbeitsplatz dient für mich zur mentalen Vorbereitung auf die vor mir liegenden Aufgaben, da kann ich diese Art der nicht gewollten Unterhaltung nicht gut gebrauchen.

    Ob ich nun morgens oder abends in der Bahn sitze – ich bin immer von Menschen umgeben, die entweder meinen, sie seien allein unterwegs oder einen in meinen Augen unstillbaren Mitteilungsdrang haben (und einen Musikgeschmack, den ich nicht teile). Mich macht das aggressiv (ja, ich gebe es zu), und an manchen Tagen kann ich mir kaum einen – passenden oder unpassenden – Kommentar verkneifen. Leider ist mir noch nicht DER Kommentar eingefallen, der den Grad, zu dem ich mich gestört fühle, auf den Punkt bringt. Ich habe es mir jedoch angewöhnt, Menschen, die in meiner unmittelbaren Nähe telefonieren (und meist hängt der Grad des gestört Werdens nicht von der Lautstärke des geführten Telefonates ab, sondern von der Tatsache an sich – schließlich ist man in einer S-Bahn nicht Meter von den jeweils anderen Fahrgästen entfernt….) scheinbar interessiert zuzuhören, sie neugierig anzuschauen oder fragend zu gucken. Nicht, dass es die Telefonierer stören würde…

    Auch ich besitze ein Handy, das ich in der Bahn nicht benutze. Im Zweifel stelle ich sogar den Klingelton aus, falls mich während der Fahrt ein Anruf erreicht. Es ist mir unangenehm, meine Telefonate in einem öffentlichen Raum zu führen. Nicht, weil sie derart intimen Inhalts seien. Aber schließlich ist ein Telefonat eine Art Selbstgespräch (weil man ja nur eine Person reden hört), und das führe ich üblicherweise nicht in der Öffentlichkeit. ICH möchte – im Gegensatz zu den öffentlichen Telefonierern – nicht den Eindruck erwecken, als bräuchte ich während eines Telefonats Publikum, das ich definitiv nicht brauche.

    Ich habe es mir mittlerweile angewöhnt, mir die Kopfhörer meines iPod in die Ohren zu stopfen, bevor ich vor lauter Unmut ob der mich unfreiwillig erreichenden halben Telefonate platze – obwohl ich es sehr lange Jahre überhaupt nicht mochte, meinen Hörsinn sozusagen auszuschalten und nur noch musikalische Reize zu empfangen. Ich fürchtete z. B., wichtige Durchsagen zu verpassen. Ob eine Durchsage kommt oder nicht, mache ich nun eben an der Reaktion der anderen Fahrgäste aus. Welch eine Wohltat, die laute und unruhige Umwelt nun zumindest auf dem Audio-Kanal für eine Weile auszuschalten! Welch ein Paradoxon…

    Meine persönliche Theorien zu den öffentlichen Telefonierern:

    1. Menschen, die in der Öffentlichkeit telefonieren und sich nicht scheuen, das Privateste (“… Und da sagt mir doch die Frau beim Arbeitsamt, dass ich erst einmal die 15.000 Euro von meinem Sparbuch aufbrauchen muss, bevor ich Wohngeld beantragen kann…”; “… Du…. das wird wieder besser, glaub es mir. Das war bei mir auch so: Erst nachdem ich das dritte Mal im Frauenhaus war, hat er kapiert, dass er mich besser nie wieder schlägt…” etc. pp.) von sich preiszugeben, ist nicht bewusst, dass sie Privates/Persönliches von sich preisgeben in einer Zeit, in der nachmittägliche Talk Shows Hochkonjunktur haben. In ihrer Wahrnehmung ist nichts mehr wirklich privat.

    2. In der Öffentlichkeit telefonierende Menschen haben keine Menschen, die ihnen wirklich zuhören, denen sie wirklich wichtig sind, zu denen sie sich zugehörig fühlen. In ihrer Not machen sie andere zu Mitwissern, Vertrauten, Verbündeten – vielleicht sogar, weil sie sich von anderen Fahrgästen Zuspruch, Trost, Aufmunterung, Verständnis erhoffen.

    3. Öffentliche Telefonierer haben ein geringes Selbstwertgefühl – das Telefonat in der (S-)Bahn ist für sie wie der Auftritt auf einer Bühne, der sie bestätigt. Und sei es auch nur, weil die meisten (was sage ich: alle) Mitfahrenden das Telefonieren stillschweigend tolerieren. Das ist ihr Applaus.

    4. Öffentliche Telefonierer langweilen sich in ihrem Leben zu Tode. Ihr Kopf ist leer, die Gedanken schweifen nicht, sie haben keine Phantasie, keine Träume, keine Wünsche, keine Sehnsüchte, keine Ziele. Oder sie haben all das doch und wollen oder müssen es unterdrücken – um die eigene Leere zu umgehen, wird auf Teufel komm raus telefoniert. Je banaler der Inhalt, desto besser.

    Ach… es tat gut, mir das einmal von der Seele zu schreiben…

    Martina

  • @Anette

    Ich wollte mit “Bedarf” nur zum Ausdruck bringen, dass mobil Telefonieren nicht vordergründig Statussymbol ist oder ein Abhängigkeitsverhältnis unterstellt werden muss. Mobil Telefonieren bietet eine Möglichkeit der Kommunikation, die gerne in Anspruch genommen wird.

    Die Telefonierer haben also in dem Moment tatsächlich das Bedürfnis nach Kommunikation (auch wenn es die anderen Fälle natürlich auch gibt). Nur weil sich der eigene Bedarf nicht mit dem anderer Menschen deckt, ist das Verhalten der anderen dadurch nicht automatisch fragwürdig.

    Das Bedürfnis nach Ruhe kann ins Extrem getrieben auch als Rücksichtslosigkeit verstanden werden. Da kommt schnell die Frage auf, was denn z.B. Ruhe in einem ICE bedeutet und warum gerade der Monolog am Telefon mehr stört als ein Dialog gleicher Lautstärke. Und Sie würden ja wohl kaum in den Dialog mit den Worten eingreifen, ob denn das Diskutieren nicht eingestellt werden könne, weil Sie ihre Ruhe haben möchten.

    Vielleicht sollten Sie den Telefonierer einfach mit den Worten ansprechen: “Entschuldigung. Ich kam nicht umhin, mitzuhören…”. Draus könnte sich ein interessantes Gespräch entwickeln.

