Warum erfolgreiches Coaching die Emotionen berühren muss.

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Coaching

Und welche fünf Irrtümer es beim Coaching gibt.

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Obwohl viele Führungskräfte und Mitarbeiter bereits Coaching kennen und unzählige Artikel dazu erschienen sind, gibt es ein paar verbreitete Irrtümer im Coaching – und zwar auf beiden Seiten. Einige davon will ich hier mit den Erfahrungen als Coach zurecht rücken.

 

1. Irrtum: Im Coaching bekommt man Werkzeuge an die Hand.

Zwar wünschen sich die meisten Menschen genau das, aber ich muss diese Erwartungen gleich in der ersten Stunde enttäuschen. Alle Fragen à la

  • Welche Tipps gibt es, mein Selbstbewusstsein zu stärken?
  • Wie gehe ich am besten mit dem schwierigen Mitarbeiter X um?
  • Wie löse ich den Konflikt mit meinem Chef?

Natürlich könnte man dazu zahlreiche Ratschläge geben, aber das bringt meist wenig. Das Internet und zahllose Bücher geben Unmengen von Informationen und Strategien für derlei Situationen. Das ist viel billiger als eine Coachingstunde.

Der Haken: Menschen, die einen Coach aufsuchen, haben etliches davon gelesen – setzen es aber nicht um. Weil das nicht für sie passt. Weil sie sich das nicht trauen. Weil sie Angst vor den Konsequenzen oder den Reaktionen des anderen haben. Weil innere Konflikte sie daran hindern.

Typisches Beispiel:

Coachee: „Mein Chef kanzelt mich vor versammelter Mannschaft immer wieder ab. Das ärgert mich kolossal. Was kann ich da tun?“
Coach: „Haben Sie ihm das schon mal in einem Gespräch gesagt?“
Coachee: „Mit meinem Chef kann man nicht reden. Über sowas schon gar nicht.“

Will man als Coach jetzt nicht in die „Mehr-Vom-Selben-Falle“ tappen und weitere Tipps geben, braucht es einen anderen Zugang. Man muss herausfinden, was den Coachee hindert, die ersten Schritte in die gewünschte Richtung zu gehen.

 

2. Irrtum: Wenn man sich gegenüber sitzt, kann es losgehen.

Will man einen Kuchen backen, steht im Rezept meistens: „Nehmen Sie die Butter eine Stunde vorher aus dem Kühlschrank.“

Ein ähnliches Anwärmen gilt auch für das Coaching. Beim ersten Gespräch sitzen sich zwei Fremde gegenüber. Der Coach hat meist den Heimvorteil seiner eigenen Räume. Für den Coachee ist aber alles neu. Der Raum, die Situation, der Mensch. Deshalb ist das „Anwärmen“ in der Beziehung enorm wichtig, will man nicht nur genormte Antworten auf seine Fragen erhalten.

Ich mache das u.a. durch zwei Informationen, die ich schon bei der Terminvereinbarung ankündige:

  • „Ich schicke Ihnen noch ein Vorbereitungsblatt, das Sie mir bitte ausgefüllt spätestens einen Tag vorher zurück mailen.“
  • „Zu Beginn gehen wir eine Stunde spazieren.“

Das mache ich natürlich nur in meinen 3-h-Coachings und es hat sich als sehr produktiv erwiesen. Das gemeinsame Gehen lockert den Geist und die Atmosphäre, der Coachee fühlt sich zu Beginn nicht dauernd von mir beobachtet. Viele denken ja, der Psychologe ist eigentlich Hellseher und errät alle Gedanken.

Nach der Stunde gehen wir wieder in meine Praxis, ich biete Kaffee oder Tee an – und dann vertiefen wir den Prozess. So nähern wir uns auf eine indirekte Weise einander an, der Coachee fühlt sich zunehmend wohl und das ist am Anfang für das weitere Vorgehen sehr wichtig.

 

3. Irrtum: Der Coachee braucht vor allem Verständnis für seine Situation.

Natürlich hilft es zu Beginn, wenn man die Ansichten und Gefühle des Coachees teilt, denn er fühlt sich ja meist unverstanden, allein, rat- oder hilflos. Doch Coaching ist keine Wellnessbehandlung.

[tweetable]Ein erfolgreicher Coach darf sich nicht scheuen, den Finger in die Wunde zu legen. [/tweetable]

Das bedeutet, keine Opferrollen oder ausführliche Schuldzuweisungen des Coachees durchgehen zu lassen bzw. sich dazu verleiten lassen, hier Partei zu ergreifen.

