Die Muse küsst nur fleißige Kreative.

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Und warum Ihr Smartphone Ihre Kreativität verhindert.

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Die Muse ist seit der Antike als göttliche oder genialische Inspirationsquelle für Künstler genannt. Ursprung ist die antike Vorstellung, dass Ideen sich nicht von selbst entwickeln, sondern von Göttern (oder eben den Musen) von außen eingegeben werden. In der antiken Mythologie sind die Musen Quellnymphen – neun Schwestern, die vom griechischen Vatergott Zeus mit der Quellgöttin Mnemosyne (Göttin der Erinnerung) gezeugt wurden.

Neuzeitlichere Anschauungen, vor allem durch Psychoanalytiker wie Freud und C.G. Jung, sprechen vom Unbewussten als Quelle der Kreativität. Woher auch immer diese geheimnisvolle Kraft kommt, sie steht für das noch nicht wahrgenommene Potenzial, das entweder in uns steckt oder außerhalb von uns ist. Von daher kommen die Ideen und Einfälle.

Egal ob man  wie ich eine Idee für einen Cartoon braucht. Oder einen neuen Einfall für ein dringendes Problem will. Oder einen originellen Einstieg für eine Präsentation sucht – wir brauchen die Hilfe der Muse.

Doch die Muse scheint launisch zu sein. Man kann zwar stundenlang im Café sitzen, Zigarillos rauchen und über einem genialen Text brüten aber – kein Einfall, der es wert wäre, festgehalten zu werden.

Wie kommt das? Warum haben manche Menschen so viele Ideen, dass sie jedes Jahr ein neues Buch rausbringen. Oder wie Woody Allen jedes Jahr einen Film. Oder wie Horst Seehofer alle drei Monate eine Idee, wie er andere ärgern kann.

Ich stelle mir vor, dass auch die Muse einen bestimmten Arbeitsstil hat.

 

So arbeitet die Muse.

Jeden Tag dreht sie ihre Runden im Orbit. Ob zu Fuß oder einem intergalaktischen Gefährt ist nicht bekannt. Mit dabei hat sie jedoch ihr Füllhorn mit Ideen. Ähnlich wie Knecht Ruprecht oder der Weihnachtsmann verteilt sie Geschenke – aber in Form von Ideen.

Beethoven gab sie Da-da-da-daaaaa. Stephen King bot sie Carrie an.

Wenn die Muse von da oben (oder unten) Ihren Arbeitsplatz betrachtet, schaut sie danach: Sitzen Sie an Ihrem Schreibtisch? Sind Sie im Atelier? Am Klavier? Am Laptop?

Sie sind nicht da? Okay, sie gibt Ihnen etwas Spielraum – und verspricht, morgen noch mal vorbeizuschauen.

Was, wenn Sie da wieder nicht am Arbeiten sind? Und am Tag danach auch nicht?

Dann runzelt die Muse die Stirn. Sie ist verwirrt und enttäuscht. Vielleicht sogar not amused.

Kann es sein, dass Sie ihre Hilfe gar nicht wollen? Dann kommen Sie auf ihre Liste der faulen Jungs und Mädchen. Wie wird sie Sie bestrafen? Oh, nichts Auffälliges. Sie entzieht Ihnen einfach ihre Gunst.

Dann hängen Sie an einem Projekt an einer schwierigen Stelle. Der Muse ist das jetzt egal. Sie sind nun allein auf sich gestellt. Lösen Sie das gefälligst selber.

 

Wann die Muse Sie mag.

Aber angenommen, die Muse trifft Sie am Montag, wie Sie hart an Ihrem Projekt arbeiten. Dasselbe am Dienstag. Und am Mittwoch.

Jetzt lächelt die Göttin! Sie spürt, dass Sie dran bleiben. Dass Sie wirklich ein Ziel verfolgen. Es macht gar nichts, wenn Sie nur eine Stunde am Tag an Ihrem Kreativprojekt arbeiten. Oder mal Tage auslassen. Denn die Göttin kann Ihre Gedanken lesen, sie spürt Ihre Absichten. Solange Sie ihr durch Ihre Ernsthaftigkeit Respekt erweisen, sind Sie auf ihrer Bonus-Liste.

Und wie belohnt Sie sie?

Sie schickt Ihnen die rettende Idee, wenn Sie festhängen. Oder eine Schreibblockade haben. Der Einfall kommt Ihnen während Sie gar nicht daran denken, beim Duschen vielleicht oder in der U-Bahn oder beim Gassigehen mit dem Hund.

Sie denken, es war Ihre Idee. War’s aber nicht. Es war ihre. Sie hat sie Ihnen geschenkt.

Ist das Zauberei? Oder gar ein Wunder? Nein, es ist ganz simpel. So funktioniert das immer mit der Kreativität.

Wir hängen uns rein, arbeiten hart und geben unser Bestes. Und plötzlich passieren tolle Sachen. Das ist die Verbindung von harter Arbeit und Inspiration.