    Michael Mosmann

  • Anette schrieb:

    Hallo Hr. Kopp-Wichmann, hallo Hr. Mosmann,

    ich finde den Denkansatz von Hr. Kopp Wichmann äußerst interresant:

    Es stellt sich tatsächlich die Frage was ist Bedarf, – dafür gibt es eine klare Unterscheidung in Grundbedarf, Standardbedarf, Kulturbedarf, gehobener Bedarf, Luxusbedarf und Existenzbedarf (so jedenfalls die Formulierung gem. Wikipedia). Der Existenzbedarf eines Menschen ist erst mal nur ganz einfach und gering: Nämlich das Bedürniss nach Nahrung, Wohnen und Arbeiten (um die Existenz zu sichern). Soviel zum Grundbedarf eines Menschen.
    Wer von ihnen war z.B. schon mal auf einer Konsumgütermesse oder viel einfacher, – in einem Warenhaus? Brauche ich all diese Dinge die ich dort kaufen kann?
    Ebenso stellt sich damit die Frage, muß ich immer und überall telefonieren oder erreichbar sein? Ich für meinen Bedarf habe auch das Bedürfnis nach Ruhe, – ich möchte nicht immer und überall erreichbar sein.
    In diesem Sinne kann jeder nochmal individuell über seinen Bedarf nachdenken.
    Herzliche Grüße
    Anette

  • Hallo Herr Mosmann,

    ja, das ist so eine Sache mit dem Bedarf. Haben Menschen einen Bedarf, den ein Produkt oder eine Dienstleistung dann erfüllt? Oder gibt es erst eine Dienstleistung und dann wird dadurch der Bedarf erst geschaffen? Spannende Frage.

    Haben Jugendliche einen Bedarf an großen Mengen Alkohol oder wird das Besinnungslos-Saufen durch ein Flatrate-Angebot erst geweckt?
    Haben Sie vor Jahren beim Fernsehen gedacht: “Wär doch gut, wenn der Fernseher nur fünf Zentimeter dick wäre oder hatten Sie damals ganz andere Probleme?
    Gibt es einen Bedarf von Frauen, auch noch mit 62 Jahren schwanger zu werden oder wird der “Bedarf” erst durch die medizinischen Möglichkeiten geschaffen?

    Danke für Ihren anregenden Kommentar.

  • @Anette

    Es soll auch Menschen geben, die die Möglichkeit mobil zu telefonieren, als Chance begreifen. Man kann sich darüber streiten, ob jede Kommunikation notwendig ist. Aber ich denke, der eine oder andere Brief wäre auch in der Bahn nicht geschrieben worden, wenn es das Handy schon gegeben hätte. Aber dem nachzutrauern ist der falsche Ansatz. Denn dann müsste man heute noch Botschaften per Postkutsche durchs Land schicken.

    Ich möchte nicht bestreiten, dass die Motivation des einen oder anderen durchaus darin liegt, sein schwaches Selbstwertgefühl durch das Tragen von teuren oder/und exklusiven Gegenständen (gerade auch technischer Natur beim Mann) zu kompensieren. Aber das kann nicht der überwiegende Teil sein, auch wenn uns Einzelfälle das suggerieren.

    Niemand ist gezwungen es zu benutzen. Und trotzdem “verfallen” viele dem “Fluch”. Sollte man dann nicht darüber nachdenken, dass da ein Bedarf vorhanden ist?

  • Isabel schrieb:

    Guten Morgen,

    ich denke, dass es schlichtweg zur Gewohnheit geworden ist, sobald das Handy klingelt bzw. man den Zwang verspürt jemanden anzurufen, abzuheben bzw. einfach anzurufen.

    Einen tieferen Sinn würde ich nicht vermuten, zumindest nicht bei allen “Bahntelefonierern”.

    Ich persönlich bestätige gerne Termine übers Handy oder mache Termine aus und halte mich auf jeden Fall sehr kurz. Für längere oder tiefergehende Telefonate bevorzuge ich auch meine Couch, bzw. das persönliche “Vier Augen- Gespräch”.

  • Anette schrieb:

    Klar, – daß sich so viele für das Thema interresieren:

    Menschen sind nun mal irrational. Auf der einen Seite fühlen sie sich gestört und auf der anderen möchten sie gerne in der ‘Masse’ mitschwimmen. Der Mensch ist somit ein ‘Herdentier’ und geht seinen ‘Trieben’ nach.
    Aus meiner Sicht gibt es viele Gründe zu telefonieren ob im Zug, im Auto oder anderswo. Hier mal meine Vermutungen fürs Telefonstörgespräch:

    Ich bin wichtig, – jedenfalls glaube ich das und muss allen zeigen, – daß ich das auch bin, – komme was wolle.

    Ich habe ein neues, schönes, designets Mobilphone um möchte, – daß auch jeder das sieht.

    Ich füle mich geschäftlich wie privat ‘unersetzlich’; deshalb muß ich soviel und überall telefonieren.

    Ich habe eine ‘Flatrate’ die ich ausnutzen muß.

    Ich sehe meine Freunde so selten, – weil ich geschäftlich so überlastet bin, – deshalb telefoniere ich immer und überall privat.

    Ich habe keine Hobbies und bin somit unausgeglichen, – mein einziges Hobby ist mein Beruf, mein Handy und mein Computer.

    So, – leider am Ende. Der Blog gibt nicht mehr Zeilen her………;-))

  • Anette schrieb:

    Klar, – daß sich so viele für das Thema interresieren:

    Menschen sind nun mal irrational. Auf der einen Seite fühlen sie sich gestört und auf der anderen möchten sie gerne in der ‘Masse’ mitschwimmen. Der Mensch ist somit ein ‘Herdentier’ und geht seinen ‘Trieben’ nach.
    Aus meiner Sicht gibt es viele Gründe zu telefonieren, ob im Zug, im Auto oder anderswo. Hier mal meine Vermutungen fürs Telefonstörgespräch:

    Ich bin wichtig, – jedenfalls glaube ich das und muss allen zeigen, – daß ich das auch bin, – komme was wolle.

    Ich habe ein neues, schönes, designtes Mobilphone und möchte, daß auch jeder das sieht.

    Ich fühle mich geschäftlich wie privat ‘unersetzlich’; deshalb muß ich soviel und überall telefonieren.

    Ich habe eine ‘Flatrate’ die ich ausnutzen muß.