Meine Devise ist dabei: Verbindlich im Ton aber sehr direkt in der Sache!

Dabei hilft es, ein guter Diagnostiker zu sein, der ziemlich schnell erkennt, wie der Coachee zu dem Problem beiträgt. Das ist nicht unbedingt das, was der Mensch hören möchte. Aber mein Coaching soll sich ja deutlich von dem unterscheiden, was er von Freunden, Partnern, Kollegen etc. schon hinreichend gehört hat (Dein Chef ist ein A…, du musst einfach andere Prioritäten setzen, du nimmst das zu persönlich, du musst öfter nein sagen, das ist aber Jammern auf hohem Niveau …)

Hier ein paar Beispiele, was ich zuweilen sage:

„Was sagt Ihnen diese Situation über Sie selbst, dass Ihnen das immer wieder passiert?“

„Warum erzählen Sie mir das? Sollte das nicht Ihr Chef/Mitarbeiter/Kunde erfahren? Was befürchten Sie bisher, wenn Sie das dort sagten?

„Könnte es sein, dass an dem Feedback Ihrer Mitarbeiter, das Ihnen so missfällt, etwas ganz Wichtiges stimmt?“

„Angenommen, ich würde sagen, dass Ihnen da eine Portion Einfühlungsvermögen fehlt – wie würden Sie das verstehen?“

[tweetable]Erfolgreiches Coaching ist oft eine Gratwanderung am Rand der Komfortzone.[/tweetable]

Sich verändern ist mitunter harte Arbeit. Beim ersten Gleitschirmflug nur an ein paar Schnüren hängend auf einen Abhang zuzurennen, erfordert Mut. Und das Vertrauen in den Begleiter, der einem versichert, dass es höchstwahrscheinlich gut gehen wird.

 

4. Irrtum: Veränderung passiert über Einsicht.

Wohl der verbreitetste Irrtum bei Trainern, Coaches und oft auch Therapeuten und den Menschen, die zu ihnen kommen. Der Gedanke dahinter: wenn der andere verstanden hat, warum er so handelt, wird er sein Verhalten ändern. (Der zweitverbreitetste Irrtum: Leidensdruck erhöht die Motivation.)

Meine Meinung dazu: Einsicht schadet nicht. Aber zur Veränderung braucht es vor allem eine starke emotionale Beteiligung zu dem Thema.

Dazu ist es wichtig, den Coachee immer wieder in die Achtsamkeit zu führen, statt dass man im Gespräch auf der Ebene des Alltagsbewusstseins hängen bleibt.

Beispiel: Angenommen, jemand ist vor Vorträgen oder Präsentationen zwei Tage lang mordsaufgeregt. Will man das jetzt genauer untersuchen, ist der dabei angesprochene Bewusstseinszustand entscheidend.

Die Frage: „Was macht Sie so aufgeregt?“ führt meistens zu Antworten und Erklärungen aus dem Verstand, die wenig weiterhelfen:

„Ich mag es einfach nicht, so im Mittelpunkt zu stehen.“
„Ich weiß, dass es Quatsch ist, aber ich bin trotzdem aufgeregt.“
„Ich habe Angst irgendwo steckenzubleiben, das wäre fürchterlich.“

Alle diese Antworten führen aber in die Breite, man bekommt noch mehr Informationen, aber keine Richtung, keinen Zugang in die Tiefe und Informationen darüber, was hinter der Redeangst steckt.

Danke für diese lesenswerten Zeilen, Herr Kopp-Wichmann.

Sie sprechen mir aus der Seele. Am Wochenende haben wir unseren aktuellen Ausbildungsjahrgang zertifiziert und sind immer wieder auf diejenigen Themen gestoßen, die sie fokussieren.

Ich habe Ihren Beitrag soeben verlinkt und in den sozialen Kanälen empfohlen. Das werde ich sicherlich in den nächsten Wochen wiederholen.

