Warum können viele Menschen nicht zuhören? Acht Tipps.

giraffeschreitkind Warum können viele Menschen nicht zuhören? Acht Tipps.Wer aufmerksam eigene Gespräche oder die zwischen anderen Menschen verfolgt, kann unschwer feststellen, wie wenig Menschen in Gesprächen zuhören können.

Das erlebt man im Beruf bei Besprechungen, im Geschäft, wenn man etwas umtauschen will und natürlich auch mit den eigenen Kindern und dem Partner.

Die Regel ist eher, dass man selbst oder andere einen unterbrechen, um etwas richtigzustellen, zu kritisieren, zu bewerten. Oft merkt man schon am Gesichtsausdruck des anderen dessen geistige Abwesenheit. Auch bei sich selbst kann man feststellen, dass man beim Sprechen des Gegenübers oft nur auf ein Stichwort wartet, um seinen eigenen Gesprächsbeitrag – entweder gleich oder später – anzubringen.

Vor allem in Talkshows ist zu beobachten, dass viele Gäste gar nicht auf die Frage des Moderators antworten, sondern eine vorher zurechtgelegte Antwort loswerden wollen. Auch bei kontroversen Positionen folgt fast nie eine Nachfrage, die Neugier oder die Suche nach Verständnis des anderen zeigen würde. Insofern sind solche “Gespräche” selten Dialoge, sondern wechselseitige Monologe – in Anwesenheit anderer.

Doch Gespräche zum Austausch von Meinungen und unterschiedlicher Standpunkte sind enorm wichtig – in beruflichen wie privaten Beziehungen. Jeder kennt zum Glück auch Situationen, wo ein anderer tatsächlich zuhört, den Gesprächsfaden aufgreift und vertieft, sich wirklich interessiert für den anderen. Wie wohltuend, wie bereichernd für beide Seiten – und wie selten.

Warum ist Zuhören so schwierig?

Hierzu einige Überlegungen, was beim Zuhören alles berührt wird und welche Fähigkeiten es erfordert.

Beim Zuhören trifft unsere Landkarte auf die Landkarte des anderen.
Im Gespräch begegnen wir der Welt des anderen, genauer gesagt, seinem Bild – seiner Landkarte – von der Welt, das er sich zu einem bestimmten Thema gemacht hat. Dass dies nur die Landkarte über ein Stück Welt, jedoch nicht die Wirklichkeit an sich darstellt, ist den meisten Menschen nicht bewusst. Deshalb verteidigen sie ihre Landkarte auch mit passenden Argumenten, mit zum Teil heftigen Gefühlen und entsprechenden Wertungen des “Richtig” “Falsch”, des “Gut” und “Schlecht”.

Wenn man nun mit der eigenen Landkarte stark identifiziert ist – wie die meisten Menschen – fällt es naturgemäß schwer, einem Menschen mit einer anderen Landkarte zuzuhören, geschweige denn, sich dafür zu interessieren, wie dieser – vermutlich auch intelligente Mensch – zu einer ganz anderen Landkarte – gekommen ist. Doch das erfordert eine ziemliche Reife oder anders ausgedrückt, die Einsicht in die subjektive Beschränktheit der eigenen Sichtweise.

Doch für das wirkliche Zuhören ist genau dies erforderlich. Geligtg dies nicht – und das ist die Regel – kommt es zu gemeinsamen Monologisieren und gegenseitigen Bekämpfen des Standpunkt des anderen.

Was heißt das jetzt konkret?

Welche Fähigkeiten braucht es zum Zuhören?
Aus meiner Sicht sind es acht grundlegende Fähigkeiten:

  1. Die Fähigkeit, die eigene Meinung zurückstellen zu können.
    “Also, das sehe ich ganz anders” ist die Lieblingsreplik von Menschen, die zu allem, was jemand sagt, gleich ihre Meinung äußern müssen. Einem Gespräch ist dieser Reflex selten zuträglich. Denn meist bestreitet dann der eine den überwiegenden Teil des Gesprächs, weil der andere sich ärgert und zunehmend verstummt. Oder beide müssen dauernd ihre unterschiedlichen Standpunkte loswerden und kämpfen um die Worthoheit.
    Die Fähigkeit, seine Meinung – zumindest eine Weile – nicht zurückstellen zu können, hängt auch mit der Angewohnheit mancher Menschen zusammen, immer recht haben zu müssen. Sie erleben das Miteinandersprechen dann nicht als eine Gelegenheit, etwas Neues zu erfahren, sondern fühlen sich schnell dominiert. (Das mag etymologisch vom Wortstamm “hören – horchen – gehorchen” herrühren.)
    Wem es schwer fällt, seine Meinung zurückzuhalten, kann dies kommunikativ so lösen, dass er zwar andeutet, anderer Meinung zu sein, sich aber erst mal die Meinung des anderen hören will. Also indem er/sie sagt:
    “Ich bin zwar anderer Meinung aber mich interessiert, wie Sie zu Ihrem Standpunkt über … kommen.”
    “Ich finde es zwar falsch, was du sagst, will aber mal hören, wie du das begründest.”