    Ich sehe meine Freunde so selten, – weil ich geschäftlich so überlastet bin, – deshalb telefoniere ich immer und überall privat.

    Ich habe keine Hobbies und bin somit unausgeglichen, – mein einziges Hobby ist mein Beruf, mein Handy und mein Computer.

    So, – leider am Ende. Der Blog gibt nicht mehr Zeilen her………;-))

  • Hallo Marta,

    danke für Ihren sehr persönlichen Kommentar. Ich denke, dass die drei Gründe, die Sie für sich herausgefunden haben (Kommunikation, Schutz der persönlichen Sphäre und Spieltrieb) auch für viele andere Menschen zutreffen.

  • Marta schrieb:

    Mir ist mein mobiles Telefon meistens peinlich. Ich empfinde es auch als besonders unhöflich, wenn ein Gesprächspartner, mit dem ich gerade rede, das Gespräch unterbricht, um “mal schnell das Telefonat anzunehmen”. Ich habe dennoch ein Handy und trage es auch mit mir rum. Ich benutze es auch. Und ich benutze es auch in der Bahn (wenn ich angerufen werde). Mein Verhältnis zu diesem Thema ist also überaus ambivalent. Ich bin eine von denen, die sich wenigstens dafür entschuldigen, aber dennoch: Ich störe auch. Ich tue also auch etwas, von dem ich weiß, dass es mich selbst und andere nervt. Warum mache ich das? Ich habe für mich drei Gründe gefunden:
    1. Ich liebe es zu kommunizieren. Per Mail, per SMS, mündlich. Ich bin glücklich über freundliche Meldungen, auch wenn sie nur mit dem Handy übermittelt werden.
    2. Ich bin mit dem Handy nicht allein. Ich bin erreichbar und kann erreichen. Das ist wichtig. Ich lebe in Berlin. Der Grad an Anonymität in meiner Stadt grenzt manchmal schon an Körperverletzung.
    3. Das Handy bedient meinen Spieltrieb. Das Briefsymbol, welches jede neue SMS ankündigt, simuliert mir kommunikative Interaktion.

    Zusammengefasst bedeuten diese Beobachtungen also eigentlich nur, dass für mich persönlich drei wesentliche Komponenten mit meinem mobilen Telefon bedient werden: Kommunikation, Schutz und die Freude am Spiel. Für mich sind das die wesentlichsten Gründe für die massenhafte Verbreitung dieser transportablen Telefone.

  • [...] aus dem Flugzeug – GeheimdienstkrämereiTopic: Allgemein| telefonierentikel ist von einer interessanten Anschuldigung die Rede, > die > ich schon mindestens zweimal [...]

  • Al schrieb:

    Mein Eindruck ist, dass die Leute, die im Zug telefonieren, mit ihrer Zeit nicht gut umgehen können. Sie fühlen sich gehetzt und meinen, jetzt in den 30min zwischen Kaiserslautern und Mannheim noch schnell die beste Freundin updaten zu müssen oder dem Kollegen die Menüleiste von PowerPoint erklären zu müssen. Wer etwas organiserter ist, hat was zum Lesen oder zur “Stillarbeit” dabei oder schläft oder hört Musik.

    Andererseits ist es natürlich in der Tat manchmal ganz lustig zu hören, wenn seriös und wichtig aussehende Leute sich als Vollidiot in Nadelstreifen oder dümmliche Zicke im Kostüm outen. Also besser für’s Image ist es allemal, wenn man sich angemessen ruhig verhält.

  • Hallo raumvermessung,
    man müsste jetzt genauer definieren, was “öffentliche Räume” sind und was dort erlaubt ist. Ein Zug ist für mich ähnlich wie ein Theater oder ein Kino oder ein Restaurant ein öffentlicher Raum, weil dort viele Menschen auf begrenztem Raum zu einem gemeinsamen Zweck zusammenkommen. Dass man hierbei aufeinander Rücksicht nimmt, halte ich für ein Gebot der Höflichkeit und der Zweckmäßigkeit.

    Die Projektion privater Vorstellungen in diesen öffentlichen Raum sehe ich demnach eher bei den Handy-Telefonieren.

  • raumvermessung schrieb:

    Ich kann leider nicht in allen Punkten zustimmen, am ehesten noch dabei, dass manche Leute tatsächlich vergessen, dass sie nicht alleine in einem Raum sind.

    Tatsächlich aber sind öffentliche Verkehrsmittel öffentliche Räume und eben keine Meetings oder private Einladungen. Dementsprechend sind sie auch Kommunikationsräume und vor allem auch Orte, in welche man nicht seine eigenen – privaten – Vorstellungen projizieren kann.

    Setzen Sie sich in ein Kaffehaus, warten Sie an der Haltestelle oder an der Supermarktkassa, sehen Sie die TV-Nachrichten… überall werden Sie Dinge hören/sehen, die Sie nicht interessieren. Ich selbst habe außerdem gute Erfahrungen dabei gemacht, Leute auf zu lautes Telefonieren hinzuweisen. Den meisten war dies nämlich gar nicht bewusst.

    Nicht jeder möchte/kann mit dem Auto fahren und ich bezweifle, dass Autofahrer spannendere Dinge erzählen (aber dass sie mit dem Handy kommunizieren, kann man beobachten, nur hört man sie eben nicht). Dass in öffentlichen Verkehrsmitteln das Telefonieren erlaubt ist, ist insofern daher auch demokratiepolitisch bedeutsam.

  • Oh ja, lieber Roland, mit den Privilegien ist es wohl so wie mit fast allen Dingen des Lebens: sie haben auch eine zweite Seite.
    Herzlicher Gruß von Renate

  • Hallo Renate,

    einer Zeitungsmeldung vom November 2007 entnehme ich, dass Britney Spears die richterliche Auflage bekam, jederzeit telefonisch erreichbar zu sein.

    Man sieht, aus einem anfänglich empfundenen Privileg kann schnell eine Strafe werden.

    Danke für Ihren Kommentar. Freut mich, dass ich Sie zum Lachen brachte.

  • Köstlicher Beitrag! Musste an einigen Stellen laut lachen – und das mache ich nicht so häufig, wenn ich allein bin. Allerdings mache ich es auch nicht, wenn ich in der Bahn sitze. Ich mache es, wenn ich im Dialog mit anderen Menschen bin – beim Abendessen zum Beispiel.