[tweetable]Deswegen führe ich schon im ersten Coaching-Gespräch die Achtsamkeit ein.[/tweetable]

Meist in Verbindung mit einer Frage:

„Ich möchte Ihnen gleich eine Frage stellen, bitte Sie aber, nicht über die Antwort nachzudenken, sondern einfach zu warten, was für eine Reaktion in Ihnen auftaucht. Am besten, Sie schließen dazu die Augen, machen es sich bequem, entspannen sich. … Wenn Sie soweit sind, sagen Sie Bescheid, dann hören Sie meine Frage.“

Manche sind ein bisschen verwundert, weil sie damit nicht gerechnet haben, aber da das Ganze harmlos klingt, lässt sich fast jeder darauf ein. Wenn man jetzt eine Frage stellt, die mit der Angst vor Auftritten zusammenhängt, kommt man zu ganz anderen Antworten, die fast immer mit Emotionen verbunden sind. Solche Fragen können sein:

  • „Was fällt Ihnen, wann Sie sich mal fürchterlich blamiert haben?“
  • „Vor anderen sprechen – was fällt Ihnen dazu ein?“
  • „Wenn Ihre Angst ein Wesen wäre, welche Art von Wesen wäre es?“

Bliebe der Coachee im Alltagsbewusstsein, bekommt man auf diese Fragen keine oder keine sinnvollen Antworten. Denn die Fragen zielen auf das Unbewusste, genauer auf emotional abgespeicherte Erfahrungen. Ist der Coachee aber achtsam, kann er vielleicht bemerken, dass sich sein Herzschlag schneller wird, ihm eine Szene aus der Grundschule einfällt, er die Angst als gemeine Hexe imaginiert usw.

Mit diesen emotionalen Informationen in Kontakt zu kommen, ist für Veränderungen ganz wichtig, weil sie an gemachte Erfahrungen anknüpfen, die mit der heutigen Redeangst vermutlich in Beziehung stehen.

 

5. Irrtum: Emotionen haben im Coaching nichts zu suchen.

Viele Coachees kommen mit dieser Einstellung ins Coaching. Hoffen auf Veränderung mit ein paar Tipps, die sie leicht umsetzen können. Wach mir den Pelz aber mach mich nicht nass. Irrtum!

[tweetable]Einsicht und kluge Tipps, selbst wenn sie richtig wären, reichen nicht für tiefer sitzende Probleme.[/tweetable]

Denn Im Gehirn jedes Menschen hat sich früh ein sehr stabiles System (Autopilot) entwickelt, das unser Fühlen, Denken und Handeln prägt. Dieses System wirkt wie eine sechsspurige Autobahn im Gehirn.

Solche Autopilot-Autobahnen repräsentieren gespeicherte Lösungen und sind deshalb ungeheuer stabil – und widersetzen sich jeder noch so vernünftigen Einsicht.

Der Autopilot hat die Devise: Never change a running system. Das haben wir jetzt siebenunddreißig Jahre lang so gemacht, kennen alle Gefühle, können irgendwie damit umgehen – da wollen wir keine Experimente!

Eine Veränderung vollzieht sich aber in diesen tief sitzenden Handlungsstrukturen (den Basalganglien), deren Aktivität uns nicht zugänglich sind, weil sie komplett unbewusst sind.

Diese Verbindungen können nicht über Gedanken beeinflusst werden, sondern nur durch Erfahrungen, vor allem in vertrauensvollen Beziehungen und durch starke Emotionen.

Erfahrene Coaches, die nicht vor allem auf Tests, Skalentechniken und andere Tools setzen, haben ihre persönlichen Methoden, um diesen Zugang zu den Emotionen des Coachees zu finden.

Ich arbeite deshalb oft mit bestimmten Sätzen in Achtsamkeit, Gestalt-Techniken, lasse Bilder malen und bestimmte Situationen mit Figuren stellen. All diese Zugänge umgehen weitgehend das Alltagsbewusstsein, laden zum Reflektieren ein und lösen Gefühle aus.

Beispiel: Die schlimmen Warnungen auf der Zigarettenschachtel haben noch keinen Raucher von seinem Verhalten abgehalten. Was vermutlich etwas ändert, sind zwei Dinge. Eine Erhöhung der Tabaksteuer (emotionale Beteiligung!) oder das Begräbnis eines Freunds mit Lungenkrebs (Dadurch lernt man emotional, dass an den Warnungen doch was dran ist.)

Sie können das leicht bei sich selbst nachprüfen.

Denken Sie an eine wichtige Gewohnheit oder ein Verhalten, das sie geändert haben. Was genau war die Erfahrung, mit der Sie es letztlich geschafft haben.

PS: Zu diesem Beitrag wurde ich durch die Blogparade „Emotion schafft mehr Wert“ angeregt. Die anderen Beiträge finden Sie hier.

 

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Bild: © www.cartoon4you.de

Der Autor

Bloggt hier wöchentlich seit Juli 2005. Leitet intensive Persönlichkeitsseminare: 6 TN, 3 Tage, 1 Coach. Schreibt Bücher, eBooks und eMail-Kurse. Zeichnet jetzt sogar Cartoons.