    Wie schwer das Menschen fällt, können Sie in der Sendung mit Sandra Maischberger zum Thema “„Ufos, Engel, Außerirdische – sind wir nicht allein?“ kopfschüttelnd beobachten:
    [youtube]
  2. Die Fähigkeit, Unterschiede tolerieren zu können.
    In der Regel fühlen wir uns mit Menschen, die recht ähnliche Interessen, Meinungen und Werthaltungen haben, deutlich wohler. Ganz gleich, ob das jetzt politische, religöse oder kulturelle Überzeugungen sind. Auch Menschen mit dem gleichen Hobby (Hundezucht, Schachspielen oder Fußball) bringen wir erst mal Sympathie entgegen.
    Doch auch hier gilt: Unterschiede beleben das Gespräch und können zum Wissenszuwachs und Erkenntnisgewinn beider beitragen. Wenn zwei Fußballfans über ihren Sport begeistert reden, erfahren sie meist wenig Neues. Das ist in Ordnung. Doch begegnen sich ein begeisterter Fußballer uns ein ambitionierter Golfer wird es oft beim Thema “Sport” schnell kritisch, weil beide vehement ihre Sportart verteidigen.
    Auch in der Paarbeziehung ist die Bereitschaft und Fähigkeit, Unterschiede in der Wahrnehmung und Interpretation von Dingen und Ereignissen tolerieren oder ertragen zu können, eine Kernkompetenz in der Beziehungsgestaltung.
  3. Die Fähigkeit, Gefühle und Intuition miteinbeziehen.
    Die Gefühle des anderen wie auch die eigenen Empfindungen während eines Gesprächs sind neben den sachlichen Aspekten wichtige Informationsquellen. Diese angemessen anzusprechen, ist oft hilfreich und für das Gespräch vertiefend.
    Beispiele:
    “Sie schauen ganz interessiert, während ich Ihnen … zeige.”
    “Ihre Stimme klingt gedrückt, wenn Sie darüber sprechen.”
    “Sie sehen nachdenklich aus.”
    “Du wirst ganz ganz aufgeregt, wenn du davon erzählst.”
  4. Die Fähigkeit, etwas nicht gleich verstehen müssen.
    Wir Menschen sind keine rationalen Wesen. Wir handeln zumeist aus einer bunten Mischung von Motiven, Empfindungen, Ängsten und Erwartungen heraus. Oft wissen wir selbst nicht, warum wir etwas so und so sehen und vertreten.
    Höre ich von meinem Gegenüber öfters Feststellungen wie “Das ist doch völlig unlogisch!” oder “Das verstehe ich nicht, ich würde ganz anders handeln” kann das die Distanz zwischen den Gesprächsteilnehmern verstärken. Das mag für die eigene Abgrenzung wichtig sein, doch zur gegenseitigen Verständigung führt es nicht.
    Sie tun sich leichter, wenn Sie sich erlauben, das vom anderen Gesagte nicht gleich verstehen zu müssen. Trotzdem können Sie in Kontakt mit ihm bleiben, indem Sie beispielsweise sagen:
    “Du scheinst selbst noch hin und her gerissen zu sein.”
    “Irgendwie verstehst du selbst noch nicht, warum du so handelst.”
    “Es hört sich für mich widersprüchlich an aber für dich scheint es doch Sinn zu machen.”
  5. Die Fähigkeit, weiterführende Fragen stellen.
    Soll aus einem Gespräch nicht nur ein Wiederholen bereits bekannter Inhalte werden, bedarf es interessierter und intelligenter Fragen. Damit sind Fragen gemeint, die der andere nicht sofort beantworten kann, weil er erst nachdenken muss:
    “Was gefällt Ihnen an der Sache so?”
    “Warum haben Sie sich gerade für x entschieden?”
    “Was bedeutet es für Sie, als … zu arbeiten?”
  6. Die Fähigkeit, negative Wertungen zurückzustellen.streitendes paar small istock 000002108810xsmall Warum können viele Menschen nicht zuhören? Acht Tipps.
    Von klein auf werden wir darauf getrimmt, Dinge, Ereignisse, andere Menschen und uns selbst zu bewerten. Gut, richtig, gesund, schlecht, pfui, unbrauchbar usw. In vielen Kontexten sind Bewertungen durchaus sinnvoll. In einem Gespräch sind zu frühe Bewertungen meist Gesprächskiller. Sie bringen den anderen entweder dazu, seinen Standpunkt zu verteidigen und zu rechtfertigen. Oder er zuckt zurück, wird einsilbig und verstummt womöglich ganz.
    Wertungen tragen auch kaum etwas zum Inhalt und zur Erzählweise bei. Denn unser Gesprächspartner will uns ja etwas mitteilen, er hat selten den Wunsch nach einer Bewertung. Zuweilen bringt der Sprechende selbst Bewertungen ein:
    “Das interessiert Sie sicher nicht.”
    “Ich habe da eine Idee – aber die ist sicher unsinnig.”