    Ich habe ein Handy. Seit vielen Jahren bereits. Es ist eine praktische Erfindung, das gebe ich zu. Nach einem Telefonhäuschen zu suchen – bei einer Autopanne beispielsweise, ist sehr lästig. In solchen Situationen ist ein Handy prima. – Doch überwiegend ist mein Handy ausgeschaltet – was bedeutet, mich erreicht man per Handy nur und ausschließlich dann, wenn es verabredet ist.

    Das Beispiel mit dem Cellospieler fand ich klasse!

    Grundsätzlich meine ich, dass öffentliches und ungeniertes Telefonieren so ähnlich ist wie das mit so manchen Kommentaren in Blogs: man möchte wahr- und wichtig genommen werden. So ist der Mensch halt veranlagt … hat vielleicht auch was mit der steigenden und technologiebedingten Vereinsamung zu tun.

    Danke für den amüsanten und erhellenden Beitrag, lieber Roland Kopp-Wichmann!

    P. S.: Ich weiß leider nicht mehr, wer es war, aber es war ein prominenter Zeitgenosse … und der sagte (sinngemäß): ein wirklich wichtiger Mensch kann es sich leisten, telefonisch nicht erreichbar zu sein. Ich teile diese Ansicht.

  • Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    Ich denke, das die technische Entwicklung im Bereich Kommunikation die Lernfähigkeit der meisten Menschen überfordert. Das führt dazu, dass Sie sich diese Techniken nutzend, ungeschickt verhalten, unsachgemäß damit umgehen.

    Das reicht von Telefonaten im ICE bei Kassel (wo der Zug derart oft durch Tunnel fährt, dass man nicht mal mit Glück ein vollständiges “Hallo” zustande bekommt) bis zur Kommunikationsabhängigkeit, weil man beruflich jetzt so einen Blackberry (oder ähnliches) verordnet bekommen hat und nun nicht mehr nur telefonisch, sondern auch gerade per Email permanent erreichbar ist (schöner Artikel dazu in der Wirtschaftswoche 22.3.2008 / Nr. 13).

    In meinem sozialen Umfeld habe ich mit einem “Opfer” vor zwei Tagen über das Problem der permanenten Erreichbarkeit gesprochen. Und da hätte ich es einfach nicht erwartet.

    Kurz: Viele Menschen wissen sogar, dass es Probleme gibt und im letzten Fall, wusste die betreffende Person auch, dass sie damit Probleme hat. Aber das hält wenig davon ab, doch zu kommunizieren. Ich persönlich habe nichts dagegen, wenn jemand telefoniert (obwohl ich es immernoch merkwürdig finde, wenn man sich dazu nichts ans Ohr hält. Das sieht einfach etwas verrückt aus, wenn jemand vor sich hin plaudernd durch die Gegend läuft.), aber auch ich würde es angenehmer empfinden, wenn jemand nicht in sein Handy schreit, weil er glaubt, das würde helfen. Aber a) kann ich nicht jeden weiterbilden und b) spiele ich da auf Zeit.

    Ein Punkt dazu noch: Ja, auch ich kenne das Gefühl, dass ein Telefonat mit dem Handy in einer Menschenmasse entgegen jeder Logik einen Raum für Intimsphäre schafft, zumindest bildet man sich das ein. Menschen boren mit dem Finger in der Nase, wenn sie im Auto sitzen, weil sie annehmen, dass man nicht gesehen wird (was falsch ist). Die letzte Reihe im Hörsaal sieht man genauso gut, wie die erste, was bedeutet, dass man sich da nicht verstecken kann. Insofern gehe ich nur in ausgewählten Fällen davon aus, dass sich jemand nur mitteilen möchte (solche Leute reden einen auch an und fragen einen aus, auch wenn man ein Buch ließt).

    Doch weiter im Text….

    Laute Reisegruppen lassen sich vermeiden, wenn man den Platz wählen kann. Das ist schlicht nicht immer möglich. Also muss man mit dem auskommen, was das Leben so hergibt.

    Es war nicht meine Absicht, zu unterstellen, dass sie neidisch auf andere wären. Ich habe es er als Anregung zur Selbstreflektion gedacht, und das auch nicht bezogen auf Sie, sondern auch eher auf mich und die anderen Leser dieses Blogs.

    Allerdings trifft Ihr Beispiel mit dem Raucher nicht. Rauch beeinträchtig nicht nur mein Wohlbefinden, sondern ist extrem übertrieben Körperverletzung. Jemand, der Knoblauchzehen isst, wäre passender, ginge am eigentlichen Problem vorbei.

    Sie geben an, dass ihr Wohlbefinden dadurch beeinträchtig ist, wenn jemand (ich kürze hier und hoffe darauf, dass sie verstehen, was ich meine) sinnlos telefoniert. Das ist ihr gutes Recht. Mir geht das allerdings nicht so. Ich glaube auch, dass die Chancen größer sind, als die Gefahren. Ich nehme die Nachteile also gern in Kauf.

    Und ich glaube auch, sie geben mir Recht, wenn ich behaupte, dass es schlimmeres gibt: Körpergeruch, Schnarchen, … die Liste ist lang und jeder hat eine andere.

    Ich saß mal im ICE in dem Abteil mit dem Handysymbol. Man hörte außer dem Fahrgeräusch nichts. Kein Gespräch. Kein plapperndes Kind. Kein Husten. Nichts. Bis auf in meiner Sitzreihe ein Mann, der sehr sehr leise Musik mit Kopfhörern hörte. Ich saß wie gesagt in der selben Reihe und konnte es kaum hören. Das Türöffnen der Glastüren war lauter. Plötzlich stand eine Frau ungefähr 4 Reihen weiter auf, stampfte in Richtung dieses Mannes und sprach in mit folgenden Sätzen an: “Können Sie das nicht leiser machen. Das stört.”. Der Satz der mir auf der Zunge lag, war: “Und dann können wir den Sargdeckel gleich zumachen.”.

    Und da kommen wir zum letzten Punkt: Sehr viele Menschen konzentrieren sich so sehr auf die Dinge, die sie nerven, dass es dann oft zu so einem Gefühlsausbruch kommt. Man ist dann wohl der Meinung, dass der betreffende das mit Absicht macht. Und ab da kann man sich hervorragend hineinsteigern (empfehlenswert dazu: Anleitung zum Umglücklichsein, von Paul Watzlawick).