15 Kommentare

  1. Wieso Angst? Verdrängtes macht Angst. Seine Gefühle NICHT wahrzunehmen, gerade als Führungskraft, führt zu den ach so rational-begründbaren Entscheidungen.
    Ich arbeite seit 2007 mit dem Zürcher Ressourcen Modell und den sogenannten Somatischen Markern. Sie sind ein hervorragendes Instrument der Selbst!Führung!
    SICH differnzierter wahrzunehmen, kann ERST mal verunsichern. Im Nachhinein wird es aber sehr wohl als Zuwachs an Selbst-Sicherheit mit entsprechender Entscheidungs- und Führungssicherheit be- und gewertet!

    Und jetzt kommt das ABER: Es gibt Menschen, vor allen Dingen männliche Führungskräfte, die brauchen Anleitung im Fühlen, im In-sich-horchen, um auch Mitgefühl mit sich selbst zu lernen und ggf.Selbst-Mitgefühl entwickeln zu können. Die sagen dann erst mal Sätze wie: „Ich DENKE, dass ich jetzt fühle…“. Steigerung: „Ich glaube, ich denke, ich fühle jetzt…!. Aber auch angstfreieres Fühlen lässt sich lernen und ist wie vieles im Leben eine Frage der Übung.
    Das ist die EINE Seite des Menschen generell: Er kann fühlen, er sollte fühlen.
    Es gibt aber auch den Gegenpool: Die fühlen und fühlen und fühlen permanent IN sich, kreisen um sich und IHRE Gefühle, denen gehört erklärt, dass jetzt man DENKEN dran ist. Hier wie dort, mein Credo ist: JEDES Übermaß ist schädlich. Es gilt Fühlen und Denken, Selbstsorge und Fürsorge für andere in Balance zu bringen. Egal, ob als Mutter, Vater, Führungskraft, Coach…
    Sonnige Grüße aus dem Norden.
    Maria Ast

  2. Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    danke für den guten Austausch hier!
    Es ist immer wieder spannend, dass sich sich Führungskräfte für rational handelnde „Rolleninhaber“ halten. Um wieder zu lernen, sich selbst wahrzunehmen, empfehle ich ihnen dann, beim Öffnen des Email-Accounts mal bewußt wahzunehmen, was (und wo) sie etwas fühlen nur beim Anblick verschiedener Absender (ohne den Inhalt zu lesen!).
    Oft gehe ich dann Änderungen an in Anlehnung an das ZRM. Ein spannender Prozess!
    Haben Sie damit Erfahrungen gemacht?
    Viele Grüße aus Münster
    Uta Steinweg
    RHETORICA

  3. Ich bin voll Ihrer Meinung was die Wirkung von Coachings betrifft. Leider gibt es viele schwarze Schaafe in dieser Branche die nur auf das Geld aus sind, was definitiv nicht der Sinn von Coaches sein sollte.

  4. Ich möchte noch eins ergänzen: Ich bin Sozialer Ansprechpartner und helfe als Kollege anderen Kolleginnen und Kollegen in Not. In der intensiven Ausbildung geht man in der Supervision schon sehr ans eingemachte und beschäftigt sich mit sich selbst und was einen triggert.
    Früher hat man zum Studium im Bereich Psychotherapie fast ausschließlich Menschen zugelassen, die selbst belastende Erlebnisse hatten. Heute ist der Trend ein anderer. Man sucht Menschen, die nicht belastet sind. Die Wahrheit liegt für mich tendenziell – wie fast bei allem – in der Mitte. Manches kann gut sein (Vorbildung, Erfahrung etc.) muss aber nicht. Letztendlich kackt die Ente hinten: heißt, wenn es jemanden hilft, zu einem Schamanen zu gehen und es geht ihm besser, möchte ich ihm das nicht ausreden, wenn es tatsächlich so ist.

  5. @ Maria Ast – ja, es ist schon erstaunlich, welche unterschiedlichen Bedeutungen wir Worten beimessen. Mit Leid hätte ich Achtsamkeit jetzt nicht in Verbindung gebracht, obwohl bewusste Wahrnehmung natürlich auch Leid (oder unangenehme Gefühle) verursachen kann. Verdrängen ist oft schmerzfreier.
    Herzliche Grüße
    Gerda Hoffmann

  6. @ Gerda Hoffmann – Ich glaube, wir meinen dasselbe: Kenntnis bzw. Erkenntnis von Zusammenhängen befreit auf einer sehr tiefen Ebene. Das gibt Selbst-Sicherheit im und mit allerbesten Sinn/Sinnen.