    Hierzu gehört auch, wenn einem etwas nicht gefällt, nicht gleich gekränkt oder beleidigt zu sein. Das kann fürchterlich schwer sein, weil die eigenen Gefühle einen völlig überfluten können. Doch dann ist es immerhin noch besser, das angemessen zu äußern oder eine kurze Gesprächspause zu vereinbaren.
  7. Die Fähigkeit, möglichst wenig zu unterbrechen.
    Viele Gespräche ähneln Wettkämpfen. Wer hat die besseren Argumente, wer kann den anderen übertrumpfen? Das geschieht oft, indem man den anderen unterbricht. Das ist mitunter notwendig und kann belebend wirken, doch oft leidet unter der Hitze des Gefechts der Gesprächsinhalt.
    Damit sich ein Gespräch entwickeln kann – und nicht nur ein Abspulen bekannter Floskeln wird – braucht es Raum und Zeit. Es braucht Pausen, in denen beide das Gesagte und Gehörte verdauen und nachklingen lassen können. Diese Pausen kann der Sprecher nur dann machen, wenn ihm der andere diese Pause auch lässt. Je weniger man den anderen unterbricht, umso ruhiger und tiefer kann ein Gespräch werden.
  8. Die Fähigkeit, auszudrücken, was Sie verstanden haben. 64055296 39f19929f0 m Warum können viele Menschen nicht zuhören? Acht Tipps.
    Für einen selbst mag es genügen, nur zuzuhören. Doch der Sprechende weiß erst mal nicht, ob Sie ihm zuhören – vor allem wenn Sie ihn nicht anschauen. Er weiß vor allem nicht, was Sie gehört bzw. was und wie Sie das Gehörte verstanden haben.
    Deshalb ist es wichtig, an bestimmten Punkten dem Sprecher zurückzumelden, dass Sie zuhören – und was Sie verstanden haben. Oft geht es auch ja nicht nur darum, was gesagt wurde, sondern was gemeint wurde. Also jene Anteile des Gehörten wiederzugeben, die der Sprecher aus welchen Gründen auch immer nur angedeutet hat. Dabei handelt es sich oft um Gefühle, Überzeugungen, Werte, Bedürfnisse oder Wünsche.

    photo credit: [phil h]cc Warum können viele Menschen nicht zuhören? Acht Tipps.

    Als Zuhörer können Sie sich fragen:
    Was empfindet mein Gesprächspartner gerade?
    Was ist ihm an dem, was er gerade sagt, so wichtig?
    Worum geht es ihm? Was wünscht er sich?

    Der Einstieg für Ihre Rückmeldung könnte heißen:
    “Aha, du meinst also …”
    “Dir ist also wichtig, dass…”
    “Du möchtest gerne …”
    “Du bist frustriert, weil…”
    “Du denkst … , weil …”
    Wenn Ihnen etwas unklar ist, können Sie sagen:
    “Könnte es sein, dass …”
    “Ist es möglich, dass …”
    “Meinen Sie damit, dass …”

“Die Kunst des Zuhörens” ist der Titel zweier Bücher und beschreiben damit wohl am besten, dass Zuhören eine Fähigkeit ist, die einem nicht in den Schoß fällt und immer noch verbessert und vertieft werden kann. Ich wünsche Ihnen dabei viel Erfolg.