    Ich glaube, wir müssen alle etwas entspannter miteinander umgehen. Dann geht es uns selbst (das ist purer Egoismus) besser.

    p.s.: Danke für diesen netten Dialog.

  • Hallo Herr Mosmann,

    Sie führen die “Ungeschicklichkeit” als einen wesentlichen Grund an. Da habe ich meine Zweifel. Und in Ihrem Hinweis auf die fehlende Vertraulichkeit im Zugabteil wundern Sie sich ja auch über das seltsame Mitteilungsbedürfnis mancher Mitreisenden. Auf die direkte Frage “Welche Schwierigkeiten haben Sie denn gerade in Ihrem Projekt?” oder “Wie steht’s denn derzeit in Ihrer Beziehung?” würden ja die meisten Menschen abwehrend reagieren (“Was geht Sie das an?”)
    Die laute Reisegruppe kann ich gleich erkennen. Aber wenn ich ein ruhiges Abteil mit lauter Einzelreisenden betrete, ahne ich oft nicht, was eine Viertelstunde später ich alles mithören darf.

    Also Ihre Vermutung, dass ich neidisch auf andere wäre, weil ich selbst nicht viel zu sagen hätte, trifft nicht zu. Allein mein Mitteilungsbedürfnis in diesem Blog spricht doch Bände.

    Ebenso habe ich generell kaum Probleme mit Veränderungen. Das wäre ja dasselbe, wenn mir ein Raucher seinen Qualm ins Gesicht blasen würde und auf meine Beschwerde hin antwortete: “Haben Sie ein Problem mit dem Genießen?”

    Danke für Ihren ausführlichen Kommentar.

  • Ich glaube nicht, dass der Satz “Schatz, ich sitze jetzt im Zug. Wir fahren gleich los.” etwas damit zu tun hat, dass derjenige sich um die Aufmerksamkeit der anderen Fahrgäste bemüht. Ich glaube, dieses Verhalten liegt viel mehr daran, dass wir die Möglichkeit, eigentlich permanent kommunizieren zu können auch nutzen. Allerdings stellen sich recht viele Menschen dabei ungeschickt an.

    Ich glaube, es ist jedem bewusst, dass der Empfang während einer Überlandfahrt mit dem Bus, der Bahn oder dem Auto eher bescheiden ist. Mit Unterbrechungen muss man zwangsläufig rechnen. Und doch erlebt man immer wieder Reisende, die eine Diskussion nicht vor der Abfahrt beenden (z.B. der Typ mit den Sorgerechtsfragen). Andere Gespräche drängen sich schon zwanghaft auf. Wenn zum Beispiel die Bahnfahrt Teil einer Wochenendbeziehung ist. Das Wochenende ist meist eh zu kurz und Kommunikation erhöht virtuell die Zeit, die man miteinander verbracht hat.

    Es gibt sicher auch Menschen, die zur Unterstreichung der eigenen Wichtigkeit laut telefonieren (aber vielleicht auch nur, weil sie ein lautes Organ haben). Emotionalität führt ebenfalls zu einer erhöhten Lautstärke, und das nicht nur, weil man gerade in der Bahn sitzt. Eine der interessanteren Fragen wäre folglich: Wieso setzen sich Geschäftsleute in die zweite Klasse um dann wichtige Firmeninterna am Telefon einer breiten unbeteiligten Masse zu verkünden. Industriespionage war noch nie so einfach.

    Stören mich nun die Handytelefonate im Zug? Nein. Warum nicht? Weil da meist nur einer redet. Wenn sich aber im Zug zwei unterhalten, dann reden meist beide. Und wenn man Pech hat, dann sitzt da eine Gruppe älterer Menschen mit einem großen Freizeitkontingent auf der Reise nach Polen oder sonstwohin, die sich fast immer sehr laut unterhalten. Das machen die sicher auch in der Kneipe so. Aber ich muss wohl davon ausgehen, dass kaum einer auf die Idee kommen würde, diese manchmal auch mit Sekt leicht angeheiterte Runde um Maßregelung bezüglich der Lautstärke anzusprechen.

    Eine weitere interessante Frage daher: Warum stört es Sie, wenn andere im Zug telefonieren? Wäre es eine Provokation zu unterstellen, dass es Sie stört, dass sich andere mehr zu sagen haben?

    Die meisten technischen Entwicklungen ermöglichen eine immer breitere Kommunikation. Man ist irgendwann immer erreichbar. Auch wenn das nicht jedem gefallen mag, läuft diese Entwicklung ja nicht in diese Richtung, weil es niemand nutzt, sondern gerade weil die Nachfrage nach mehr Kommunikation vorhanden ist. Die größte evolutionäre Triebkraft unserer Zeit ist die Kommunikation. Wenn man nicht das Bedürfnis verspürt, ständig zu kommunizieren, dann ist das das gute Recht. Provokant wäre es vielleicht, wenn man sagen würde: “Sie stört mein Telefonat? Haben Sie Probleme mit Veränderungen?”.

    p.s.: in dem Thema steckt noch viel mehr, aber das soll vorerst reichen…

  • Klaus schrieb:

    Hallo Roland,

    das mit den Widersprüchen trifft man über all an, in XING / StudiVZ, YouTube geben die Menschen häufig mehr von sich preis als gegenüber der Bank ihres Vertrauens.

    Wenn sich das Telefonat auf Business oder notwendiges Privates beschränkt, stört es mich weniger, in Businessbereich kann man eventuell etwas dazu lernen. Manche Privattelefonate haben aber schon den Charakter von Heimkino, auch wenn man die andere Seite nicht hört.
    Das kann spannend sein.

    Allerdings würde ich es persönlich auch ablehnen, meiner Lebenspartnerin gegenüber Bericht geben zu wollen /müssen, was ich gerade tue oder was um mich herum passiert, das währe als Gesprächsinhalt zu banal.

    Viele Grüße

  • Hallo Klaus,
    dass es bei den Jugendlichen Teil einer Protesthaltung sein mag, kann ich mir gut vorstellen. Für Pubertierende und etwas ältere Jugendliche haben ich da auch meist ein gewisses Verständnis.

    Gestört fühle ich mich aber eher durch Erwachsene oder erwachsene Pubertierende und deren Handygebrauch in geschlossenen Räumen. Dies als Protest gegen die vermeintliche Entmündigung durch die Gesellschaft zu verstehen, ist ein interessanter Gedankenzug. Aber wäre auch etwas paradox. Auf der einen Seite Abwehr gegen zunehmende Überwachung durch Online-Durchsuchungen und Videokontrolle – und dann so laut telefonieren, dass es das ganze Abteil mitbekommt.