    Ich tue mich immer ein bisschen schwer mit dem Begriff ACHTSAMKEIT. Wie bei jedem Wort haben wir alle unterschiedliche Assoziationen dazu, weil unterschiedliche Erahrungen damit. Bei mir triggert es sofort: Ah, Buddhismus =
    Dauerbewusstseinsstatus im Hier und Jetzt halten, Leid als Ausgangspunkt, mich vom Ego lösen etc.

    Bewusstheit, Self-Awareness sind eher meine Vokabeln.Vielleicht gibt es ja auch mehr als einen Weg, um das zu erreichen, was wir anstreben: Menschen zu helfen/zu befähigen, Veränderung leichter zu bewältigen.
    Herzlich grüsst
    Maria Ast

  7. Liebe Frau Ast,
    zu spüren, was man fühlt und erwachsen damit umzugehen ist sicher ein wichtiger Schritt und nicht ganz einfach. Bisher habe ich gedacht, dieses „Gefühlsmanagement“ sei für Veränderungen völlig ausreichend. Aber manchmal muss man einfach tiefer „graben“. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es gut ist, wenn man den Zusammenhang zwischen bestimmten Emotionen und Situationen in der Vergangenheit erkennt. Das ist nicht immer leicht, aber Achtsamkeit ist dabei enorm hilfreich. Und unangenehme Gefühle verschwinden schneller, wenn man ihren Ursprung erkannt hat. Damit werden Veränderungen leichter.
    Herzliche Grüße
    Gerda Hoffmann

  8. Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    Meine Erfahrungen als Coach:
    zu Ihrem Punkt 1): Ich glaube es kommt darauf an, wie man(n) WERKZEUGE definiert. Ich gebe (vielen therapieerfahrenen) Kunden genau das an die Hand: Werkzeuge, mit denen sie selbst weiterarbeiten können; Meta-Kommunikationswerkzeuge eben, die generell und nicht nur speziell – wie 1000 Tipps das tun – wirken.

    Zu 2.) Doch, bei mir geht es gleich (nach einem Kurztelefonat) los. Das liegt m.E. in der Unterschiedlichkeit unserer Klientel. Sie sind eben nicht nur Coach, sondern auch Psychologe. Meine Kunden haben zu 99% Erfahrung mit Business-Coaching/Therapie/sind selbst Coach.
    Die wollen und können gleich loslegen. Die sind schon sehr reflektiert und wollen ’nur’andere Lösungsangebote als die schon bekannten/nicht funktionierenden.

    Zu 3.)Da gehe ich völlig konform mit Ihnen. Ich komme mir häufig so vor wie Yalom es in seinem berühmten Fallbeispielbuch „Die Liebe und ihr Henker“ beschreibt: Dass er der Zerstörer einer unhaltbaren Illusion ist, weil alle mit der Erwartung kommen, dass er ihnen hilft, ihre Liebe zu ‚retten‘.
    Aber auch hier: Es ist eine Frage des Coach-Typus. Ich kenne dermaßen viele Kuschelcoaches, die ‚Wohlfühlmomente‘ vermitteln. Nundenn, dazu zähle ich sicher nicht. Das klärt sich aber schon im ersten Telefonat/Kontakt.

    Zu 4. und 5. – Einsicht ist der ERSTE Schritt zur Veränderung. Einsicht heißt: Ich nutze meinen Kopf, meinen Verstand, meine Vernunft. Kann ich das nicht tun, folge ich Außenmächten! Oder inneren Prägungen und Automatismen. Einsicht ist Bewusstheit, was und warum und wozu ich etwas machen WILL.
    Das ist ja die Crux in Gesprächstherapien – und da spreche ich aus viel Eigenerfahrung – dass sie Einsichten zuhauf vermitteln, aber die ‚Werkzeuge‘ nicht bereit stellen, wie sie die verändernd und verbessernd in ihr Leben holen.

    Was Emotionen angeht: Ja. Ja. Ja. Sie sind mit der Dreh- und Angelpunkt, wenn es um Veränderungsmotivation geht. Aber, und da widerspreche ich Ihnen, auch Weg-Von-Motivation hat einen wahnsinnigen, wenn nicht gar größeren emotionalen Anteil als alle herbeigeredete Positivmotivation. Der Mensch rennt um 5 vor 12 eben schneller als um 5 nach 12.