Und welche Erfahrungen haben Sie mit Zuhören gemacht?
Wann fällt es Ihnen leichter? Und wann schwerer?

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 Warum können viele Menschen nicht zuhören? Acht Tipps.

11 Kommentare

  • Liebe Frau Dallmann,
    natürlich ist es leichter zuzuhören, wenn einen das Gesagte auch wirklich interessiert. Aber ich finde, mit Menschen, die einem wichtig sind (Familien oder Freunde etc.) kann man auch zuhören, wenn man spürt, dass das Gesagte für den Anderen wichtig ist. Man hört dann nicht wegen der Sachebene zu, sondern wegen der Beziehungsebene.

    Dann ist es auch möglich, dem anderen Fragen zu stellen, nicht weil einen die Antwort so sehr interessiert aber weil einem das Gespräch, die Beziehung wichtig ist.

    In dem Punkt 4 denke ich, dass beide Formulierungen möglich sind. Ihr Formulierungsvorschlag ist ein bisschen weicher, meiner etwas direkter, also mehr schon eine Deutung. Aber das funktioniert meiner Erfahrung nach. Es geht sogar noch kürzer, nämlich so:
    “Noch unsicher, hm?” oder
    “Irgendwie noch hin und hergerissen, hm?”

    Danke für Ihren ausführlichen Kommentar.

  • Petra Dallmann schrieb:

    Hallo Herr Koop-Wichmann,

    ich finde Ihre Ausführung sehr interessant und Lehrreich. In vielen meiner Gespräche merke ich, dass das häufigste Problem, vorallem in der Familie, das mangelende Interesse an dem Gesagten ist.
    Gerade in vielen eingefahrenen Beziehungsmustern habe ich, auch aufgrund von Enttäuschungen, nicht die Lust wirklich zu zuhören und neige dann dazu zu unterbrechen. Mir ist dies durchaus bewusst, aber ich bin dann nicht bereit das zu ändern. Ich denke Erwartungen spielen dann auch eine große Rolle. Ich erwarte nciht allzuviel von meinen Gesprächen mit diesen Personen.
    In Ihrem Punkt 4. ist mir aufgefallen, dass ich den Vorschlägen nicht ganz zustimmen kann (Du scheinst selbst noch hin und her gerissen zu sein.”
    “Irgendwie verstehst du selbst noch nicht, warum du so handelst.”), da diese Äußerungen unter Umständen mein Gegenüber angreifen könnten, da sie in Du Botschaften formuliert wurden, besser wäre doch zu sagen: ich habe dass Gefühl, dass Du noch hin und hergerissen bist oder weißt Du, warum Du so handelst? Ich fühle mich unsicher bei Deiner Aussage…
    Ich finde Ihre Zusammenfassung sehr gut und mein eigenes Verhalten spiegelt sich darin.
    Schönen Gruß
    Petra

  • Hallo Ana,
    diesen Unterschied in der Kommunikation kenne ich. Er hat mit unterschiedlichen Einstellungender Geschlechter zum Leben und damit auch zum Gespräch zu tun.

    Jungen lernen von klein auf, dass es im Leben auf das Gewinnen ankommt und zu zeigen, wer es am besten kann. Deshalb erzählen Männer untereinander meistens kaum etwas Persönliches, sondern möglichst unterhaltsame Geschichten. Wem man am meisten zuhört, hat “gewonnen.”

    Mädchen hingegen lernen von klein auf durch Spiele, dass es im Leben auf Beziehungen ankommt. Deswegen verstehen sie unter einem Gespräch eben mehr persönliche Inhalte.

    Ob derlei tief verwurzelten Gewohnheiten durch ein Seminar zu verändern sind, bezweifle ich. Einen Blogartikel habe ich dazu nicht verfasst, aber es gibt eine Menge Bücher zu dem Thema.