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Klaus schrieb:

    Die Lebensgewohnheiten haben sich geändert. Auch ich telefoniere ab und zu im Zug, wenn ich unbedingt noch einen Kollegen vor Feierabend erreichen muss, oder ein Kunde Fragen zu einem Angebot hat. Wenn möglich versuche ich das jedoch auf einen anderen Zeitraum zu verschieben, aber es gibt halt Wochen da bin ich von Montags bis Freitags unterwegs. Allerdings gönne ich mir, wenn ich eine Handy freie Zeit haben möchte, einen Platz in der Ruhezone im ICE, diese Ruhezone wird von allen weitgehend respektiert.
    Die Jugend heute wächst mit dem Handy am Ohr auf und nutzt diese viel intensiver – so sehe ich es bei meinen Kinder und deren FreundenInnen. Alles wird fotografiert, gefilmt, gemailt und besprochen. Ich denke dieses Verhalten fordert von uns genauso Widerstände heraus, wie seinerzeit unsere langen Haare, unsere Musik (Rolligstones Jimmy Hendrix etc). Was eigentlich auch nur eine Verhaltensuniform ist, um zu seien Zugehörigkeit zu einer Gruppe zum Ausdruck zu bringen. Also ich war früher nicht besser, wenn es darum ging anders zu sein als die Alten, und je mehr die sich geärgert haben, je mehr fühlte ich mich in meiner Rolle als Revoluzzer bestätigt.
    Heute werden wir vom Staat in vielen Angelegenheiten, die unsere persönliche Freiheit, Selbstverantwortung, Gesundheit etc. betreffen für (vor)sorglich entmündigt, weil wir ja so “unmündigt” sind, auch das könnte ein Grund sein, warum sich viele an die wenigen verblieben “Freiheiten” ohne Rücksicht auf andere klammern.
    “Nichts lässt die Erde mit größer Sicherheit zur Höhle werden, als der Versuch des Menschen, sie zu einem Himmel zu machen” Friedrich Hölderlin

  • anton Tauscher schrieb:

    Ich bin ein sehr interessierter Leser Ihres Blogs und habe bis heute noch nie kommentiert. Zumeist war ich Ihrer Meinung.
    (wenn zwei immer gleicher Meinung sind, ist einer zu viel) ;)

    Dies könnte die Studie sein. Ich habe aber noch nicht die Zeit gehabt, die Primärquelle zu suchen.

    Ich bin übrigens nicht Ihrer Meinung, dass Exihibitionismus dahinter steckt. Es ist wohl eher so, dass Sie – weil Sie keinen besseren Grund haben – auch nur ein Mensch sind und sich eine Realität konstruieren. (Bitte verstehen Sie das nicht als Vorwurf)

    Auch ich hasse es, in der Bahn gestört zu werden. Werde ich aber angerufen, vertiefe ich mich in die Sache und durch die Intimität des Telefons am Ohr (innerhalb der Intimsphäre von 30 cm!) glaubt man zu flüstern (Intimität), obwohl man eigentlich schreit!

    Würde man eine Freisprecheinrichtung in der Bahn verwenden, würde es
    a) die Menschen nicht stören, weil sie alles mitkriegen
    b) man würde selber leiser sprechen.
    Aber wahrscheinlich konstruiere ich eben auch. ;)

    Stellen Sie sich vor, jemand zielt einige Meter vor Ihnen mit einem voll funktionsfähigen Scharfschützengewehr auf Sie und schießt mit echten Patronen. Die Kugel trifft Sie nicht, sondern geht im 90° Winkel weg und trifft eine Wand, die parallel zur Schussbahn steht.

    Was denken Sie da? Was glauben Sie, was könnte die Ursache sein?

    Weil Sie keine plausible Lösung haben, konstruieren Sie sich eine. [Die Lösung: Beide menschen stehen auf einer sich bewegenden Oberfläche, wobei nach dem Schuss die Bewegung zunimmt. Eigentlich bewegt sich alles, nur die Kugel bleibt auf ihrer ursprünglichen Bahn]

    Beste Grüße und weiter so!
    Anton

  • Manuel schrieb:

    Hallo Roland,

    nein, leider habe ich die Quelle nicht mehr parat. Hab auch vorhin erfolglos gegoogelt. Aber vielleicht kommt sie mir nochmal unter, dann poste ich gerne.

    Gruß, Manuel

  • Jawohl, mir voll aus der Seele gesprochen.
    Und ich dachte schon, ich wäre der einzige Mensch in dieser Galaxie, der so denkt.

    Ich bin mir aber unsicher, ob das mit der Zurschaustellung immer stimmt.
    Ein ähnliches Phänomen ist, dass viele Kids in Straßenbahnen laut Musik hören. Früher gab es Kopfhörer.
    Ich denke, die Individualisierung ist so weit fortgeschritten, dass Rücksichtnahme auf andere der eigenen Freiheitsberaubung gleichkommt.

  • Hallo Manuel,
    von der Studie habe ich noch nichts gehört, klingt aber interessant. Wissen Sie die Quelle der Studie?

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Manuel schrieb:

    Hallo,

    interessanter Beitrag! Ich habe mal von einer britischen Studie gelesen, dass es bei Handy-Gesprächen nicht unbedingt die Lautstärke ist, die andere stört, sondern die Tatsache, dass man nur einen Teil des Gesprächs mitbekommt und nicht das Ganze. Unser Gehirn kann mit diesem Umstand (noch) nicht gut umgehen. Wenn sich zwei Menschen im Zug unterhalten, können wir viel leichter “weghören” als bei einem Telefonat in der gleichen Lautstärke – wir sind unweigerlich aufmerksamer (wenn auch nicht interessierter), das Gesprochene wird kognitiv eher als störend empfunden, weil die andere – sinnergebende – Seite des Gesprächs fehlt.

    Prinzipiell sehe ich das auch so. Jemand, der gut erzogen ist, telefoniert nicht einfach laut daher, wenn Fremde dabei sind.

  • [...] Sehr lesenswert sind die Antworten von Roland Kopp-Wichmann auf die Frage: Warum telefonieren Menschen in der Bahn mit dem Handy? [...]