So machen es alle Profis.

Sie arbeiten an ihrer Selbstdisziplin und Ausdauer – und schieben nichts auf, sondern gehen ihre Widerstände an.

Wir machen das alles aus einem einzigen Grund: damit wir dasitzen können, wenn die Muse in ihrem Raumschiff vorbei segelt. Denn so sind die beiden Dinge verbunden – harte Arbeit und Inspiration.

Sorgfalt und Achtsamkeit produzieren Inspiration, weil es die Muse respektiert. Genie oder Brillanz beeindrucken sie nicht. Sie liebt Schweiß.

Also, schieben Sie Ihren Hintern ins Studio. Setzen Sie sich ans Klavier oder an den Schreibtisch. Fahren Sie den Mac hoch.

Sehen Sie sich selbst aus dem Blickwinkel der Muse. Dann wissen Sie, was Sie zu tun haben.

 

Warum Ihr Smartphone Ihre Kreativität Tötet.

Weil ungerichtetes Denken, früher hieß das „Langeweile“, eine wichtige Quelle der Inspiration und Kreativität ist.

Früher schaute man in der Bahn aus dem Fenster und hing seinen Gedanken nach. An der Haltestelle blickte man dem Treiben um sich herum zu. Im Aufzug starrte man auf den Boden.

Und heute?

In jeder freien Minute holen die meisten Menschen ihr Smartphone heraus. Und schauen nach, ob in den letzten fünf Minuten nicht jemand eine Mail geschrieben hat. Keine Mail? Dann schnell mal bei Facebook checken, irgendein Video findet sich da immer. Oder noch schlimmer – einfach zum hundertdreiundvierzigstes Mal die eigenen Fotos durchscrollen.

Langeweile ade! Mit ihr aber auch Ihre Kreativität.

Denn in dem Moment, wo Sie sich mit etwas beschäftigen, hat Ihr Geist etwas zu tun (auch wenn es ziemlich sinnfrei ist). Und eben keine Zeit, via Unbewusstem neue Verbindungen zu knüpfen. Die Auszeiten für das Gehirn schwinden – und damit die Gelegenheiten für originelle Ideen und Geistesblitze.

Als mir das klar wurde, dass mein Geist sich immer mal wieder ausruhen und leeren muss, um für neue Ideen offen zu sein, schränkte ich meinen Smartphone-Gebrauch drastisch ein. Schaltete den Benachrichtigungston aus. Ließ es öfter zu Hause oder im Auto liegen, wenn ich Besorgungen mache.

Und entspanne mich beim Warten an der Supermarktkasse. Lese ein Buch ohne gestört zu werden. Schreibe diesen Artikel mit Quietwrite, einem Tool, das die Ablenkungen durch das Internet ausschaltet.

Wenn Sie aber schon ein richtiger Digital-Junkie sind und einen Entzug brauchen, hier kommt eine Anleitung:

 

 

Wollen Sie auch kreativ sein?

Dann warten Sie nicht länger auf den Kuss der Muse.

Setzen Sie sich hin! Fangen Sie an!

Auf die Muse ist Verlass. Auf Sie auch?

 

 

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Bild: © www.cartoon4you.de

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

10 Kommentare

  1. ich guck zwar auch oft auf mein Smartphone, bin ja ein Smartphonefreak, aber ich hab alle Notifications (ausser das Telefon) grundsätzlich auf lautlos – so kann ich entscheiden, wann und ob ich mich um irgend was unwichtiges kümmern kann und kann mich auch mal ganz entspannt hinsetzen und ggf einfach mal nichts tun (oder zumindest was lesen)

  2. HK sagt

    Auf gute Ideen komme ich beim Autofahren, wenn ich Musik höre und nicht mehr das Radio, das mich davon abhält, meinen Gedanken freien Lauf zu lassen. Und mal ehrlich, was beleibt von den Beiträgen im Radio tatsächlich hängen? Vergleichsweise wenig!

  3. Hallo Herr Kopp-Wichmann,

    Ihr Blog ist wirklich eine sehr inspirierende Quelle. Tolle Texte, starke Bilder und Aussagen, die hängen bleiben. Klasse!

  4. Dem kann ich nur zustimmen. Voraussetzung für Kreativität ist in jedem Fall Disziplin und Durchhaltevermögen, auch wenn’s mal schwierig wird!

  5. Sina sagt

    Kann ich nur zustimmen.
    Viele Songs sind plötzlich mitten im Nacht entstanden, sagen meistens die Musiker.
    Es wäre schön, wenn Sie etwas mehr über solche Sachen schreiben wurden.
    Ich meine Kreativität braucht jeder im seinem Bereich. Ob das Künstler oder Informatiker sind.
    PS: Grammatikfehler sind mir bewusst.

  6. Michael sagt

    „Inspiration exists, but it has to find you working.“ –– Pablo Picasso.

  7. so schön rücksichtslos und aus einem frischen blickwinkel betrachtet… danke dafür.

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