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Ana schrieb:

    Hallo Herr Kopp-Wichmann

    Kann es sein, dass sich Kommunikationsstile auch (generell) Geschlechtern zuteilen lassen? (Typisch weiblich, Meinung als Frage verkleidet ;-) )Mein Partner versteht unter einer guten Unterhaltung etwas anderes als ich. Während für ihn ein gutes Gespräch ein Aneinanderreihen möglichst unterhaltsamer Anektoten und Erlebnisse bedeutet, ist eine gute Unterhaltung für mich nur dann möglich, wenn mein Gegenüber auf mich eingeht, nachfragt oder nachhakt.
    Diese Kluft kann in einer Partnerschaft zu einem grossen Problem werden, da ich mich als “weniger-Rednerin” benachteiligt und auch gelangweilt fühle. Über das Problem zu reden ist schwierig, da wir beide überzeugt sind, zuzuhören. Wer hat nun recht und wer irrt`?

    Ist ihnen diese Problematik bekannt? Und haben sie dazu vielleicht Blogs veröffentlicht oder bieten sogar Seminare an? Welche Strategien lassen sich hier anwenden um konstruktiv an unserer Kommunikation zu arbeiten.
    Herzliche Grüsse
    Ana

  • Hallo Herr Ollenschläger,

    Ihre Sicht auf die Welt und das Leben ist mir zu pessimistisch. Ich kenne viele Paare, die die Praxis der Zwiegespräche aufgegriffen und in ihr Leben integriert haben. Das Leben ist doch nicht nur Kampf. Aber vielleicht haben Sie persönlich andere Erfahrungen gemacht.

    Danke für Ihren Kommentar.

  • Ollenschläger, Günther schrieb:

    So müsste es eigentlich sein! Die Wirklichkeit ist jedoch anders. Warum? Weil wir Menschen zu sehr mit uns selbst beschäftigt sind und daher keine Geduld und Zeit aufbringen wollen, uns die Sorgen und Probleme anderer Menschen anzuhören.

    Wir haben es verstanden, eine Demokratie aufzubauen, Gesetze geschaffen, um das Leben zu organisieren. Die Forschung ist bestrebt, immer neuere Techniken zu erfinden, um die Wirtschaft anzukurbeln und dem Menschen eine funktionierende Umwelt zu präsentieren.

    Aber leider ist der Mensch dabei auf der Strecke geblieben. Er fühlt sich überfordert. Sein Lebensraum wird bedroht. Er muß, um zu überleben zu viel kämpfen. Das bindet seine Kräfte und es bleibt für andere nicht mehr viel übrig.

  • Uli schrieb:

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    Zu dem Beispiel mit der Amsel: Ich denke man nimmt Kindern nicht nur etwas durch das Werten und Benennen von Dingen. Insbesondere nimmt man Kindern meiner Ansicht nach viel, wenn man ihnen zu schnell Lösungen anbietet oder ihnen zeigt, wie man etwas vermeintlich am besten macht. Sie sind noch so kreativ und “unverdorben” – ihre innere Landkarte ist eben noch nicht fertig und es ist erstmal alles möglich.

    Übrigens hoffe ich, dass Sie das Thema meines ersten Kommentars aufgreifen werden. Es gibt ja inzwischen noch einen weiteren Kommentar mit der Frage nach der Rolle der Mutter und des Vaters in der Entwicklung eines Mädchens zur Frau. Darauf bin ich schon sehr gespannt.

    Herzliche Grüße,
    Uli

  • Hallo Ulli,
    herzlichen Dank für Ihren Kommentar.

    Ich finde es auch schwer, nicht überall Bewertungen vorzunehmen. Unsere gesamte Kultur basiert ja auch Bewertungsskalen. Schulnoten, Zeugnisse, Bestenlisten usw. Der Vorteil von “inneren Landkarten” – und Bewertungen gehören dazu – ist, dass sie Komplexität reduzieren. Man glaubt, besser Bescheid zu wissen.

    Der Preis für dieses “funktionale Wissen” ist der weitgehende Verlust des Wahrnehmens. Ein Kind sieht etwas schwarzes, das auf dem Boden flattert. Der Erwachsene sagt: “Das ist eine Amsel.” Ab diesem Moment wird das Kind nicht mehr den Vogel wahrnehmen, sondern nur noch sagen “Amsel!” Es hat etwas wiedererkannt – aber um den Preis der genaueren Wahrnehmung.

    Das Beispiel, das Ihnen mit Ihren Kindern auffiel, ist aufschlussreich. Auf der einen Seite steht das Bedürfnis des Kindes wahrgenommen zu werden und “gespiegelt” zu werden, wie man in der Entwicklungspsychologie herausgefunden hat. Andererseits ist die Frage, ob das Kind auch ein Bedürfnis nach Bewertung (Kritik oder Lob) hatte. Ich glaube nicht.