  • Hallo Gerhard,
    interessanter Punkt. Sich vergewissern, dass man noch nicht verloren ist. Aber was haben die Menschen früher im Zug gemacht, als es noch keine Handys gab?

    Sie haben sich mehr miteinander unterhalten. Auch eine Form der Selbstvergewisserung. Ich spreche, also bin ich.

    Danke, Gerhard, für Ihren Kommentar.

  • Gerhard schrieb:

    Die bisher diskutierten Motive für das laute Telefonieren in Zügen (Flughäfen, ….) glaube ich gerne. Ich denke es kommt noch etwas ganz anderes dazu: Unbewusste Ängste. Reisen mit modernen Verkehrsmitteln geht dem “Urmenschen” in uns gewaltig gegen den Strich. Und tatsächlich sind wir in einem ICE-Zug oder in einem Flugzeug völlig augeliefert und machtlos. Da hilft es dann schon, zu Hause anzurufen und ein Lebenszeichen von sich zu geben, mit dem wir auch uns selbst und der unmittelbaren Umgebung beweisen, dass wir noch leben. Pfeifen im dunklen Wald ….

  • Hallo Manfred,
    ja das Demonstrative daran scheint mir – jedenfalls bei vielen Menschen – ein wichtiges Motiv zu sein. Dass es auch etwas mit dem Zeigen von Status zu tun hat, sieht man auch daran, dass Jugendliche – die noch keinen besonderen Status haben – sehr viel Wert darauf legen, ein Handy – und möglichst das neueste – zu besitzen.

    Wohingegen wirklich erfolgreiche Menschen ja gerne sagen: “Ach, ich habe gar kein Handy.” Oder anders gesagt, nicht erreichbar zu sein – oder nicht sein zu müssen – und dennoch gefragt zu sein, ist der wahre Luxus.

    Danke für Deinen Kommentar.

  • Manfred schrieb:

    Ich sehe schon eine Lust am öffentlichen Sich-Zeigen. Fragt sich nur, was gezeigt werden soll. Meist vermute ich, es soll eine gewisse Stärke und Befähigung demonstriert werden. Der Telefonierende “regelt” etwas, aus seiner subjektiven Sicht zumeist auch souverän. Die Antworten auf der anderen Seite hören die Umstehenden ja nicht mit. Ferner demonstriert er, gefragt zu sein. Mal will ihn auch unterwegs sprechen, selbst in der Bahn, ohne Rücksicht auf die Öffentlichkeit, jetzt, sofort, ohne Aufschub. Seine Stimme scheint also rund um die Uhr gefragt zu sein. Am Rande demonstriert er, dass er die modernen Kommunikationsmittel beherrscht und sie bezahlen kann; bei kleiner Gehaltsgruppe und Jugendlichen ist das Mobiltelefon auch eine Möglichkeit der (finanziellen und sozialen) Abgrenzung.

    Mit anderen Worten: Der Telefonierende trachtet danach, soziale und wirtschaftliche Kompetenz zu zeigen. Sein Anliegen: er möchte, dass man mehr auf ihn hört und er mehr zu sagen hat. Er wünscht sich mehr Aufmerksamkeit. Angesichts dieser Motivlage würde mich nicht wundern, wenn Telefonate bisweilen sogar simuliert werden…

  • Hallo Rolf,
    danke für Ihren Kommentar.

    Das mit dem ungefragten Ausweiten der Privatsphäre in den öffentlichen Raum sehe ich auch so. Aber es bleibt die Frage, warum Menschen das tun.

    Ihre Idee, sich an dem unfreiwilligen Gespräch aktiv zu beteiligen, finde ich sehr kreativ. Ich nehme an, dass die meisten Telefonierer darauf ärgerlich reagieren würden und sich das verbitten würden. Ein Hinweis darauf, dass das laute Telefonieren in der Öffentlichkeit auch eine aggressive Komponente hat, die jedoch unter rationalisierenden Schutzbehauptungen (nicht verboten, muss arbeiten) verborgen wird.

  • Die Lust am öffentlichen Sich-Zeigen sehe ich weniger. Ich glaube eher, dass Handy & Co die Illusion einer kleinen Privatsphäre um sich herum erzeugen. So wie Hundebesitzer, deren Haustier wie selbstverständlich auch vor Ihrer Tür seine Notdurft verrichten darf: “Wo soll er das denn sonst machen, hier gibt es doch nicht viel Grün”, wie man erbost geantwortet bekommt. Der Kauf von Tieren und (portablen) Geräten wird immer als Kauf von weitgehenden Rechten in der Öffentlichkeit verstanden.

    Eine Illusion allemal. Wer den letzten James Bond gesehen hat (Casino Royal) weiß, wie das enden kann – das Handy wird als “Ortungsgerät” genutzt, wer sichtbar zum Handy greift, verrät seine Identität und Lokation und wird in der Folge vom lauernden Anrufer er- oder angeschossen.

    Eine drastischer Kollaps des vermeintlichen Privatsphärchens,natürlich.

    Es geht auch einfacher: wenn der Störenfried neben Ihnen sitzt, hören Sie doch mal demonstrativ zu (nicken, lächeln, Mmm-hmmmm sagen….) oder zücken Sie Ihren Voice-Rekorder und nehmen Sie das Geplapper demonstrativ in Reportermanier auf – Sie werden sehen, wie schnell Ruhe einkehrt.

  • Dan schrieb:

    I might also add that I am curious also about your reference to the setting in which these behaviors occur and whether the person is alone or not. It occurs to me that people are often alone and that it might be an attempt to compensate for their inability to interact with others face to face, whether it is on a consistent or temporary basis.

    I’m not sure if such a loud display is intended for the person on the phone or those hearing it. One other thing that makes me curious would be how others tend to explain such behaviors in others in terms of the chain of attributions they use; both length of chain and what type of attribution it is.

    For example, few would attribute it to chance and few would probably see it as a desirable outcome, and curiously enough, few intervene to stop this behavior. I know that some coffee shops in New York have posted rules on this to the delight of their customers. One person was told to leave by the management who was cheered for their efforts.

    Übersetzt:
    Mich interessiert noch, in welchen Umgebungen diese Verhaltensweisen auftreten und ob der Mensch alleine ist oder nicht. Mir scheint, dass Menschen oft allein sind und es dann vielleicht ein Versuch sit, ihre Unfähigkeit, mit anderen direkt zu kommunizieren, kompensiert werden soll. Entweder dauerhaft oder zeitweise.