    Fühlen können alle. Die Kunst besteht für mich darin, ‚erwachsen‘ fühlen zu lernen, zu wissen, WAS fühle ich da eigentlich und WIE kann ich mit dem Gefühlten anders umgehen? Wie kann ich sie für meine Motivation nutzen? Und dafür gibt es WErkzeuge, die den Zugang dazu erheblich erleichtern. Ich arbeite mit Somatischen Markern. Die zeigen, dass nicht nur Kopf und Bauch unterschiedlicher Meinung sein können, sondern auch Gefühle in die völlig konträre Richtung weisen können. Und dann? Dann gilt es, die Blockaden ernstzunehmen und zu integrieren.

    Wer mehr verstehen möchte, wie Denken, Fühlen, Handeln zusammenhängt bzw. wie sehr Emotionen unsere Entscheidungen beeinflussen, findet Futter in Antonio Damasios Bestseller: „Descartes Irrtum“.

    Hui, nun ist der Kommentar doch viel länger geworden als geplant. War wohl emotionally highly motivated.
    Herzlich grüßt Maria Ast

  9. Sie sprechen mir aus der Seele, danke dafür. Coachs sind keine Waschanlage! Vorne belastet rein, hinten clean wieder raus.

  10. Das Bäckerbeispiel ist super, Herr Kopp-Wichmann.
    Und vermutlich greift hier der alte Satz, dass der Wurm dem Fisch schmecken muss. Und manch einer vertraut eben weniger, wenn die Kompetenz so arg von draußen oder aus ganz anderen Blickwinkeln kommt…
    Danke für’s Trommeln!
    Herzliche Grüße,
    S. Stockhausen

  11. Ja, die alte Sache, ob man Bäcker gelernt haben muss, um zu beurteilen, ob ein Brot nicht schmeckt.
    Ich coache auch hochrangige Führungskräfte, ohne jemals eine solche Position gehabt zu haben. Top-Coaches betonen in ihrer Vita gern diesen Punkt in der Biografie. Das mag zwar für die Akzeptanz bei einigen Kunden helfen.
    Aber ich glaube auch, dass es mehr den Blick verengt, weil man die Spielregeln in den höheren Etagen schon verinnerlicht hat und dem frischen Blick geopfert hat.
    Nicht umsonst holen sich ja Unternehmen für tiefgreifende Veränderungen Berater von außerhalb herein anstatt interne Organisationsberater zu beschäftigen.

    Viel Erfolg mit Ihrer Blogparade! (Ich werde dafür trommeln.)

  12. Danke für diesen Beitrag, Herr Kopp-Wichmann.
    Sie sprechen mir aus der Seele. Am Wochenende haben wir unseren aktuellen Ausbildungsjahrgang zertifiziert und sind immer wieder auf diejenigen Themen gestoßen, die sie fokussieren.

    Gerade Punkt 4 sollten Coaches im Blick behalten. Wie erzeuge ich eine emotionale Bindung an eine gefundene Lösung? Und wie sorge ich für eine emotionale Bindung an die tatsächliche Umsetzung dieser Lösung?
    Spätestens hier zeigt sich dann, wer als Coach nicht einfach nur sein Handwerk versteht, sondern kundenbezogen den richtigen emotionalen Raum schafft. Auch ich favorisiere dabei Gestaltmethoden und begeistere mich später an Kunden, die mit diesen Bildern Veränderung wirklich gestalten.

    Darum mag ich noch einen Irrtum ergänzen: Coaches brauchen die Felderfahrung ihrer Kunden.
    In meiner Zeit als Bewährungshelfer hätte dies bedeutet, dass ich selbst erst als Schläger, Trinker, Betrüger usw. hätte Erfahrungen sammeln müssen, um dann mit Straftätern arbeiten zu können. Wer zur Empathie wirklich fähig ist, kann sich auf die emotionale Wirklichkeit seiner Kunden einschwingen. An deren Umwelt wird er ein natürliches Interesse haben. Das Erklären dieser Wirklichkeit hilft Kunden oftmals, selbst auf Zusammenhänge zu stoßen, die sie quasi betriebsblind übersehen. Erfahrungsfreiheit ist m. E. ein guter Schutz für Coaches, sich aus der Ratgeberrolle herauszuhalten und dem von Ihnen skizzierten Coachingauftrag gerecht zu werden.
    Schöne Grüße aus Bochum,
    Stephan Stockhausen

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