    Doch was kann man dann überhaupt sagen? Ich erinnere mich an meine Versuche als junger Vater mit unserem vierjährigen Sohn, der mir ein selbstgemaltes Bild zeigte. Der Dialog:
    “Schau mal, Papa!”
    “Du hast ein Bild gemalt.”
    “Ja, ein Haus auf einer Wiese.”
    “Und das Haus hat Fenster.”
    “Klar, sonst wäre es ja dunkel drin.”
    “Und man kann herausschauen aus dem Haus.”
    “Hm.”
    “Und wer wohnt in dem Haus?”
    “Der Weihnachtsmann natürlich!”

  • Uli schrieb:

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    diesen Vorschlag für einen Blogbeitrag haben Sie aber wirklich sehr schnell aufgegriffen! Danke für ein weiteres Lesevergnügen!

    Sie haben das Thema vom Blickwinkel der Kommunikation beleuchtet. Besonders interessant fand ich, wie Sie auch dies in Zusammenhang mit Ihrer Vorstellung der inneren Landkarten gebracht haben.
    Außerdem hat mir der Punkt gefallen, dass wir von klein auf darauf getrimmt werden zu werten (was ich wohl eben auch tue :-) . Darüber habe ich vermutlich zum ersten Mal ernsthaft vor etwa einem Jahr nachgedacht – angeregt durch meine eigenen Kinder. Auf den wohlbekannten Satz “Mama, sieh mal” folgte oft ein “Oh, das hast Du aber toll gemacht” oder “Oh, wie schön” meinerseits. Allerdings war dabei war damit oft nur gemeint, ich solle mir etwas ansehen – ohne es zu werten, sie wollten einfach nur einen Anblick teilen.

    Herzliche Grüße,
    Uli

  • Hallo Latita,
    herzlichen Dank für Ihren Kommentar. Sie haben recht, das wäre auch ein Thema für einen Blogbeitrag. Bis dahin ein paar Anregungen.

    Meist “finden” sich ja Menschen, die viel reden und Menschen, die wenig reden. Denn beide Kommunikationsstile ergänzen sich. Doch bleiben beide zuweilen unzufrieden. Oft ist dem “Vielredner” gar nicht bewusst, dass er durch seinen Redestil den anderen blockieren kann.

    “Dann sag doch auch mal was!” ist eine häufige Antwort. Und tatsächlich oft klappt das. Einfach unterbrechen oder zwischenrein reden. Viele “Vielredner” nehmen das gar nicht übel, da sie es ja selbst auch tun, und empfinden das eher als eine lebhafte Unterhaltung.

    Für den “Wenigredner” ist das natürlich oft eine Riesenüberwindung. Hat er doch die innere Landkarte, dass man einander ausreden lässt und alles andere unhöflich ist. Aber das ist eben auch nur eine Landkarte. Aber wenn man nur immer “brav” sein will, kommt man in bestimmten Situationen nicht weit, wird vielleicht auch als zu wenig selbstbewusst oder durchsetzungsfähig wahrgenommen.

    “Vielredner”, denen ihre Eigenschaft bewusst ist, können sich angewöhnen, hin und wieder nachzufragen “Rede ich zu viel?” oder einfach mal alle paar Sätze eine Pause machen.

    Viel Erfolg beim Ausprobieren!

  • Das Zuhören geht eigentlich, da mir anerzogen wurde, den anderen erst ausreden zu lassen ^^. Wobei man machmal gar nicht zu Wort kommt, wenn man nicht mal etwas einwerfen würde. Viele haben es nämlich auch verlernt andere zu Wort kommen zu lassen. Damit meine ich nicht, nicht zuhören können, sondern gar nicht auf die Idee kommen, dass der andere auch was sagen wollte und dann werden halbe Refarate abhalten. Das ist auch eher mein Problem: reden. Meistens rede ich zu schnell um eben alles wichtige in die 2min Aufmerksamkeitsspanne zu packen. Oder gar nicht erst … komisch bei einer Frau *lach*

    Das wäre vielleicht auch ein interessantes Thema, wie man seine Rede-Angst kontrollieren oder überwinden kann. Ihren/Deinen Beitrag finde ich jedenfalls sehr gelungen. Oder wie bringe ich jemanden dazu, mir zuzuhören?

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