    Ich bin mir nicht sicher, ob die Lautstärke auf die Person am Telefon zielt oder jene, die mithören. Interessant wäre auch zu erfahren, wie andere so ein Verhalten erklären also welche Gründe sie hier zuschreiben; also wieviele und wleche Zuschreibungen sie benutzen.

    Einige beispielsweise würden es zufällig zuschreiben und andere würden es als ein erwünschtes Ergebnis sehen, wenige würden das Verhalten versuchen zu unterbinden. Von einigen Coffee Shops in New York weiß ich, dass sie Regeln dafür aufgehängt haben – zur Freude ihrer Kunden. Einmal verwies ein Manager einen Kunden des Shops, was von den anderen Gästen freudig begrüßt wurde.

  • Dan schrieb:

    Wow! Loud cellphone talk is a topic that would get a lot of comments from my wife and I.

    To say that it is annoying is an understatement. I would say that the sociologist in me would point out that there is a certain amount of symbolic interaction that an individual is engaged in when they talk so loud.

    Of course, I would view their motives to include an attitude of self aggrandizement and a perceived overimportance of individual attribution. They somehow mistakenly perceive that others may benefit from their display and that others actually want to interact with them. They want others to think that the amount of individual control they have over others can be made into a social reality that benefit their own power.
    Dan

    Übersetzt:
    Wow: Über laute Handygespräche könnten meine Frau und ich eine Menge sagen.

    Zu sagen, dass es ärgerlich ist, wäre noch utnertrieben. Der Soziologe in mir meint, dass es da eine gewisse Menge an symbolischer Interaktion gibt, wenn jemand so laut spricht.

    Natürlich glaube ich, dass dabei Motive wie Selbstüberschätzung und eine wahrgenommene Überwichtigkeit mit eine Rolle spielen. Fälschlicherweise nehmen so Menschen an, dass andere von ihrer Vorstellung profitieren könnten und dass andere mit ihnen gern kommunizieren würden. Sie wollen, dass andere denken, dass das Ausmaß der individuellen Kontrolle, die sie über andere haben, in eine soziale Wirklichkeit übertragen werden kann, mit der sie sich ihre eigene Macht bestätigen.

  • [...] Ausweg aus diesem inneren Konflikt ist dann der Drang, etwas beweisen zu müssen. Siehe meinen Blog-Beitrag [...]

  • Die Forscher unterscheiden Satisficer und Maximierer.

    Der Satisficer sagt sich: Gut genug.

    Der Maximierer sagt sich: Ich will nur das Beste. Und damit programmiert er seine Unzufriedenheit.

    Ich habe kürzlich darüber geschrieben: “Gut genug” schlägt “Das Beste”.

  • […] geht es auch bei Vorsicht Persönlichkeitsentwicklung um Glück. Roland Kopp-Wichmann schreibt darüber, wie uns der Wunsch nach Perfektion das Glück raubt, weil wir uns über Erfolge nicht mehr […]

  • Almut Penzel schrieb:

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    toller Service ist das jetzt mit den einzelnen Podcasts! Die meisten Ihrer Beiträge sind ja recht gehaltvoll, so dass ich sie gerne immer mal wieder mir zu Gemüte führe. Das geht jetzt mit dem Runterladen auf meinen MP3-Player noch einfacher.
    Vielen Dank – und weiter so.

    Almut Penzel

  • Hartmut Rehbehn schrieb:

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    ich habe noch nicht viel Zeit mit Ihren Ideen verbracht, habe aber schon jetzt den Eindruck, das viele der Probleme die Sie beschreiben eben nicht nur rein persönlicher Natur sind, sondern zum Teil aus meiner Sicht ganz extrem ideologisch und damit meist gesellschaftlich begründet sind. Speziell beim Thema Perfektionismus der, wie auch ich vermute darin begründet ist, jemandem etwas beweisen zu wollen und dabei parallel sicherstellen zu wollen, das kein Makel zu finden ist (sonst bräuchte es ja nicht perfekt zu sein), sehe ich auch für mich seit Jahren das Problem, das meine Umwelt diese Forderung stellt. Wann ist denn jemand erfolgreich in unserer Welt ? Doch niemals dann in der Sicht der Allgemeinheit, wenn er etwas gut macht, sondern immer nur dann, wenn er es besser macht als die Anderen. Richtig erfolgreich ist jemand dann wenn er etwas so gut macht, das es kein Anderer besser kann oder wenn er etwas schafft, von dem man ausgegangen ist, das es keiner schaffen kann.
    In so einer (in meinen Augen feindlichen Umgebung) Erfolgserlebnisse zu haben und als Mensch bestätigt zu werden ohne diesen Anspruch an Perfektionismus, halte ich für fast unmöglich.

    Die Bestätigung “Richtig” zu sein und das was man macht gut zu machen, findet man in aller letzter Konsequenz nur in sich selbst. D.h. entweder den Perfektionismus leben und immer unzufrieden sein,weil es ja nicht erfüllbar ist, oder den “Makel” akzeptieren und sich nicht darum kümmern, was Andere davon halten. Beides ist ungesund und macht auf Dauer einsam. Vielleicht gibt es irgendwas dazwischen.

    Auch ich werde mich an einem Ihrer Seminare versuchen und hoffe auf eine Änderung meiner “Landkarte”.

  • Alf Gandrow schrieb:

    Hallo lieber Kopp-Wichmann,
    Ihr Artikel hat mir richtig gut getan. Nach einem langen Arbeitstag, wo ich natürlich mit meinen Ergebnissen nicht so recht zufrieden war, dann noch Familien-”Arbeit” zu Hause mit zwei kleinen Kindern. Ich war geschafft und hatte dieses bekannte Unzufriedenheitsgefühl, fast nichts gemacht zu haben.

    Da kam Ihr Artikel wie gerufen. Vor allem der Satz “Ich muss nichts mehr beweisen!” war wie ein Stoßseufzer und eine Erlösung. Ich glaube, ich will immer noch beweisen, dass ich genau soviel kann wie mein größerer Bruder, der immer ein Überflieger war.

    Vermutlich komme ich in den nächsten Monaten auf ein Seminar zu Ihnen, um dieses Thema gründlich zu klären.

    Bis dahin, danke und eine gute Zeit.

    Alf Gandrow

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